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14:03 28.10.2009
Freiwillige helfen, die Getöteten des Bombenanschlags im pakistanischen Peshawar zu bergen.
Freiwillige helfen, die Getöteten des Bombenanschlags im pakistanischen Peshawar zu bergen. Quelle: afp
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Während in Washington US-Präsident Barack Obama noch an seiner neuen Militärstrategie für die Region feilt, stürmten in der afghanischen Hauptstadt Kabul am Mittwoch mehrere Taliban-Kämpfer ein von der UN genutztes Gästehaus und töteten sechs Ausländer. Und während US-Außenministerin Hillary Clinton im Rahmen einer neuen diplomatischen Offensive einen Besuch im Nachbarland Pakistan antrat, riss dort eine Autobombe auf einem belebten Markt der Provinzmetropole Peshawar dutzende Menschen in den Tod.

Dies sei nur „die erste Stufe“, verdeutlichte kurz nach dem Anschlag von Kabul ein Taliban-Sprecher per Telefon, dass die islamistischen Rebellen ihre Terrorkampagne weiter verschärfen wollen. Die Ziele der Taliban sind klar: Die Furcht vor der Gewalt soll noch mehr Afghanen als beim ersten Wahlgang im August von den Urnen fernhalten - und die Wahl so zu einer Farce verkommen lassen. Und ferner soll in einer Phase, in der Politiker und Militärs des Westens um neue Konzepte zur Stabilisierung der Region ringen, die Skepsis geschürt werden, ob der internationale Militäreinsatz überhaupt noch zum Erfolg führen kann.

Mit ihrem neuen Angriff im Herzen von Kabul demonstrierten die Taliban, dass sie auch in einer der am schärfsten gesicherten Zonen des Landes den Terror zu säen imstande sind. Mindestens drei Rebellen, als Polizisten verkleidet, waren am frühen Morgen in das Gästehaus eingedrungen. Rund drei Stunden dauerte das Gefecht mitten im Geschäfts- und Hotelviertel Schar-e-Now, nach einer heftigen Explosion ging das Gebäude in Flammen auf. Neben den mindestens sechs ausländischen Opfern wurden auch alle Angreifer getötet.

Ihr Ziel hatten die Taliban sorgfältig gewählt - rund 2000 Mitarbeiter der UN halten sich in Kabul auf, von denen viele die Aufgabe haben, für einen ordentlichen Ablauf der Wahlen zu sorgen. Auch unter ihnen wird nach dem neuen Anschlag die Furcht wachsen: „Wir sind jetzt alle Zielscheiben“, sagte ein in Kabul ansässiger Ausländer.

Im pakistanischen Peshawar detonierte unterdessen eine gewaltige Autobombe auf einem der wuseligen Märkte der Provinzmetropole. „Es war ein gewaltiger Knall. Ich sah sterbende und brüllende Menschen auf der Straße“, sagte ein Augenzeuge. Die Regionalbehörden sprachen von mehr als 80 Toten, darunter viele Frauen und Kinder. Die Befürchtung war, dass die Opferzahl noch deutlich steigen würde, da viele Menschen unter den Trümmern der Markstände und eines eingestürzten Gebäudes verschüttet waren.

Auch wenn sich zunächst niemand zu dem Anschlag von Peshawar bekannte - dass auch diese Gewalttat auf das Konto der Taliban oder des Terrornetzwerks El Kaida geht, daran herrschte kaum ein Zweifel. Es könnte sich um einen weiteren Racheakt für die derzeitige Offensive der pakistanischen Armee gegen die Taliban-Hochburg Süd-Waziristan handeln. Und auch das Timing des neuen Anschlags war womöglich kein Zufall: Denn kurz zuvor war Hillary Clinton als bislang höchste Vertreterin der Obama-Regierung in Pakistan eingetroffen, um den Schulterschluss mit dem strategischen Schlüsselpartner zu üben.

Die USA wollen neben der militärischen einen neuen Akzent auf die zivile Kooperation beider Länder legen - doch Clintons Besuch war nun ganz von dem Blutbad von Peshawar überschattet. Die USA stünden „Schulter an Schulter mit dem pakistanischen Volk im Kampf für Frieden und Sicherheit“, versicherte sie. Präsident Obama brütet derweil weiter über seiner neuen Strategie für den Einsatz am Hindukusch - am Freitag trifft er sich dazu mit dem US-Generalstab. Sollte Obama sich für eine deutliche Aufstockung der US-Truppenpräsenz entscheiden, könnte ihm allerdings die derzeitige Terrorwelle die Überzeugungsarbeit gegenüber der heimischen Öffentlichkeit deutlich erschweren.

afp