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Politik Steinmeier zieht mit zehn Frauen und acht Männern in den Wahlkampf
Mehr Welt Politik Steinmeier zieht mit zehn Frauen und acht Männern in den Wahlkampf
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20:44 30.07.2009
Von Reinhard Urschel
Frauenpower gegen das Meinungstief: SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier präsentiert das Wahlkampfteam mit zehn Frauen. Quelle: Michael Kappeler/ddp
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Die Behauptung, dass kein Blatt Papier zwischen sie passe, haben sich Franz Müntefering und Frank-Walter Steinmeier gerade noch verkniffen. Damit hätten sie nämlich nur ganz unpassende Erinnerungen wachgerufen. Der SPD-Vorsitzende und der Kanzlerkandidat wollten, wie einst Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder, die Eintracht an der Spitze der Sozialdemokratie anschaulich machen. Heute aber ist das anders als damals kein Schauspiel, sondern viel näher an der Wahrheit, wenn die beiden führenden Genossen erklären, sie wollten gemeinsam in die Hände spucken. Steinmeier hat das jedenfalls so gesagt, und Müntefering hat hinzugefügt: „Wir sind auf der Höhe der Zeit. Nun geht’s los. Mit heute.“

Das klingt nach Aufbruch und Entschlossenheit. Doch der Wahlkampf der SPD kommt nur ruckelnd in Gang, obwohl die Straße frei ist. In der Parteizentrale waren sie der Auffassung, dass man als Herausforderer die Gunst der Stunde nutzen und den Wahlkampf eröffnen müsse, solange die Kanzlerin im Urlaub weile und die kleineren Parteien noch nicht so weit seien. Die Affäre um den Dienstwagen der Gesundheitsministerin hat die Inszenierung dieser Woche aber nachhaltig gestört. „Abhaken und unterhaken“, hat Müntefering auf der Klausur der Parteispitze am Donnerstag in Potsdam noch einmal als Losung ausgegeben. Steinmeier hat es draußen vor der Tür, im Naturgarten am Templiner See, auf seine Weise ausgelegt: „Sie sehen einen gut gelaunten Kanzlerkandidaten der SPD.“

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Er müsse häufiger als bisher klarmachen, dass er die Macht wirklich wolle, haben ihm seine zahlreichen Berater nun oft genug gesagt, und so stellt sich Steinmeier dann bei der Vorstellung seines Wahlkampfteams hin und beginnt tatsächlich einen Satz mit den Worten: „Ich will als Kanzler ...“ Mit seinem Team will er die Unentschlossenen an die Wahlurnen holen, damit diese, wie Müntefering sagt, „nicht nur wählen gehen, sondern auch das Richtige wählen“. Als Kampfthemen nennt Steinmeier Arbeit, Bildung und Familienpolitik. Bestritten werden sollen sie von 18 Experten: Sechs davon sind derzeit Bundesminister – Peer Steinbrück, Olaf Scholz, Brigitte Zypries, Wolfgang Tiefensee, Heidemarie Wieczorek-Zeul und Sigmar Gabriel. Zwölf sind frische Gesichter.

„Wir wollen kein einfaches ,Weiter So‘, wir wollen den Aufbruch zum Besseren“, sagt Steinmeier. Er nimmt für die SPD erneut in Anspruch, aus ihrer Werkstatt seien die Konzepte zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise gekommen. Ohne Investitionsprogramme und Ausweitung der Kurzarbeit wären die Arbeitslosenzahlen noch viel höher. „Soziale Politik wird es nur geben, wenn die SPD Motor in der Regierung bleibt“, sagt Steinmeier.

Namhafte Überraschungen bietet Steinmeiers Team nicht, sieht man von dem Jungunternehmer und Multimillionär Harald Christ ab. Den vage geäußerten Verdacht, er habe die Kernkompetenzen für ein Wahlkampfteam aufgefächert in Verbraucher, Sport, Bildung, Forschung, um den Frauenanteil durch Untergliederung künstlich zu erhöhen, weist Steinmeier von sich. Jede dieser Kompetenzen sei für sich genommen von Wert. Wenn er Barbara Hendricks als Verbraucherexpertin aufbiete, dann habe er bewusst eine Frau gewählt, die als ehemalige Staatssekretärin den Finanzsektor bestens kenne. Ob das nicht ein Bereich sei, in dem die Menschen gerade in der Finanzkrise Kennerschaft erwarten dürften?

Auch den Hinweis auf ein niedersächsisches Übergewicht im Team fegt Steinmeier hinweg: „Die Teammitglieder stehen für das Land, nicht für eine bestimmte Region.“ Zudem dürfe er selbst nicht mehr zur Niedersachsen-Riege gezählt werden. Auf seinen Wahlkreis im Havelländischen anspielend, ordnet der Kandidat sich im Osten ein: „Ich bin Neu-Brandenburger.“