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Politik Steinmeier spendet seiner Frau eine Niere
Mehr Welt Politik Steinmeier spendet seiner Frau eine Niere
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23:06 23.08.2010
Rechnet mit seiner Wiederkehr „in alter Frische“: Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender bei einem Wanderurlaub in Südtirol.
Rechnet mit seiner Wiederkehr „in alter Frische“: Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender bei einem Wanderurlaub in Südtirol. Quelle: dpa
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Der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier stellt sich als Organspender für seine schwer kranke Frau zur Verfügung und zieht sich vorübergehend aus der Politik zurück. Bereits am Dienstag sollen beide operiert werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und zahlreiche andere Spitzenpolitiker äußerten sich berührt und reagierten mit Hochachtung auf Steinmeiers Entscheidung.

Seine 48 Jahre alte Ehefrau Elke Büdenbender leide seit einigen Wochen an einer fortgeschrittenen Nierenerkrankung, teilte Steinmeier am Montagmorgen überraschend mit. „Mangels Alternativen, und weil die entsprechenden Voruntersuchungen das auch erlauben, werde ich selbst der Spender sein.“ Der 54-Jährige fügte hinzu: „Sie haben sicherlich Verständnis dafür, dass ich deshalb für einige Wochen nicht auf der politischen Ebene aktiv sein werde.“ Der frühere SPD-Kanzlerkandidat zeigte sich angesichts der ärztlichen Expertisen sehr zuversichtlich, dass er nach dem Eingriff wieder ohne Einschränkung – möglichst ab Oktober – aktiv sein könne. Vorher plant er gemeinsam mit seiner Frau einen längeren Aufenthalt in einer Reha-Klinik. „Wir nehmen uns die Zeit, die wir brauchen“, kündigte er an. „20 Jahre Politik auf den Knochen der Familie, jetzt ist es mal umgekehrt.“

In Steinmeiers Abwesenheit wird SPD-Vize-Fraktionschef Joachim Poß die Amtsgeschäfte übernehmen. Der 61-jährige Poß ist der dienstälteste SPD-Abgeordnete und Finanzexperte.

„Wir sehen uns dann ja bald wieder“

Über Krankheiten wird im politischen Berlin nicht gesprochen, allenfalls gemunkelt. Erst wenn es nicht mehr zu umgehen oder allzu offensichtlich ist, werden „Erklärungen“ herausgegeben, meist beschwichtigenden Inhalts. Krankheit und Politik schließen einander offenbar aus. Heimlichtuerei aber lässt sich nicht mehr durchhalten in einer Mediengesellschaft. „Wenn es erst einmal der Pförtner der Charité weiß“, hat Jürgen Trittin gesagt, als er mit einem Herzinfarkt in dem Berliner Großklinikum lag, „dann ist es auch bald rum in der Stadt.“

Am Montag ist ein weiterer Fall eines deutschen Spitzenpolitikers bekannt geworden, der entscheiden musste, wie er mit dem Thema Krankheit umzugehen gedenkt. Diesmal drehte sich die Entscheidung nicht darum, wie es dem Politiker selbst geht, sondern wie die Heilungschancen für seine Frau sind. Am Morgen hat der SPD-Fraktionsvorsitzende und frühere Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier kurzfristig zu einer Pressekonferenz eingeladen. Es hätte nahegelegen, dass es um die Rente mit 67 geht, ein Thema, bei dem der Fraktionschef mit dem Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel nicht übereinstimmt. Steinmeier aber beginnt unvermittelt mit einer sehr persönlichen, privaten Erklärung. „Meine Frau ist schwer erkrankt“, sagt er. „Nur eine Organtransplantation kann helfen.“ Was er dann sagt, klingt im ersten Augenblick sehr privat, aber es hat politische Folgen: „Ich werde der Organspender sein.“ Schon am Mittag, so sagt Steinmeier, wolle er sich in ärztliche Obhut begeben. „Die Operationen für die Organverpflanzung werden im Verlauf dieser Woche stattfinden“, sagt er. Im Laufe des Tages folgt die Erklärung, dass er und seine Frau bereits an diesem Dienstag operiert werden.

Die Nierenerkrankung von Steinmeiers Frau Elke Büdenbender hatte sich in den vergangenen Tagen offenbar zugespitzt, Alternativen zu einer Organtransplantation fanden sich nicht, berichtet ihr Mann. Weil die Wartezeiten für ein Spender­organ zu lang sind, entschied sich der frühere Außenminister, selbst zu helfen. Er weiß natürlich, dass der Eingriff Risiken birgt, weil es Abstoßreaktionen geben kann. Nur bei engen Verwandten verringert sich das Risiko. Steinmeier selbst trägt seit seinen Studententagen einen Organspendeausweis mit sich. Damals drohte die Erblindung seines linken ­Auges. Durch eine Hornhauttransplan­tation wurde dies verhindert.

Steinmeiers Frau stammt aus dem Siegerland, was sie nicht verheimlichen will, denn ab und an lässt sie noch ein heimatliches „woll“ in ihre Sätze einfließen. Höchst selten treten die beiden gemeinsam auf, als Begleiterin bei offiziellen Anlässen ist die 48-Jährige so gut wie nie zu sehen. Die wenigen Fotos, die es von beiden gibt, zeigen das Paar beim Bundespresseball, bei der Hochzeit von Parteifreund Matthias Platzeck oder beim Rundgang durch Berliner Galerien. Die Juristin drängt es augenscheinlich nicht ins Rampenlicht. Privat wird Elke ­Büdenbender als offen, unkompliziert und erdverbunden beschrieben – wie Steinmeier selbst auch. Die Boulevardzeitung „Bild“ verlieh der Frau mit dem „unwiderstehlichen Lachen“ den Titel „Genossin Charme“.

Steinmeier und seine Frau wuchsen in der nordrhein-westfälischen Provinz auf. Nach der Schule absolvierte sie zunächst eine Lehre als Industriekauffrau, bevor sie zum Jurastudium ins hessische Gießen ging. Dort war der sechs Jahre ältere Steinmeier bereits wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Rechtswissenschaft. Sie lernten sich 1988 kennen, „wie man sich halt so kennenlernt“, sagt sie. Die Hochzeit folgte 1995, ein Jahr später kam die gemeinsame Tochter zur Welt. Die drei Steinmeiers sind ausgesprochene Familienmenschen. Selbst in den angespanntesten Zeiten als Außenminister und Kanzlerkandidat hat sich Steinmeier die Zeit genommen, am Sonntagnachmittag mit seiner Tochter durch Zehlendorf zu radeln. Seit 1999 arbeitet Elke Büdenbender als Richterin am Berliner Verwaltungsgericht. Über die Aufgabenteilung im heimischen Haushalt verrät sie nur so viel, dass sie gern im Garten werkelt. „Fürs Rasenmähen ist allerdings Frank zuständig.“

Der SPD-Fraktionschef gibt sich am Montag zuversichtlich, er will Optimismus verbreiten. „Gehen Sie davon aus, dass Sie mich in alter Frische wiedersehen.“ Schon im Oktober wolle er wieder in den politischen Betrieb zurückkehren, sagt er. Für seine Abwesenheit sei alles geregelt, in dieser Zeit werde der dienstälteste Fraktionsvize Joachim Poß die SPD-Bundestagsabgeordneten führen.

Steinmeiers Auftritt weckt Erinnerungen an den Ausstieg des damaligen SPD-Vizekanzlers Franz Müntefering. Der Arbeitsminister in der Großen Koalition gab im November 2007 alle Ämter auf, um sich um seine schwerkranke Frau zu kümmern. Kanzlerin Angela Merkel hatte ihm angeboten, dafür eine Auszeit zu nehmen, doch Müntefering wollte komplett für seine Frau da sein.

Peter Struck, der langjährige SPD-Fraktionschef und Verteidigungsminister, hat in seiner langen Politikerkarriere zwei Herzinfarkte und einen Schlaganfall erlitten. Der heutige bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer musste 2002 wegen einer lebensbedrohlichen Herzerkrankung als Unionsfraktionsvize im Bundestag eine Auszeit nehmen. Dass man auch mit einer Niere noch für Spitzenämter geeignet ist, zeigte Johannes Rau. Dem damaligen NRW-Ministerpräsidenten wurde 1992 die linke Niere entfernt. Sieben Jahre später wurde er zum Bundespräsidenten gewählt.

„Wir sehen uns dann ja bald wieder“, sagt Frank-Walter Steinmeier am Montag zum Abschied und lächelt.

Der Dienstälteste übernimmt

Was tun, wenn der Chef ausfällt? Die SPD macht’s wie die Truppe: Der Stubenälteste muss ran. Er heißt Joachim Poß. Der 61-jährige Gelsenkirchener sitzt seit 30 Jahren im Bundestag, gehört seit elf Jahren zur Stellvertreterriege der SPD-Bundestagsfraktion und hat bereits Steuerreformkonzepte geschrieben, als Parteichef Sigmar Gabriel noch als Referendar am Gymnasium in Goslar mit den Schülern Gedichte paukte. Er legte sich bereits mit Finanzminister Theo Waigel (CSU) an, als der Traum vom Regieren für die SPD noch unerfüllbar schien. Poß ist ein Parteilinker, aber im politischen Alltagsgeschäft ein Pragmatiker. Er kann streiten, aber auch einlenken.

Als Ersatzteamchef ist er unumstritten. Frank-Walter Steinmeier hat ihn vorgeschlagen; der geschäftsführende Vorstand hat den Vorschlag ohne Murren akzeptiert. Es passt, heißt es.

Schließlich steht in den nächsten Wochen die Haushaltsdebatte im Bundestag an, bei der der Finanzpolitiker Poß ohnehin die erste Geige spielt – es sei denn, es geht um die prestigeträchtige Haushaltsrede. Die wird, wie geplant, Parteichef und Fraktionsvize Gabriel halten. Auch in der Hoffnung, dass pünktlich zur Verabschiedung des Bundeshaushalts Frank-Walter Steinmeier wieder die Chefrolle übernimmt.

Außerdem leitet Poß die SPD-Arbeitsgruppe, die zum Parteitag im September ein neues Steuer- und Abgabenkonzept vorlegen wird. In dem Konzept wird sich auch ein Herzenswunsch des Gelsenkircheners wiederfinden. Einmal im Jahr, so frotzeln Parteifreunde, fordert Poß die Wiedereinführung der Vermögensteuer. Fast wäre sie im vergangenen Jahr auch ins Wahlprogramm gerutscht. In letzter Minute gaben die Linken nach und verzichteten – „aufgrund des Vorlaufs“ hätte man mit der Vermögensteuer-Forderung den Kandidaten Steinmeier beschädigt, räumte Poß damals ein. Der Vorlauf ist nun ein anderer. Neben der Vermögensteuer wird in der Arbeitsgruppe auch über eine Entlastung mittlerer Einkommen und eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes für sehr hohe Einkommensklassen auf 49 oder 50 Prozent nachgedacht. Noch gibt es, wie es vornehm heißt, „konkurrierende Vorstellungen“ in der Gruppe. Kürzlich sollen Fraktionsvize Hubertus Heil und Poß aneinandergeraten sein, als es darum ging, der Staatskasse eine gute Portion Mehreinnahmen zu verschaffen.

Joachim Poß gehört parteipolitisch zu den Frühstartern. Mit 18 Jahren wurde er SPD-Mitglied. Im Anschluss an eine Ausbildung als Stadtinspektor arbeitete er als Geschäftsführer bei der der SPD nahestehenden Jugendorganisation „Die Falken“. Früh engagierte er sich in der Kommunalpolitik, bis er 1980 in den Bundestag wechselte.

Im traditionell roten Gelsenkirchen ist er seitdem der Kandidat ohne Gegenkandidat. Nicht ohne Grund. Für die SPD holt er Bestmarken. Im vergangenen Jahr erhielt er 54 Prozent der Erststimmen in seinem Wahlkreis; bundesweit war es das beste Ergebnis für die SPD, die ansonsten eine dramatische Niederlage verkraften musste. Die Partei belohnte den Mann, der bislang das feste Ticket für die zweite Reihe hatte: Überraschend rückte Poß im November ins SPD-Präsidium und damit in den engsten Führungskreis auf.

Droht nun der große Schwenk? Immer wenn es drauf ankam, hat sich Poß dafür eingesetzt, dass die SPD berechenbar bleibt. Er ist ein Kritiker der Agenda von Exbundeskanzler Gerhard Schröder, ohne sie aufzukündigen. Außerdem gehört er zu den eifrigsten Verfassern von Pressemitteilungen.

Demnächst werden sie mehr Gewicht bekommen. Schließlich ist er geschäftsführender Chef, wenn auch vorübergehend.

Die Chemie der Partner muss stimmen

Für schwer nierenkranke Patienten wie Frank-Walter Steinmeiers Ehefrau Elke Büdenbender ist es ein mehrfaches Glück, wenn sich nahestehende Menschen entschließen, ein Organ zu spenden. Nicht nur, weil sie der kräftezehrenden Blutwäsche entkommen. Mit Nächstenliebe allein ist noch nicht geholfen. Maßgeblich für den Erfolg einer Transplantation ist eine Blutuntersuchung noch vor der entscheidenden Operation. Dabei wird im Labor geprüft, ob sich Gewebe von Empfänger und Spender vertragen. Für das erhoffte Ergebnis braucht es Glück.

Bei diesem sogenannten „cross match“ wird festgestellt, ob der Patient Antikörper gegen Zellen des Spenders entwickelt. Ein Test, der negativ ausfallen sollte. Je höher die Gewebeübereinstimmung, desto größere Chancen bestehen, dass das Organ im neuen Körper lange Jahre funktioniert. Optimal ist es, wenn Organspender und Empfänger dieselbe Blutgruppe haben – zwingend notwendig ist dies in der Transplantationschirurgie nicht mehr.

Ungewissheit aber bleibt. Dass ausreichende Laborwerte keine erfolgreiche Übertragung garantieren, musste vor drei Jahren der kroatische Fußballprofi Ivan Klasnic erleben. Nach einer ersten Operation stieß sein Körper die Niere seiner Mutter ab, im zweiten Versuch gelang es dann mit dem Organ, das Klasnic’ Vater seinem Sohn gespendet hat. Der frühere Formel-1-Rennfahrer Niki Lauda hatte ebenfalls das seltene Glück, von zwei Menschen Nieren zu bekommen. Als das von seinem Bruder gespendete Organ acht Jahre nach der Operation zu versagen begann, schenkte seine Lebensgefährtin eine ihrer Nieren.

Wegen der zahlreichen Untersuchungen verlaufen Transplantationen mit Lebendspendern für Empfänger auf Dauer erfolgreicher. Fünf Jahre nach der Operation funktionieren noch 84 Prozent der übertragenen Nieren, bei verstorbenen Spendern sind es rund 70 Prozent. Der Grund liegt nicht nur in den zahlreichen Voruntersuchungen – der Weg zwischen Spender und Empfänger ist schlicht der kürzere, weil ein oft stundenlanger Transport des Organs entfällt. Das Gesetz zieht den Kreis zulässiger Spender eng. Verwandte bis zum zweiten Grad, also Eltern und Geschwister, dürfen Angehörigen Organe spenden, dazu kommen Ehepartner und Verlobte, aber auch Menschen, die zum Patienten eine „besondere persönliche Verbundenheit“ haben.

Eine weitere Instanz vor Transplantationen sind Gespräche mit Ethikkommissionen der Kliniken. Ärzte und Psychologen wollen herausfinden, ob Organspender freiwillig und ohne finanzielle Gegenleistung des Empfängers helfen. Organhandel ist verboten. Die Gespräche sollen auch sicherstellen, dass Spender Hilfe nicht unter psychischem Druck anbieten.

Für Lebendspender wie Steinmeier ist ihr segensreicher Entschluss zum Helfen nicht ohne Risiko. Spätfolgen sind nicht ausgeschlossen, höherer Blutdruck zum Beispiel, im schlimmsten Fall versagt Spendern ihre verbliebene Niere. Auch die mehrstündige Operation birgt Risiken. Nimmt die Übertragung einen glücklichen Verlauf, kommt der Spender im weiteren Leben ohne Medikamente aus. Im Gegensatz zu Empfängern wie Richterin Büdenbender. Sie bleiben auf pharmazeutische Hilfe angewiesen, solange das fremde Organ funktioniert. Pflicht sind Medikamente, die das eigene Immunsystem schwächen. In der Regel kommt Kortison hinzu, um Entzündungen vorzubeugen.

Die Zahl der Lebendspender steigt. 2009 transplantierten Chirurgen 2772 Nieren, darunter 600 von Angehörigen, so viel wie nie. Derzeit warten 8000 Menschen auf eine Niere.

Reinhard Urschel, Gabi Stief und Gunnar Menkens (mit dpa)

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