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Politik Gabriel webt ein weltweites Netz
Mehr Welt Politik Gabriel webt ein weltweites Netz
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10:59 06.07.2013
Von Matthias Koch
Termin ohne Steinbrück: Gabriel in der vorigen Woche zu Gast bei Frankreichs Staatspräsident François Hollande. Quelle: Reuters
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Hannover

Wenn Sigmar Gabriel sich früher in die heimischen Höhen des Harzes zurückzog, riss oft die Verbindung zum Mobilnetz ab. Für den quirligen Politiker war plötzlich Feierabend.

Heute ist das anders. Gabriel ist und bleibt mit dem Rest der Welt verbunden – auch wenn er mal wieder in Goslar ist und einen seiner Familientage einlegt. In den schmalen mittelalterlichen Gassen helfen heute schnelle Datenverbindungen bei einer neuartigen Work-Life-Balance. Erst schlendert Gabriel mit seiner 14 Monate alten Tochter Marie in Ruhe übers Kopfsteinpflaster zur Kita, dann klappt er mal eben an einem Restauranttisch im Schatten alten Fachwerks den Laptop auf und zückt das Smartphone – fertig ist die mobile Leitstelle der deutschen Sozialdemokratie.

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Sandy, Chefin im Café am Markt und eine langjährige gute Freundin, lächelt: „Hallo Sigmar, einen Kaffee?“ Sie kennt die Art des jungen Vaters, Privates und Politisches nahtlos ineinander übergehen zu lassen. Sandy ist es auch, die „den Sigmar“ notfalls augenzwinkernd daran erinnert, Marie pünktlich wieder vom Spielkreis abzuholen.

Für Gabriel sind die Tage in Goslar immer wieder ein Gewinn, nicht nur familiär. Indem Ehefrau Anke ihn mitunter fernhält vom oft eitlen Klein-Klein der Berliner Tagespolitik, hilft sie ihm indirekt auch politisch: bei der Konzentration aufs Wesentliche. Der Rückzug in die Provinz hat bei ihm, so paradox es klingt, den Blick fürs Globale geschärft. Der SPD-Chef ist international so gut verdrahtet und vertaktet wie noch nie.

„Ed Miliband hat sich gemeldet“, sagt Gabriel, blickt vom Laptop auf setzt seine Lesebrille ab. „Ich soll demnächst unbedingt mal nach London kommen.“ Gabriel trägt Jeans und Polohemd, er blinzelt in die Sonne, das Thema Steinbrück  ist im Moment gerade mal weit weg.

Miliband ist der Chef der Labour Party, der Opposition in Großbritannien. Näher gekommen ist ihm Gabriel, wie vielen anderen, bei den Vorarbeiten zur Gründung der „Progressive Alliance“, eines weltweiten Netzwerks von Mitte-links-Parteien. Schon seit Jahren arbeitet Gabriel an dem neuen Zusammenschluss: systematisch, beharrlich, ganz ohne seine angebliche Sprunghaftigkeit.

Warum der Aufwand? Für Gabriel steht fest: Keine einzige der für die Bürger heute zentralen Fragen lasse sich noch im Rahmen des Nationalstaats beantworten. Angesichts von Finanzkrisen in der Ersten und Ausbeutung in der Dritten Welt, angesichts von Spionageaffären und einem neuartigen „Datenkapitalismus“, den Gabriel diese Woche in einem feurigen Aufsatz fürs FAZ-Feuilleton geißelte, sei eine Zusammenarbeit sozialdemokratischer und anderer Mitte-links-Parteien dringender denn je. Reiche könnten auch mit einem beziehungslosen Nebeneinander von Nationalstaaten gut leben. Wer aber ernsthaft wolle, dass auch die Arbeitnehmer frei sind und in einer demokratischen und gerechten Welt leben, müsse durch globale Bündnisse dafür sorgen, „dass der Staat endlich wieder die Spielregeln bestimmt“. Gabriel gerät in Schwingungen, wenn er darüber spricht.

Der Letzte, der sich als SPD-Vorsitzender ernsthaft solche Gedanken machte, hieß Willy Brandt. Es folgten viele Parteichefs, die mit auswärtigen Beziehungen wenig am Hut hatten, Kurt Beck etwa oder Matthias Platzeck. Über Franz Müntefering beliebte Gerhard Schröder intern jovial zu scherzen: „Der Franz kennt keine fremden Länder.“

Gabriel kennt nicht nur ein paar Länder. Er hat eine besondere Begabung darin, aus Fremden, die er in diesen Ländern trifft, Freunde zu machen.

Shelly Jechimowitsch zum Beispiel ist die Vorsitzende der Arbeitspartei in Israel – und mittlerweile eine gute Bekannte von Gabriel. Die Politikerin, deren Großeltern sämtlich von den Nazis umgebracht wurden, tat sich lange schwer mit Deutschland und den Deutschen. Zu Gabriel fasste sie Vertrauen, als der ihr seine Familiengeschichte erzählte, die gleich doppelt vom Thema Nationalsozialismus überschattet ist. Da gibt es Gabriels Vater, der die Familie früh im Stich ließ und ein unbelehrbarer Nazi blieb, bis zu seinem Tod im vorigen Sommer. Und da gibt es Saskia, die aus einer früheren Beziehung Gabriels stammende erwachsene Tochter, die inzwischen entdeckt hat, dass eine ihrer Vorfahren Jüdin war, zum Versuchsobjekt des Horrorarztes Josef Mengele wurde und in Auschwitz umkam. Jüngst war Gabriel mit Saskia in Israel, um in alten Dokumenten nach Spuren zu suchen, alles ohne Medienbegleitung In Israel war Gabriel schon als Teenager. Bei den „Falken“ in Goslar organisierte er in den siebziger Jahren erste  Fahrten nach Nahost.

Im Herbst 2002, als niedersächsischer Ministerpräsident, hielt Gabriel abends in Kairo vor Diplomaten und Professoren eine verblüffend engagierte Rede zum Nahostkonflikt. Alle rätselten anschließend beim Empfang, wieso überhaupt ein Regierungschef aus einem der 16 Bundesländer sich mit dem Thema auskennt und sich so reinhängt. Es war der frühere „Falke“, der da sprach.

„Er kann sich gut in Leute hineindenken“, sagt ein Wegbegleiter Gabriels.  „Auch in jene, deren Meinung er nicht teilt.“ Sozialdemokraten, die mit ihm in China waren, wundern sich bis heute, wie es ihm gelang, den Bürgermeister von Schanghai, einen wichtigen Mann im  Machtapparat, binnen kurzer Zeit so weit aufzutauen, dass der ihn anderntags noch zu sich nach Hause einlud, privat.

Letzte Woche flog Gabriel nach Frankreich und sprach mit Staatschef François Hollande über Maßnahmen gegen die Jugendarbeitslosigkeit in der EU. Der französische Präsident zeigte sich an der Seite des SPD-Chefs vor den Kameras, eine Ehre, die längst nicht jedem Nichtregierungsvertreter in Paris zuteilwird.

Fragte in diesem Moment jemand nach dem abwesenden Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück? Die französische Seite hat ihn offenbar nicht vermisst. Nicht nur die Schweizer, denen Steinbrück mit der „Kavallerie“ drohte, und die Italiener, bei denen er „Clowns“ auch außerhalb der Clownspartei vermutet, kennen Steinbrück als Mann von geringem diplomatischen Talent. In Paris ist unvergessen, wie Steinbrück im Jahr 2012 als Redner in einem Washingtoner Salon über Hollande und seine französischen Sozialisten herfiel und ihre Finanzpolitik als „naiv“ abkanzelte. Damals war Steinbrück noch nicht Kandidat, Hollande noch nicht Präsident – doch solche Äußerungen schwingen lange nach.

Gabriel hätte, Sachpolitik hin oder her,  einen solchen innereuropäischen Missklang schon aus Prinzip vermieden – weil es für ihn zum Job gehört, ein Zusammenwirken der Schwesterparteien in der EU im Auge zu behalten. In Paris hat Gabriel mit dieser Haltung Punkte gesammelt. Früh registrierten Medien und Öffentlichkeit in Frankreich mit Blick auf Gabriel, was in Deutschland vielen erst jetzt nach und nach auffällt: Der Mann denkt offenkundig über den Tag hinaus, er hat wohl noch einiges vor.

Die neuen Freunde der SPD

Zu den kleinen Betriebsgeheimnissen im Willy-Brandt-Haus in Berlin gehört es, dass Sigmar Gabriel am liebsten mit den Leuten aus der Abteilung für Internationales zu tun hat: „Bei denen ist irgendwie immer gute Stimmung.“ Allerdings hat der Chef ihnen auch eine neue Bedeutung gegeben – indem er die alten Strukturen der internationalen Zusammenarbeit in aller Stille komplett abräumte.

Bald nach seiner Wahl zum SPD-Vorsitzenden 2009 stießen ihm Missstände bei der „Sozialistischen Internationalen“ (SI) auf. Unschön fand Gabriel etwa die Verbindung zum damaligen ägyptischen Herrscher Hosni Mubarak. Auch in Tunesien war die SPD über die SI mit einem autokratischen Machthaber verbandelt, gegen den Modernisierer längst zu Felde zogen.

Noch schlimmer war es im Fall Elfenbeinküste. Dort geriet die SI-Verbindung zur „Ivorischen Volksfront“ zu einer historischen Peinlichkeit: Ihr Führer Laurent Gbagbo beging schwere Menschenrechtsverletzungen. Gabriel drehte den aus seiner Sicht unwürdigen Partnern den Geldhahn zu und entwarf, mithilfe des Briten Ed Miliband, ein neues Bündnis. Die „Progressive Alliance“ sollte global ausgerichtet sein und sich auch an Länder wie Brasilien und Indien richten, die der SI nie beitraten, weil sie darin einen von Europäern dominierten Klub früherer Kolonialherren vermuteten. Der Verzicht auf den „Sozialismus“ im Namen erleichterte den Beitritt der Demokratischen Partei der USA, ein echter historischer Coup.

Die Gründungsversammlung der „Progressive Alliance“ fand vor zwei Monaten in Leipzig statt, am Rande der 150-Jahr-Feiern der SPD. Zu den Gastrednern gehörte Howard Dean, einst  Präsidentschaftskandidat der regierenden US-Demokraten.

Die Chefin der oppositionellen Labour Party aus Israel, Shelly Jechimowitsch, verblüffte mit dem Hinweis, sie kenne von allen in Deutschland aktiven Politikern nur Gabriel. Prompt musste der sich gegen Mutmaßungen wehren, er wolle doch nicht etwa Außenminister werden. Gabriel winkt ab: Alles Blödsinn. Er habe einfach nur als Parteichef seine internationalen Aufgaben ernst genommen.

05.07.2013
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