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Politik Terrorist war zum Mord an vielen US-Soldaten entschlossen
Mehr Welt Politik Terrorist war zum Mord an vielen US-Soldaten entschlossen
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22:29 10.08.2009
Der Angeklagte Fritz Glowicz im Verhandlungssaal des Oberlandesgerichtes in Düsseldorf zwischen seinen Anwälten Dirk Uden (l.) und Hannes Linke. Quelle: Federico Gambarini/Pool/ddp
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Nein, er bereut seine Terrorvorhaben nicht. „Aber ich würde es nicht wieder tun“, sagte Fritz Gelowicz am Montag vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf. Der Kopf der sogenannten Sauerland-Gruppe hat ausgepackt. Detailliert legte er am Montag dar, wie es zur Planung der Terroranschläge in Deutschland kam, welche Ziele die Gruppe hatte und warum sie sich so sicher fühlte.

Gelowicz wirkt eigentlich wie ein unauffälliger Student. Brille, gescheitelte braune Haare, blaues Kurzarmhemd, Jeans. Nichts an ihm wirkt fanatisch, der Vollbart ist sorgsam gestutzt. Er sitzt in der Mitte des großen Gerichtssaales, direkt vor Richter Ottmar Breidling. Gelowicz spricht frei und konzentriert, mit leicht vorgebeugtem Oberkörper. Bisher hatte Gelowicz die Aussage verweigert, doch vor der Sommerpause kündigten die vier Angeklagten Geständnisse an.

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Wochenlang sagten sie beim Bundeskriminalamt aus, jetzt sollten die Inhalte ins Gerichtsverfahren eingebracht werden. „Sie können so lange spreche wie sie wollen“, sagte Richter Breidling zu Beginn der Verhandlung. Seit die Angeklagten angekündigt haben, dass sie auspacken, ist der oft scharf und zynisch wirkende Richter die Liebenswürdigkeit in Person. Gelowicz nutzte die Möglichkeit ausgiebig und sprach mehr als drei Stunden lang in ruhigem, fast schon lakonischem Ton.

Dass es dabei um tödliche Anschläge ging, war kaum zu spüren. Die Atmosphäre im Gericht war wohlwollend und freundlich. Eigentlich, so berichtete Gelowicz, der als Jugendlicher zum Islam übergetreten war, hätten er und seine Freunde keine Anschläge begehen, sondern „Dschihad machen“ wollen. Das heißt für ihn, „wir wollten gegen amerikanische, russische oder pakistanische Soldaten kämpfen, um die Not der unterdrückten Muslime zu lindern“. Im Irak, in Tschetschenien oder in Afghanistan, Details waren ihnen egal. Eher durch Zufall landete die Gruppe in einem Ausbildungslager der usbekischen IJU (Islamischer Jihad Union) in Pakistan.

Aber schon der Begriff „Lager“ ist übertrieben. „Es war“, sagte Gelowicz, „ein Haus in den Bergen“, wo drei Dschihad-Interessenten, darunter er und der hessische Deutschtürke Adem Yilmaz, in Waffen-, und Sprengstoffkunde unterrichtet worden seien. Letztlich durften die beiden aber nicht wie gewünscht aufs Schlachtfeld, sondern wurden von der IJU-Führung nach Europa geschickt, um Anschläge zu begehen. „Es gab in der Gruppe einfach sonst niemanden, der sich in Europa auskannte“, war die einfache Begründung. Gelowicz musste nicht lange überredet werden. „Es leuchtete mir ein, dass man in Europa mit weniger Aufwand viel mehr Schaden anrichten kann.“

Anschläge in Afghanistan seien wegen der dortigen massiven Militärpräsenz nämlich schwieriger, als es die Medienberichte darstellten. Allerdings, das musste Gelowicz lernen, ist es auch nicht so einfach, in Deutschland einen Anschlag zu begehen. Die Gruppe wurde aufgrund von Geheimdienstwarnungen von Beginn an überwacht. Dabei war die Oberservation durch den Verfassungsschutz jedoch so offensichtlich, dass Gelowicz sich von nun an eher sicherer fühlte. „Ich dachte, das merke ich schon, wenn die uns beobachten.“ Deshalb machten sie trotz einer frühen Hausdurchsuchung unbeirrt weiter und ahnten nicht, dass die Polizei längst ihren trickreichen E-Mail-Verkehr mitlas und stets alles unter Kontrolle hatte.

Als Gelowicz, Yilmaz und der später hinzugekommene Daniel Schneider im September 2007 beim Bombenbasteln im Sauerland verhaftet wurden, kam das für Gelwowicz „absolut überraschend“. Zu den Anschlagszielen sagte Gelowicz gestern, man habe US-Soldaten töten wollen, „viele, nicht nur zwei oder drei“. Mit Autobomben hätte man Diskos und Pubs angegriffen, in denen häufig US-Soldaten verkehren. „Und wenn dabei auch Zivilisten, gleich welcher Nationalität, getötet worden wären?“ fragte Richter Breidling. „Das hätten wir in Kauf genommen – nicht aber den Tod von Kindern“, antwortete Gelowicz.

Die Gruppe habe außerdem ein Signal an die deutsche Öffentlichkeit senden wollen, damit die deutschen Truppen aus Afghanistan abziehen. „Dazu wollten wir Sprengstoff in Parkhäusern von Flughäfen detonieren lassen“, berichtete Gelowicz, „dabei sollte es aber keine Verletzten geben.“„Sehen Sie sich auch heute noch als Mudschaheddin?“, fragte ganz zum Schluss Richter Breidling. „Nein, ich sehe mich als Gefängnisinsasse“, lautete die schlagfertige, aber ausweichende Antwort von Gelowicz. Dann wurde er aber doch deutlich. Er werde nach Verbüßung seiner Strafe nicht in den Dschihad zurückkehren, sondern etwas anderes mit seinem Leben anfangen.

Richter Breidling und Ankläger Volker Brinkmann zeigten sich von der offenen und ausführlichen Schilderung des Ulmers beeindruckt. Beide betonten, dass sie so etwas in ihrem langen Berufsleben noch nicht erlebt hätten. „Natürlich“, so erläuterte Brinkmann, „hat das auch taktische Gründe. Wer rechtzeitig ein Geständnis ablegt, bekommt einen Strafnachlass.“ Wie hoch der Nachlass sein wird, darauf wollen sich Gericht und Bundesanwaltschaft noch nicht festlegen. Es gab bisher keine Absprachen in diesem Verfahren.

Positiv falle für Gelowicz aber auch ins Gewicht, dass er wohl wirklich reinen Tisch machen wolle. Dies sei kein Geständnis gewesen, wo gerade das Nötigste ausgesagt werde, lobte der Staatsanwalt. Vielmehr schilderte der Angeklagte auch viele Details, etwa zum Tagesablauf in einem Ausbildungslager, die für die Sicherheitskräfte sicher sehr interessant sind.

Entlastet wurde am Montag der vierte Angeklagte Attila Selek, ein Jugendfreund von Gelowicz. Er war zwar am Anfang beteiligt, wollte aber nur einige Hilfsdienste verrichten. Im Februar 2007 zog er in die Türkei und heiratete dort. Allerdings half er von dort aus bei der Beschaffung der Zünder für den Sprengstoff. „Es tut mir leid, dass ich ihn mit hineingezogen habe“, sagte Gelowicz. Der Prozess wird durch die Geständnisse abgekürzt, aber wohl noch Monate dauern.

von Christian Rath