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Politik Sander fordert schärfere Kontrolle von Ölplattformen
Mehr Welt Politik Sander fordert schärfere Kontrolle von Ölplattformen
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23:06 24.06.2010
Von Margit Kautenburger
Für Bohrinseln der Ölfirmen ist die Nordsee ein begehrter Standort. Quelle: dpa (Archiv)
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In der Nordsee gebe es mehr als 400 Ölförderplattformen – wenn auch keine auf niedersächsischem Gebiet. „Eine Havarie wie im Golf von Mexiko wäre nicht zuletzt für das Weltnaturerbe Wattenmeer eine Katastrophe“, sagte Sander der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Er warnte davor, „beim Meeresschutz am falschen Ende zu sparen“. Bei allen Nutzungen am und im Meer müsse Sicherheit oberste Priorität haben.

Wie am Donnerstag bekannt wurde, hat die norwegische Regierung weitere Offshore-Ölbohrungen ausgeschrieben. Die Zuschläge sollen im Frühjahr 2011 erteilt werden. Insgesamt handelt es sich um 94 Erkundungsblöcke, von denen einige in der Tiefsee liegen. Eine Ausbeutung wäre also nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Auch die im Golf von Mexiko explodierte Bohrinsel „Deepwater Horizon“ stand in rund 1500 Meter tiefem Wasser, das Leck kann seit Monaten nicht gestopft werden.

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Umweltschützer kritisierten die Entscheidung der norwegischen Regierung. Der Ölminister ignoriere die Warnungen von Experten und rolle der Ölindustrie den roten Teppich aus, erklärte Lars Haltbrekken, Vorsitzender von Friends of the Earth in Norwegen. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im EU-Parlament, Rebecca Harms, sagte: „Ich erwarte von der europäischen Gemeinschaft, dass sie den Druck auf Norwegen erhöht, diese Bohrungen nicht zu genehmigen.“ Politisch gehöre Norwegen nicht zur EU, geografisch aber sehr wohl. Öl aus einer norwegischen Bohrung bedrohe auch die Küsten Europas. Das Unglück im Golf von Mexiko zeige, dass weder Weltkonzerne noch Weltmächte einer solchen Katastrophe gewachsen seien.

EU-Kommissar Oettinger hat für den 14. Juli die Manager der in der Nordsee tätigen Ölkonzerne nach Brüssel eingeladen. Er wolle sicherstellen, dass die notwendigen Gesetze vorhanden seien und angewendet würden, erklärte er. Bislang kontrollieren die einzelnen Mitgliedsstaaten die Offshore-Bohrungen. Der Umweltausschuss des EU-Parlaments hatte zuvor die schlechte Informationslage über die Sicherheit der Ölplattformen kritisiert: Weder die Frage der Haftung noch die der Risikovorsorge seien angemessen gelöst. Die Grünen fordern, keine neuen Bohrungen in der Nordsee zuzulassen, bis die Lücken in der europäischen Gesetzgebung geschlossen sind.

Der Status als Weltnaturerbe hat den Tourismus im Wattenmeer belebt.

Risiko fürs Wattenmeer

An der Nordseeküste und auf den Inseln wird an diesem Wochenende groß gefeiert. Ein Jahr ist vergangen, seit das Wattenmeer als erstes deutsches Naturschutzgebiet zum Weltnaturerbe der Unesco ernannt wurde. Der faszinierende Lebensraum an der Schnittstelle von Süß- und Salzwasser habe durch das Welterbeprädikat eine noch größere Wertschätzung erfahren, schwärmt der Tourismusexperte des Kieler Instituts für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa, Wolfgang Günther. Der niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) sieht durch die Auszeichnung den „nachhaltigen Tourismus“ und die „regionale Entwicklung im Einklang mit der Natur“ gestärkt.

Umweltschützer beobachten die wachsende Attraktivität des Wattenmeers indes mit zwiespältigen Gefühlen. Sie freuen sich über das Interesse der Millionen Besucher, die jährlich Küste und Inseln erkunden, Wattwürmer im Schlick aufspüren und Seehunde auf Sandbänken bewundern. Doch mit dem Welterbeprädikat sei bislang kein besserer Schutz des empfindlichen Lebensraums erreicht worden, kritisieren die Verbände. Die touristische Entwicklung müsse sich stärker am Respekt vor der Natur orientieren, fordert Hans-Ulrich Rösner vom Wattenmeerbüro der Umweltstiftung WWF. Und während aus dem Bohrloch der Ölplattform „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexico seit Monaten Unmengen an Öl austreten, wächst bei den Naturschutzverbänden hierzulande die Sorge vor einem ähnlichen Unglück.

Wie groß ist das Risiko in der Nordsee? Auch in Europa könne jederzeit ein ähnlich katastrophaler Unfall passieren, sagt Jörg Feddern, Ölexperte von Greenpeace. Der Ölteppich würde bei einem vergleichbaren Ausmaß etwa ein Viertel der Nordseefläche einnehmen. Die Schäden wären verheerend. „Das Wattenmeer, Brut- und Rastplatz von Millionen von Vögeln, würde sich über Jahrzehnte nicht von der Katastrophe erholen“, sagt Feddern.

Rund 400 Öl- und Gasplattformen gibt es in der Nordsee, 86 Prozent gehören Norwegen und Großbritannien. Die einzige deutsche Ölplattform Mittelplate liegt sogar mitten im Wattenmeer am südlichen Rand des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Sie sei besonders sicher, betont Betreiber RWE/DEA, und auch Umweltschützer halten die von Mittelplate ausgehenden Risiken für gering. „Die haben extrem hohe Sicherheitsanforderungen und müssen alles an Land entsorgen“, sagt Greenpeace-Experte Feddern. Die Plattform steht fest verankert auf einer Sandbank, kann deshalb nicht sinken und ist zusätzlich mit einer Betonwanne umgeben.

Doch vor Norwegen und Großbritannien passieren immer wieder Unfälle. Sogar einen „Blowout“ wie im Golf von Mexico hat es schon gegeben – am 22. April 1977 auf der norwegischen Plattform Ekofisk Bravo. Erst acht Tage später war das Leck dicht; der Ölteppich erreichte die Größe des Saarlandes. Mittlerweile stoßen auch in Europa die Unternehmen in immer tiefere Gewässer vor. Vor den Shetland Inseln bohrt BP in mehr als 500 Meter tiefem Wasser nach Öl, die norwegische Regierung will neue Lizenzen für die Arktis vergeben, wo die Bohrmeißel in rund 800 Meter tiefer See ansetzen. Gut die Hälfte von 100 neuen zur Erschließung vorgesehenen Fördergebieten liegt in der Norwegischen See und der Barentssee – Gebieten, die im Winter kaum zugänglich sind.

Diese Entwicklung bereitet mittlerweile auch den verantwortlichen EU-Kommissaren Sorgen. Energiekommissar Günther Oettinger und Umweltkommissar Janez Potocnik wollen die Betreiber der Bohrinseln stärker in die Pflicht nehmen und, falls notwendig, die Sicherheitsanforderungen verschärfen. Europa sei nicht ausreichend vorbereitet, schwere Ölunfälle zu verhindern, warnt die Fraktionsvorsitzende der Grünen im EU-Parlament, Rebecca Harms. „Das Problem ist, dass es keine einheitlichen Sicherheitskontrollen in der EU gibt“, sagt Harms. Zuständig sind bislang die einzelnen Mitgliedsstaaten, und die gehen sehr unterschiedlich mit den Firmen um. So hat Großbritannien angekündigt, die Plattformen künftig zweimal jährlich zu überprüfen, Norwegen und Dänemark tun dies aber nicht.

Oettinger mache es sich zu leicht, befindet Harms, wenn er auf die viel geringere Meerestiefe in der Nordsee verweise. Auch in Europa seien die Lagerstätten im flachen Wasser weitgehend ausgeschöpft: „Die Ölfirmen dringen daher immer weiter nach Norden in immer tiefere Gewässer vor.“ Doch weder die Haftung noch die Risikovorsorge seien angemessen gelöst. Am Ende werde nicht der Verursacher eines Schadens zur Kasse gebeten, sondern die Öffentlichkeit. „Wichtig wäre ein Entschädigungsfonds, in den die Energieunternehmen einzahlen“, meint Harms. Dies schaffe einen Anreiz, zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Sie schlägt vor, die Europäische Agentur für die Sicherheit des Seeverkehrs (Emsa), die auch die Sicherheit von Öltankern überprüft, mit der Kontrolle der Ölplattformen zu beauftragen. Schließlich seien die Folgen eines Unfalls nicht auf ein Land beschränkt.

Auch Greenpeace pocht auf eine Art Plattform-TÜV; er könnte bei der Ospar, der Kommission zum Schutz der Meeresumwelt des Nordost-Atlantiks, angesiedelt sein, in der neben den EU-Ländern auch Norwegen Mitglied ist. Das Risiko eines Unfalls steige, je tiefer die Konzerne bohrten, sagt Greenpeace-Fachmann Feddern. Hinzu komme die alltägliche Verschmutzung. Alle zwei Jahre unternehme Greenpeace Überwachungsflüge über die Nordsee: „Wir sind jedes Mal schockiert über die Ölfladen, die wir sehen.“ Auch in Europa sei die Ölförderung ein schmutziges Geschäft. Beim jüngsten Überwachungsflug entdeckten die Umweltaktivisten bei fünf Bohrinseln große Ölteppiche – Rückstände aus dem normalen Produktionsbetrieb. Jährlich rund 9000 Tonnen Öl geraten so in die Nordsee – so viel wie bei einem schweren Tankerunglück.

Was ist zu tun? Ölbohrungen ganz verhindern wollen auch die Umweltschützer nicht. „Wir können den Hahn nicht einfach zudrehen“, meint die EU-Abgeordnete Harms. „Was wir brauchen, ist eine konsequente Ausstiegsstrategie.“ Keine Lizenzen mehr für Bohrungen, die tiefer als 200 Meter liegen, fordert Greenpeace. Denn tiefer könnten Menschen nicht tauchen, und es gebe weder ausreichende Einsatzpläne noch die nötige Technik für den Krisenfall. Die Politik sei aber verpflichtet, das Bestmögliche für die Sicherheit im Weltnaturerbe Wattenmeer zu tun.