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Politik Schadensbegrenzung nach dem Luftangriff
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22:34 06.09.2009
Der Schauplatz des Luftangriffs. Quelle: afp
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Als der US-General am Sonnabend das Krankenhaus in Kundus aufsucht, um Verletzte zu trösten und sein Bedauern auszudrücken, unterbricht ihn der einflussreiche Kommunalpolitiker: „Wenn wir drei weitere Operationen wie in der vergangenen Nacht durchführen, wird das Kundus Stabilität bringen.“

McChrystal, früher Chef der Spezialkräfte in der US-Armee, wundert sich über Wardaks Zwischenruf, bleibt aber bei seinem offiziell verkündeten Kurs: Er möchte auf jeden Fall die Zivilbevölkerung aus dem Kampf gegen die Taliban heraushalten und den ramponierten Ruf der ausländischen Streitkräfte in Afghanistan aufpolieren. So wendet er sich am Sonnabend als erster Isaf-Kommandeur überhaupt mit einer Fernsehansprache an die afghanische Bevölkerung. „Ich nehme den möglichen Verlust von Leben oder die Verletzung Unschuldiger sehr ernst“, sagt der General in einer kurzen Rede, die in die Landessprachen Dari und Paschtu übersetzt wird. Der Vorfall in der Nacht zum Freitag sei auch „ein Test für die Bereitschaft der Nato zu zeigen, dass sie zum Schutz des afghanischen Volkes im Land sei. Es ist mir sehr wichtig, dass wir das wahr machen.“ So befiehlt er hohen Nato-Offizieren, darunter auch deutschen, einen Besuch bei den Verletzten im Krankenhaus in Kundus.

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McChrystal hat mit Rückendeckung aus dem Weißen Haus in Afghanistan eine neue Vorgehensweise durchgesetzt. Sie zielt, ähnlich wie der Ansatz der deutschen Truppen in Afghanistan, darauf ab, die Bevölkerung von der Notwendigkeit des Kampfes gegen die Aufständischen zu überzeugen und sie daran zu beteiligen. Luftangriffe akzeptiert die Isaf-Führung seither nur noch in Ausnahmesituationen – und nur dann, wenn es mit hoher Wahrscheinlichkeit keine zivilen Opfer gibt. „Wir wollen doch nicht die Menschen in die Arme der Taliban treiben“, sagt McChrystal.

In Kundus selbst scheint diese Botschaft auf fruchtbaren Boden zu stoßen. Nach dem Bombardement im Nachbarort Chahar Dareh bleibt es relativ ruhig in der Stadt. Es gibt auch keine Demonstrationen gegen die ausländischen Soldaten.

Allerdings kommt es am Sonnabend vor den Toren der Stadt zu einem Selbstmordanschlag. Etwa drei Kilometer vom deutschen Feldlager entfernt zündet ein Attentäter in einem Auto eine Bombe, als eine deutsche Kolonne vorbeifährt. Fünf Soldaten und ein afghanischer Dolmetscher werden verletzt. Einer der Verwundeten erleidet Brandverletzungen und wird nach Deutschland ausgeflogen.

In Chahar Dareh demonstrieren die Taliban ebenfalls, dass sie auch nach dem Tod mehrerer Dutzend Kämpfer nicht aufgegeben haben. Als Isaf-Offiziere die ausgebrannten Tankwagen in Augenschein nehmen und erste Untersuchungen einleiten, werden sie mit Gewehren beschossen. Mit Waffengewalt werden die Angreifer vertrieben. Doch sie flüchten nicht sehr weit. Am Sonnabend nehmen sie – mit der Kalaschnikow am Arm – an der Beisetzung der Opfer teil. Sie errichten dort weiterhin illegale Checkpoints und durchsuchen Fahrzeuge. Die Einheimischen nehmen das gesetzwidrige Treiben hin. Sie fürchten sich vor den Kämpfern und folgen deren Anweisungen – wie auch in der Nacht zum Freitag, als sich die Tankwagen in einer Furt des Kundus-Flusses festgefahren hatten. Mit der Waffe in der Hand, berichtet der Geschäftsinhaber Mirajuddin, seien die Männer von Haus zu Haus gegangen und hätten die Dorfbevölkerung gezwungen, bei der Bergung der Tanker zu helfen.

Ein zehnjähriger Junge folgt den Anweisungen gegen den Willen seines Vaters. Er reitet auf einem Esel in Richtung Fluss, als die US-Jets ihre Bomben abwerfen. Der Junge hat Glück im Unglück. Weil er weit genug weg ist, als die Tanker explodieren, erleidet er nur Brandverletzungen. Jetzt liegt er im Shafiullah im Krankenhaus in Kundus und berichtet deutschen und US-Offizieren, was er in den vergangenen Tagen erlebt hat. Dass auch General McChrystal die Klinik besucht hat und sich in Kundus um Schadensbegrenzung bemüht, kommt nicht von ungefähr. Der Norden Afghanistans, bis Mitte vergangenen Jahres relativ ruhig, hat für die Schutztruppe Isaf besondere Bedeutung erlangt, weil hier neue Nachschubrouten erschlossen werden. Der Grund: Im Osten des Landes ist das Kapern und Abfackeln von Tanklastzügen und Lebensmitteltransportern durch die Taliban schon lange an der Tagesordnung.

Um im Norden keine vergleichbare Lage eintreten zu lassen, schickt die US-Armee jetzt immer mehr Spezialkräfte in den deutschen Verantwortungsbereich. Doch darüber und über Aufträge an diese Elitekämpfer mag sich McChrystal nur hinter verschlossenen Türen äußern.

von Willi Germund, Can Merey und Klaus von der Brelie

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