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Politik Nach ESC-Sieg der Ukraine: Russland schießt Phosphorbomben auf Mariupol-Stahlwerk
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11:35 15.05.2022
Stahlwerk Azovstal in Mariupol auf.
Stahlwerk Azovstal in Mariupol auf. Quelle: Alexei Alexandrov/AP/dpa
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Mariupol

Russland hat das Stahlwerk Azovstal in der Hafenstadt Mariupol nach ukrainischen Angaben mit Phosphorbomben beschossen. „Die Hölle ist auf die Erde gekommen – zu Azovstal“, schrieb der Mariupoler Stadtratsabgeordnete Petro Andrjuschtschenko am Sonntag im Nachrichtenkanal Telegram. Solche Brandbomben entzünden sich durch Kontakt mit Sauerstoff und richten verheerende Schäden an. Ihr Einsatz ist verboten.

Andrjuschtschenko veröffentlichte dazu ein Video mit Luftaufnahmen, auf denen ein Feuerregen zu sehen ist, der auf das Stahlwerk niedergeht. Auf den zunächst nicht überprüfbaren Aufnahmen unklarer Herkunft war zudem Artilleriebeschuss der Industriezone zu sehen. Nach Angaben der ukrainischen Zeitung „Ukrajinska Prawda“ habe Moskau mitgeteilt, dass sogenannte 9M22C-Brandgranaten mit Thermitschichten verwendet worden seien.

Phosphorbomben bestehen meist aus einem Gemisch aus weißem Phosphor und Kautschuk und werden als Brandbomben oder als Nebelkampfstoff eingesetzt. Die Flammen und der Rauch der Bombe können bis zu 1000 Grad heiß werden. Allein der Stoff an sich ist hochentzündlich. Es kann bereits bei 34 Grad zur Selbstentzündung kommen.

Das Element ist für Menschen extrem gefährlich, da Phosphor zum einen sehr giftig ist. Nur 50 Milligramm des Stoffes reichen schon für die Vergiftung eines Erwachsenen, oft verläuft diese in mehreren Tagen tödlich. Zum anderen entstehen bei direktem Hautkontakt mit Phosphor und den Dämpfen starke Verbrennungen. Bei Phosphorbomben ist vor allem die Verbindung mit dem Kautschuk gefährlich. Durch die klebrige Konsistenz bleibt die Masse an der Haut haften und wird weiter verteilt. So entstehen Verbrennung dritten Grades, die sich bis auf die Knochen ausweiten können.

Ukrainische Medien, wie die „Donbass-Nachrichten“ zeigen mögliche Bilder der Bomben. Unabhängig überprüfen lässt sich die Echtheit der Bilder nicht.

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Der Chemiewaffen­experte Alexander Kelle vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg sagte zuletzt im Gespräch mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND), dass Phosphor immer wieder im Krieg auftauche. „Es wird eingesetzt, um ein Gefechtsfeld zu beleuchten. Denn wenn die Phosphormunition auf ein Gebiet herunterregnet, leuchten die Munitionsteile sehr hell“, so der Experte. „Wenn man von einem Splitter einer Phosphorbombe getroffen wird, erzeugt das schwerste Verbrennungen.“ Eine Phosphorbombe sei daher nicht mit anderen chemischen Kampfstoffen zu vergleichen, erklärt Kelle.

Ob es in der Ukraine tatsächlich zum Einsatz von Phosphorbomben kam, müssen nun Fachleute der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) untersuchen. „Ein zweifelsfreier Nachweis ist nur möglich, wenn Zugang zum Gebiet und den Opfern besteht“, erläutert der Wissenschaftler Kelle. Blut-, Urin- oder Umweltproben seien dafür nötig. „Die Analyse dieser Proben muss mit weiteren Informationen zusammengebracht werden, wie Wetter und Waffenüberreste.“ Um einen Chemiewaffen­einsatz nachzuweisen, müsse man nicht erst warten, bis es Frieden in der Ukraine gebe. „Die OPCW war auch während der Kämpfe im Syrien-Konflikt im Einsatz, um festzustellen, ob und von wem Chemiewaffen eingesetzt wurden.“

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Andrjuschtschenko veröffentlichte zudem Bilder, die Aufschriften auf Bomben zeigen. Demnach soll das russische Militär damit auf den Sieg der Ukraine beim Eurovision Song Contest (ESC) reagiert haben. Es war zunächst nicht klar, woher diese Fotos stammten. Auf den mutmaßlichen Bomben war demnach auf Russisch zu lesen: „Kalusha, wie gewünscht! Auf Azovstal“ und auf Englisch „Help Mariupol – help Azovstal right now“ (auf Deutsch: Helft Mariupol – helft Azovstal sofort) mit dem Datum 14. Mai.

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In Hasskommentaren war zu lesen, die Phosphorbomben seien der russische Gruß zum ESC-Sieg. Russische Medien berichteten in der Nacht zu Sonntag zwar von dem Sieg, anders als in den Vorjahren durfte das Staatsfernsehen die Show aber nicht zeigen. Russland ist wegen des Angriffskrieges auf die Ukraine vom ESC ausgeschlossen.

In dem Stahlwerk haben sich nach ukrainischen Angaben rund 1000 Verteidiger von Mariupol verschanzt. Sie lehnen russische Aufforderungen ab, sich zu ergeben. In den russischen Hasskommentaren war mit Blick auf den Beschuss des Stahlwerks auch zu lesen, die Kämpfer hätten nun genug Zeit gehabt, aus der Industriezone herauszukommen. Die ukrainische Regierung hatte erklärt, alles für die Rettung der Verteidiger von Mariupol zu tun.

RND/dpa/sz/scs

Der Artikel "Nach ESC-Sieg der Ukraine: Russland schießt Phosphorbomben auf Mariupol-Stahlwerk" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.