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Politik Stasi-Spion erschoss Ohnesorg
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22:10 21.05.2009
Von Stefan Koch
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Dieser Schuss veränderte die Republik. Am 2. Juni 1967 wurde Benno Ohnesorg von dem Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen. Mit dem Tod des hannoverschen Studenten eskalierte die Auseinandersetzung zwischen der radikalen Linken und dem Staat, die wenig später zur Gründung der Terror-Gruppe RAF führte. Viele Linke werteten Kurras’ Schuss als Tat einer immer noch „faschistisch“ durchsetzten Obrigkeit. Jetzt wurden Dokumente entdeckt, die ein ganz neues Licht auf den Beginn der Studentenunruhen werfen: Der Kriminalobermeister, der damals so schnell abgedrückt hat, soll ein DDR-Spion und SED-Mitglied gewesen sein.

Der Historiker Helmut Müller-Enbergs ist in der Berliner Stasi-Behörde auf 17 Akten gestoßen, in denen die Spitzelarbeit des Polizisten akribisch beschrieben wird. Kurras soll sich in den fünfziger Jahren beim Ministerium für Staatssicherheit gemeldet haben und wurde dort mit offenen Armen empfangen. Er galt als vielversprechender Informant: Immerhin gehörte er zum Westberliner Staatsschutz, der „Politischen Polizei“. Einen Befehl, auf Studenten zu schießen, hat Kurras aus Ost-Berlin nicht erhalten. Im Gegenteil: Wie in den Akten zu lesen ist, wurde Ohnesorgs Tod von der Stasi als „bedauerlicher Unglücksfall“ eingestuft. Den Kontakt zu Kurras brach das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) nach dem 2. Juni ab. Dem Geheimdienst wurde die Sache zu heiß. Die Spitzeltruppe befürchtete, mit der Tragödie in Zusammenhang gebracht zu werden, da sie Kurras eine Pistole zur Verfügung gestellt hatte.

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„Das sind brisante Details. Sie werden die Debatte um den Tod meines Vaters und über die Studentenunruhen neu entfachen“, sagte Lukas Ohnesorg dieser Zeitung am Donnerstag. Der gewaltsame Tod seines Vaters sei ein „Schicksalsschlag“ gewesen, der die Familie bis heute belaste. Einblick in die Stasi-Akten konnte der in Hannover lebende Sohn bisher nicht nehmen. Der Historiker Müller-Enbergs stellte das Material lediglich dem ZDF zur Verfügung, das am Donnerstag über den Fall berichtete. Bis heute sind die Tatumstände nicht vollständig geklärt. Kurras wurde in zwei Verfahren freigesprochen, die rückblickend fragwürdig erscheinen. Nach Einschätzung des Berliner Publizisten Uwe Soukup, der sich mit dem Fall beschäftigt hat, wurden belastende Aussagen „entsorgt“. So hörte das Gericht ein Tonband, auf dem die dramatischen Szenen aufgezeichnet worden waren, nicht an.

Ohnesorgs Tod belastet den früheren Polizisten offenbar nicht. In einem Interview sagte der mittlerweile 81-Jährige, heutige Polizisten würden viel zu selten von der Schusswaffe Gebrauch machen. „Wer mich angreift, wird vernichtet. Aus. Feierabend.“