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22:11 09.10.2011
Foto: Deutsche Strafermittler überschreiten bei der Überwachung von Verdächtigen im Internet offenbar die Grenzen der Verfassung.
Deutsche Strafermittler überschreiten bei der Überwachung von Verdächtigen im Internet offenbar die Grenzen der Verfassung. Quelle: dpa (Symbolbild)
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Berlin

Entsprechende Vorwürfe erheben die als seriös geltenden Hacker des Chaos Computer Clubs (CCC). Außerdem gefährdet der Einsatz von schlecht programmierten „Bundestrojanern“ nach Angaben der Experten die Sicherheit anderer Daten auf überwachten Computern.

„Trojaner“ sind kleine Programme, die unbemerkt via E-Mail oder als versteckter Download auf einen Computer gespielt werden und dort vom Benutzer unkontrolliert Daten auslesen und übers Netz versenden. Dieses Vorgehen ist für Strafverfolger auch im Rahmen einer Telefonüberwachung in sehr engen Grenzen legal.

Der CCC hat mehrere Computerfestplatten analysiert, die ihm zugesandt wurden. Nach Angaben der Absender seien ihre Computer von Sicherheitsbehörden mit der Spionagesoftware versehen worden, um verschlüsselte Telefongespräche und Mails zu überwachen. Tatsächlich fanden die CCC-Experten auf den Festplatten einen unfachmännisch gelöschten „Trojaner“ und konnten ihn entschlüsseln.

Nach Angaben von CCC-Sprecher Frank Rieger hat sich herausgestellt, dass der „Bundestrojaner“ in schneller Folge Bildschirmfotos erstellt und ver­sendet, um besuchte Internetseiten, Chats und E-Mail-Wechsel zu protokollieren. Auch niemals versendete Nachrichten oder Notizen könnten so kopiert werden. Dies kollidiere mit Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts: So habe Karlsruhe 2008 vorgegeben, dass Trojaner bei der Überwachung verschlüsselter Telefonate und E-Mails „ausschließlich auf Daten aus einem laufenden Telekommunikationsvorgang“ zugreifen dürfen. Es müsse durch „technische Vorkehrungen und rechtliche Vorgaben“ sichergestellt werden, dass der Trojaner nicht gleich den gesamten Inhalt des Computers ausschnüffelt. Solche Onlinedurchsuchungen seien nur zum „Schutz überragend wichtiger Rechtsgüter“ wie Leib, Leben und Freiheit zulässig, hatte das Bundesverfassungsgerichts geurteilt.

Das Bundesinnenministerium ging am Sonntag zunächst auf Tauchstation – dann dementierte die Behörde am Nachmittag zumindest für das Bundeskriminalamt. Es habe „den (...) sogenannten Trojaner nicht eingesetzt“, sagte ein Sprecher. Ob andere Ermittlungsbehörden die Überwachungssoftware eingesetzt haben könnten, ließ er offen. Die Hacker monieren auch die schlechte Programmierung des Trojaners: Ein Computer, auf dem die Software installiert ist, sei „offen wie ein Scheunentor“. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) zeigte sich gestern „beunruhigt“ über die Sicherheitslücken.

Christian Rath