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Politik Schulstunden gegen das „Komasaufen“
Mehr Welt Politik Schulstunden gegen das „Komasaufen“
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21:37 16.07.2009
Von Alexander Dahl
Quelle: Kris Finn
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„In der neunten Klasse zwei Stunden im Biounterricht über Alkohol zu sprechen – das ist eindeutig zu spät“, sagte Bätzing am Donnerstag in Berlin. In den Schulen soll das Fach unter dem Titel „Wohlfühlen“ laufen; eine Anlehnung an das britische Vorbild, wo Schüler Lehrstunden in „Well-being“ erhalten.

Bätzing will alle Minderjährigen „in den Genuss der Präventionsarbeit kommen lassen“. Das Fach soll nach ihren Worten „Lebenskompetenz“ vermitteln. Neben den Folgen des Alkohol- und Drogenkonsums, soll auch über gesunde Ernährung und Bewegung gesprochen werden. Allein im Jahr 2007 – die bisher letzte statistische Erhebung – kamen rund 23 000 Mädchen und Jungen unter 18 Jahren mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus. Im Jahr 2000 waren es erst 9500 gewesen. Viele Supermärkte und Kioske handhaben das Verkaufsverbot von hochprozentigem Alkohol an Jugendliche nur lax: Bei Testeinkäufen im Auftrag der Region und der Stadt Hannover erhielten Minderjährige in weit mehr als der Hälfte der Geschäfte mühelos Wodka- oder Whisky-Mixgetränke.

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Laut Bätzing hat der Alkoholkonsum auch ohne aktuelle Zahlen „dramatische Ausmaße“ erreicht. Ein Fünftel der 12- bis 17-Jährigen sei dem exzessiven Rauschtrinken verfallen. Die Drogenbeauftragte warnte denn auch zusätzlich vor wegbrechenden Freizeitangeboten für Jugendliche in den Kommunen. „Wenn sie vor Ort kein Jugendzentrum, keine Freizeiteinrichtung mehr haben, müssen wir uns nicht wundern, wenn sie mit einem Sixpack zum Bushäuschen gehen“, sagte sie. Der Städte- und Gemeindebund unterstützte Bätzings Anregung. „Wenn die Elternhäuser die Alkoholprävention nicht mehr leisten können, muss der Staat das teilweise übernehmen“, sagte Geschäftsführer Gerd Landsberg, kritisierte aber auch, dass das Thema Alkohol- und Drogenkonsum in den Lehrplänen nicht zu finden sei.

Der Philologenverband, die Interessenvertretung der Gymnasiallehrer, winkte hingegen ab. Ein eigenes Unterrichtsfach sei keine Antwort; käme es doch, müsste der Unterricht auf einen dritten Nachmittag ausgeweitet werden, kritisierte der Vorsitzende Heinz-Peter Meidinger. Der Koordinator für Suchtprophylaxe beim Berliner Senat, Heinz Kaufmann, verwies zudem darauf, dass Lehrer eher Teil des Problems sind: Bei ihnen sei „Alkoholismus stärker verbreitet ist als beim Rest der Bevölkerung“.

Bätzing selbst präsentierte denn auch gleich eine Ersatzlösung, sollte ihr neue Anregung durchfallen. „Wenn es nicht klappt, ist es möglich, Lebenskompetenz verstärkt in den Fächern Religion, Deutsch und Englisch einfließen zu lassen“, sagte sie.