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Politik Selbstmordattentäter reißt Stockholm aus der Adventsstimmung
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19:59 12.12.2010
Brennendes Fanal: Feuerwehrleute löschen den explodierten Wagen, der auf den Attentäter zugelassen ist. Quelle: ap
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Es gibt in Schweden kaum hektischere Stellen als die Stockholmer Drottninggata an einem Einkaufswochenende im Advent. Mit Paketen bepackte Menschen hasteten auch an diesem Sonnabend durch die Fußgängerzone, fliegende Händler boten Krimskrams, Flitter und gebrannte Mandeln feil, Tagelöhner standen mit ihren Plakaten da und versuchten, die Aufmerksamkeit der Passanten auf bestimmte Geschäfte zu lenken.

An der Ecke zur Olof-Palme-Gata hielt ein 28-jähriger Mann mit arabischem Aussehen seine Reklametafel hoch, die für einen Fish-and-Chips-Laden warb. Es war kurz nach 17 Uhr, kurz vor Geschäftsschluss. Plötzlich ließ eine Explosion die Häuser erzittern. Aus einem an der Ecke geparkten Auto schossen die Flammen hoch. Noch ein paarmal puffte es, dann brannte der Audi lichterloh. In Panik rannten die Menschen weg, drei Löschzüge der Feuerwehr waren rasch zur Stelle. Zwei Leichtverletzte waren die einzigen Opfer der Detonation, die nach einem Unglück aussah. Zeugen hatten in dem Auto mehrere Gasflaschen gesehen, eine musste wohl Feuer gefangen haben.

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Auch der Mann mit der Fish-and-Chips-Reklame hatte sich vom Tatort entfernt. Zehn Minuten später zerriss eine weitere Explosion ein paar Hundert Meter entfernt in einer kleinen Nebenstraße, die erregte Stimmung. Ein Mann lag am Boden, tot. „Auf dem Bauch hatte er eine riesige Wunde, als hätte er etwas getragen, das explodierte. Sonst war er unversehrt“, sagte ein Augenzeuge, der zur Hilfe geeilt war und einsehen musste, dass er zu spät kam.

Neben dem Toten lag die Reklametafel, vor ihm ein Rucksack, gefüllt mit Nägeln und mit Sprengstoff. Sechs Rohrbomben hatte der Mann um den Leib gebunden, berichten schwedische Medien. Eine war explodiert und hatte sein Leben genommen. Nur seines. Wenn stimmt, was die Polizei vermutet, schlitterte Stockholm in diesen Sekunden an einer Katastrophe vorbei, die die schwedische Hauptstadt unter Terrorschauplätze wie London und Madrid gereiht hätte. Vorzeitig war der Sprengsatz losgegangen. Hätte der Attentäter seine Bombe im Trubel der Drottninggata gezündet, hätte sie „Dutzende, ja Hunderte Menschen töten können“, sagt Bo Janzon, der Waffenexperte des schwedischen Verteidigungsstabs.

Am Tag nach dem Anschlag stufte die Sicherheitspolizei Säpo das Attentat als „sehr ernsthaften Terrorakt“ ein. Ob es sich um das Werk eines Einzeltäters handelte oder um ein von einer Terrorzelle geplantes Attentat, wollte sie vorerst nicht kommentieren. Hinweise auf Mittäter liegen ihr angeblich bislang nicht vor. Das Auto war auf den Namen des 28-jährigen Toten registriert. Die Droh-E-Mail und die Audiobotschaft auf Schwedisch und auf Arabisch, die beide wenige Minuten vor den Anschlägen bei der Säpo und bei mehreren Medienredaktionen eingelaufen waren, waren von ihm unterschrieben und gesprochen worden. Da hatte er mit Vergeltung gedroht für die Beteiligung schwedischer Soldaten am Afghanistan-Krieg und für die Verhöhnung des Propheten durch den Künstler-Provokateur Lars Vilks, der Mohammed als Hund gekritzelt hatte. „Jetzt werden eure Kinder, Töchter und Schwestern sterben, so wie unsere Brüder und Schwestern getötet werden“, lautete seine „Botschaft an das schwedische Volk“. Und an „alle Mudschaheddin in Schweden und Europa“ richtete er die Forderung, jetzt zuzuschlagen: „Fürchtet niemanden, nicht Gefängnis, nicht Tod.“

Das Werk eines Einzeltäters? Magnus Ranstorp, Schwedens bekanntester Terrorexperte, glaubt nicht daran: „Das Auto, die Rohrbomben, die Drohbotschaft, das erfordert zu viel Koordination.“ So fragen sich die Schweden jetzt, ob in ihrer Gesellschaft Terrorzellen wuchern, die bereit sind, für ihre extremistischen Botschaften ihr Leben und das vieler anderer zu opfern. Schon im Oktober hatte die Säpo ein erhöhtes Sicherheitsrisiko angemahnt, vor wenigen Wochen erst nahmen die Sicherheitskräfte drei Männer wegen eines angeblich geplanten Anschlags auf ein Einkaufszentrum in Göteborg fest. Falscher Alarm, hieß es damals. Zwischen den Göteborger Ermittlungen und dem Stockholmer Attentat gebe es keinen Zusammenhang, sagt die Polizei jetzt. Am Sonntag verstärkte sie ihre Präsenz in und um die Stockholmer Kaufhäuser, auch die Bewachung von Lars Vilks‘ Haus in Südschweden wurde verschärft.

Der 28-jährige Selbstmordattentäter, angeblich ein in Schweden aufgewachsener Mann aus dem Irak, der in den Nahen Osten reiste, um sich für den „Dschihad“, den „Heiligen Krieg“, auszubilden, während die Familie glaubte, er sei zum Geldverdienen im Ausland, posierte mit einer Al-Qaida-Fahne im Internet. Ob er sich von dort nur ideologische Inspiration holte oder ausgeschickt worden war, um ein Attentat auszuführen, muss die Säpo nun herausfinden. Sie wird sich auch fragen lassen müssen, wie ihr ein Mann mit derart extremen Ansichten durchs Netz schlüpfen konnte, denn offensichtlich stand der Attentäter auf keiner Überwachungsliste.

Fassungslos waren nicht nur die Passanten in dem von Absperrungen und heulenden Sirenen geprägten Stockholm. Erschüttert sind jetzt auch führende Vertreter der islamischen Gemeinde. „Unerhört verwerflich“ und „in Widerspruch zu allem, wofür der Islam steht“ sei die Tat des Selbstmordbombers, sagte Abd al Haqq Kielan, der Vorsitzende des Islamischen Verbandes. „Schwedens Sicherheit und Stabilität sind eine religiöse und soziale Pflicht“, betont Hassan Moussa, Imam von Schwedens größter Moschee in Södertälje. Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt verurteilte am Sonntag den Anschlag, warnte aber vor „voreiligen Schlüssen“, die zu nicht wieder gutzumachenden Schäden für die Gesellschaft führen könnten.

Schon einen halben Tag davor, als die Polizei noch sehr zurückhaltend über Motive und Zusammenhänge sprach, hatte Außenminister Carl Bildt in einer Twitter-Botschaft von einem „beunruhigenden Versuch einer Terrorattacke“ geschrieben, die missglückt sei, aber „wirklich katastrophale Folgen“ hätte nach sich ziehen können. Der Schnellschuss stieß bei seinen Parteifreunden auf Kopfschütteln, bei der Opposition auf scharfe Kritik. „Wenn er etwas wusste, hätte die Regierung das schwedische Volk informieren müssen. Wenn er nur spekulierte, sollte er den Mund halten“, sagte Håkan Juholt, der sozialdemokratische Vorsitzende des Außenpolitischen Parlamentskomitees.

In der Stockholmer Einkaufsmeile herrschte am Sonntag wieder Hochbetrieb, fast, als wäre nichts passiert. „Natürlich denken wir an das, was gestern geschah“, versicherten viele der Kunden, „aber das Leben geht weiter.“ Die Weihnachtsgeschäfte erledigen sich eben nicht von selbst. In Tranås, dem Heimatort des Täters, durchsuchte die Polizei die Wohnung der Familie, während sein verzweifelter Vater schluchzte: „Er war mein einziger Sohn, ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist.“ In der Audiobotschaft, die der Täter vor seinen Anschlägen verschickte, hatte er die „heiligen Krieger“ aufgefordert: „Kommt mit allem, was ihr habt, und wenn es nur ein Messer ist.“ Dann verabschiedete er sich von den Seinen. Sie mögen ihm vergeben, dass er sie belogen habe, als er begründete, warum er in den Nahen Osten reiste. „Und sagt den Kindern, dass Papa sie liebt.

Hannes Gamillscheg

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