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09:00 13.06.2021
Die 13. Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) wählte die 25-jährige Anna-Nicole Heinrich am 8. Mai 2021 als Nachfolgerin von Irmgard Schwaetzer zur Präses der EKD.
Die 13. Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) wählte die 25-jährige Anna-Nicole Heinrich am 8. Mai 2021 als Nachfolgerin von Irmgard Schwaetzer zur Präses der EKD. Quelle: EKD
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Anna-Nicole Heinrich ist 1996 in Schwandorf/Bayern geboren. Sie studiert derzeit an der Universität Regensburg in den Masterstudiengängen „Menschenbild und Werte“ sowie „Digital Humanities“. Die 13. Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) wählte die 25-Jährige am 8. Mai 2021 als Nachfolgerin von Irmgard Schwaetzer zur Präses der EKD.

Sie ist damit die bislang jüngste Chefin des Kirchenparlaments und vertritt rund 21 Millionen Christinnen und Christen in Deutschland. Anna-Nicole Heinrich ist für eine Amtszeit von sechs Jahren gewählt worden.

Frau Heinrich, Sie haben mit Ihren 25 Jahren schon einiges an Verantwortung geschultert. Jetzt sind Sie Präses der EKD, eine Parlamentspräsidentin in der Kirche wie Wolfgang Schäuble für den Bundestag. Sind Sie eigentlich so eine Art Klassensprechertyp?

Ob man das als Präses der Synode sein muss, weiß ich nicht. Tatsächlich war ich nie Klassensprecherin. Dafür war ich vielleicht zu sehr Revoluzzerin im Schulsystem. Aber Sie haben recht: In der Schülervertretung habe ich mich engagiert.

Und nun gelten Sie in der Kirche als Hoffnungsträgerin.

Ich habe davon gelesen und hoffe, dass ich das Amt in den nächsten sechs Jahren gut ausfüllen und Impulse setzen kann. Aber mir geht jetzt dieser Klassensprecherinvergleich im Kopf herum.

Warum?

Das Klassensprechersystem an deutschen Schulen bietet ja nur sehr begrenzt Möglichkeit zur Verantwortungsübernahme. Denn Klassensprecher können irgendwie nichts wirklich bewegen, weil sie auf die Gunst des Schulsystems angewiesen sind. Man ist exponiert, aber zu sagen hat man kaum etwas.

Als Präses ein Team leiten

Und in der Kirche ist das anders?

Auf jeden Fall. Das Präses-Amt bietet andere Möglichkeiten.

Weil Sie tatsächlich mehr Macht haben?

Mit Macht hat das weniger zu tun, eher mit Gestaltungsspielräumen. Als Präses geht es vor allem darum, Verantwortung zu teilen und so Schwerpunkte zu setzen. Damit meine ich, dass diejenigen in der Synode Aufgaben übernehmen sollten, die die jeweiligen Kompetenzen haben. Für mich geht es darum, ein Team zu leiten.

Die 13. Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) wählte die 25-Jährige Anna-Nicole Heinrich am 8. Mai 2021 als Nachfolgerin von Irmgard Schwaetzer zur Präses der EKD. Sie ist damit die bislang jüngste Chefin des Kirchenparlaments und vertritt rund 21 Millionen Christinnen und Christen in Deutschland. Quelle: EKD

Haben Sie den Eindruck, nach Ihrer Wahl häufiger darauf reduziert zu werden, jung und Frau zu sein?

Aufs Frausein gar nicht, aufs Jungsein spielen meist die ersten Fragen von Journalisten an.

Nervt es Sie?

Nein, ich bin halt 25. Und da finde ich es legitim, wenn ich danach gefragt werde, wie eine 25-Jährige die Welt so sieht. Machen Sie ja auch.

„Mein Handy explodiert gleich“, haben Sie nach Ihrer Wahl und den vielen Glückwünschen getwittert. Wie lange würden Sie es eigentlich ohne Smartphone und soziale Medien aushalten?

Ohne soziale Medien würde ich es relativ lange aushalten. Aber ohne Smartphone? Oh Gott! Wir haben kein Festnetz, ich könnte mit niemand kommunizieren. Ich habe ein chronisches Ladeproblem – mein Handyakku ist ständig leer. Dadurch entstehen entsprechende Zeiten von Unerreichbarkeit. Vor allem aber benötige ich das Gerät, um von A nach B zu kommen, da ich einen echt schlechten Orientierungssinn besitze.

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Ihre Eltern sind keine Kirchgänger. Wer oder was hat Sie zur Christin werden lassen?

Meine Familie stammt aus Thüringen und ist vor meiner Geburt nach Nittenau in der Oberpfalz gezogen. Hier sind fast alle katholisch und nur 4 Prozent evangelisch. Was es zu meiner Einschulung nicht gab: weder das eine noch das andere zu sein. So habe ich mir eine Woche den katholischen Unterricht und eine Woche den evangelischen ansehen dürfen, um mich zu entscheiden. Der evangelische Ansatz hat die sechsjährige Anna überzeugt. Und das ist bis heute so geblieben. Meine Mutter hat sich zwar mit mir taufen lassen, hat aber mit der Kirche eher nichts am Hut.

„Die Homebase ist mir wichtig“

Heute studieren Sie in Regensburg, 20 Minuten weg vom Elternhaus. Wollten Sie nicht weiter weg?

Nach dem Abi wollte ich schon raus in die weite Welt und habe mich über verschiedene Dinge informiert. Ausgezogen bin ich auch. Dann dachte ich aber, schön ist es auch hier und wie wichtig mir die Homebase ist. Wegfahren kann ich ja immer wann und wohin ich will.

Das Christsein war fast ein Muss für Sie. Woher stammt denn Ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen?

In der Kinder- und Jugendarbeit wurde uns von Pädagoginnen und Pädagogen und Betreuerinnen und Betreuern wahnsinnig viel zugetraut. Ich habe nie den Satz gehört: „Oh, da müssen wir jetzt aber vorsichtig sein, das ist zu viel.“ Es hieß immer: „Probier es, und wenn es nicht klappt, sind wir ja noch da.“ Die Mischung aus „Go for it“ und Absicherung hat dazu beigetragen, Lust auf neue Aufgaben und Verantwortung zu empfinden.

Und Kritik.

Gab es natürlich auch. Wir haben häufig darüber gesprochen, warum wir das eigentlich machen. Aus Lust, etwas zu bewirken, oder weil wir es gut finden, Verantwortung zu übernehmen? Es waren ziemlich ehrliche Auseinandersetzungen, die jedoch letztlich um nur einen Punkt kreisten: Was ist dem großen Ganzen am dienlichsten?

Interessanter Begriff, der aus einer anderen Welt zu stammen scheint.

Das ist das Wichtigste für mich. Ich mag es, auch in meiner Freizeit einer guten Sache zu dienen. Darum habe ich auch im Freibad die Badeaufsicht übernommen oder bin für das DRK Bereitschaft gefahren. Natürlich gehe ich auch gerne mal mit Freunden ein Bierchen trinken. Aber wenn ich viel Freizeit habe, dann möchte ich sie mit Spaß verbringen, der möglichst noch einer größeren Gruppe nützt.

Als Kirche selbstbewusst kleiner werden

Als Präses der EKD vertreten Sie 21 Millionen evangelische Christen und Ihre Kirche als Institution nach außen. Welches Bild wollen Sie als Person von Ihrer Kirche vermitteln?

Mir ist wichtig zu zeigen, dass Christinnen und Christen ganz normale Menschen mit einem besonderen Auftrag sind: Gott und die Welt zusammen zu sehen. Auch oder erst recht in Zeiten, in denen wir nicht mehr als Mehrheit die Gesellschaft prägen.

Können Sie in diesem Amt noch so reden, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist?

Die Synode hat mir zu verstehen gegeben, dass sie mich gewählt hat, weil ich bin, wie ich bin, und ich mich in die Prozesse der letzten Jahre eingebracht habe. Klar gibt es auch kritisches Feedback. Manche finden, ich sollte als Präses nicht mehr so oft zu Dingen, die ich für gut halte, „geil“ sagen.

Die Kirchen stehen durch Anspruch und Wirklichkeit enorm unter Druck – Sparen, Abwanderung und Rückbau stehen auf der Tagesordnung. Was wollen Sie und das Kirchenparlament dagegensetzen?

Die Prozesse lassen sich ja schon rein demografisch bedingt nicht in Gänze aufhalten. Wir sind nicht naiv. Unsere Aufgabe ist, eine Kirche umzugestalten, die kleiner wird und doch profiliert bleibt. Wir haben eine Finanzstrategie entwickelt, die es uns erlaubt, Neues auszuprobieren. Ich bin optimistisch, dass die evangelische Kirche selbstbewusst kleiner werden kann und so ihre Wirkkraft behält.

Sie warnen davor, als Kirche nach der Pandemie zur gewohnten Normalität überzugehen. Was kann weg?

Das muss zuallererst die Kirche vor Ort beurteilen. Ich empfehle jedenfalls dringend zu reflektieren, worauf wir pandemiebedingt schmerzlich verzichten mussten und was niemand wirklich vermisst. Als Präses kann ich sagen, dass wir auch unsere Synodentagungen entsprechend in den Blick nehmen. Da kann manches effizienter und sogar klimaschonender werden, beispielsweise durch den Verzicht auf unnötiges Reisen.

Missbrauchsaufarbeitung: Beteiligung Betroffener unverzichtbar

Bei der Aufarbeitung des Missbrauchs in der Evangelischen Kirche hat es zuletzt Rückschläge gegeben, da Betroffene sich und ihre Interessen missachtet sahen. Welche Ziele setzen Sie bei diesem Thema?

Für uns ist die Beteiligung von Betroffenen an der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche unverzichtbar. Wir werden die bisherigen Erfahrungen genau auswerten und die Betroffenenbeteiligung neu anschieben. Wir werden als Synode Wege finden, die Betroffenen auch bei unserer nächsten Sitzung im November einzubinden.

Welche Erfahrungen haben Sie bei diesem Thema?

Prävention in der Kinder- und Jugendarbeit spielt für mich schon länger eine Rolle. Die Strukturen in diesem Bereich müssen besonders sensibel sein für mögliche Gefährdungen. Ich habe in der Uni professionell mit Fragen von sexualisierter Gewalt zu tun – weil meine Chefin Frauenbeauftragte ist und zu diesen Themen forscht. Mich enttäuscht es manchmal, dass die Kirche hier enorme Anstrengungen unternimmt und trotzdem bisweilen in Sackgassen landet.

Sind Sie eigentlich schon mal bei Fridays für Future mitgelaufen?

Nein. Das hat sich in Regensburg bisher nicht ergeben.

Fühlen Sie sich dennoch als Teil einer Jugendbewegung?

Es ist superwichtig, dass junge Leute für ihre Interessen einstehen und sie auch auf der Straße oder digital oder auf welchen Wegen immer durchsetzen wollen. Da schlägt mein Jugendverbandsherz heftig. Ich selbst fühle mich der christlichen Bewegung zugehörig, die keine Generationengrenze kennt. Obwohl: Fridays for Future ist als Jugendbewegung gestartet und reißt inzwischen auch ältere Semester mit. Das erhöht die politische Partizipation und dient uns allen.

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Und Sie sind dann demnächst als Präses der EKD dabei?

Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, bestimmt.

Keine Festlegung auf Parteien

Stehen Sie einer Partei nah oder sind Mitglied?

Nö. Beides nicht.

Warum nicht?

Vor jeder Wahlentscheidung setze ich mich intensiv mit den Personen und Programmen der Parteien auseinander. Wählen ist ein Recht, das möglichst viele wahrnehmen sollten. Für mich persönlich ist es jedoch nicht sinnvoll, langfristig mit nur einer einzigen Partei zu sympathisieren. Ich möchte mich da nicht festlegen.

Anna-Nicole Heinrich, Präses der 13. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Quelle: Sebastian Gollnow/dpa

Wie die Kirchen scheinen auch das politische System und die Wahrnehmung der Parteien im Umbruch zu sein. Welche Ursachen sehen Sie?

Die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft ist aktuell eine der größten Herausforderungen. Sie ist beunruhigend. Die Bereitschaft, anderen zuzuhören und sich aus seiner Bubble herauszubewegen, schwindet. Auch in der Kirche fordere ich jeden auf, aus seiner Blase herauszutreten und die Kirche als Basis zu begreifen, miteinander – auch kritisch – ins Gespräch zu kommen. Das gegenseitige Aufheizen in der eigenen Gruppe ist der Gesellschaft nicht dienlich.

Richtig bewusst haben Sie wahrscheinlich nur Angela Merkel als deutsche Kanzlerin wahrgenommen. Im Herbst tritt sie nun ab. Was halten Sie von ihr?

Ich habe mich wohlgefühlt in der Bundesrepublik in den vergangenen Jahren. Dazu hat Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Sicherheit beigetragen.

Von Gleichberechtigung durchzogene Welt

Die deutsche Gesellschaft ist heute viel offener als zur Zeit Ihrer Geburt – das Familienbild wandelt sich, fleischloses Essen gehört zum guten Ton, mehr Menschen sehen im Klimaschutz ein persönliches Anliegen. Wie sollte die Welt aussehen, wenn Sie 75 sind?

Die Welt in 50 Jahren sollte von Gleichberechtigung durchzogen sein und Menschenrechte in jeglicher Form als höchstes Gut ansehen. Sie sollte mit Blick auf den Klimawandel immer noch lebenswert für die sein, die nach mir kommen.

Was beunruhigt Sie im Moment?

Mich bewegt im Moment sehr die Frage, wie dieser Sommer nach den vielen zurückliegenden Lockdowns und Kontaktreduzierungen sein wird. Mich hat diese Zeit irgendwie verändert, andere sicherlich auch. Manchmal habe ich das Gefühl, ruhiger geworden zu sein. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt.

Von Thoralf Cleven/RND

Der Artikel "Sind Sie Teil einer Jugendbewegung, Präses Anna-Nicole Heinrich?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.