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Politik Rückkehr der Gewalt? Warum Nordirland große Angst vor dem Brexit hat
Mehr Welt Politik Rückkehr der Gewalt? Warum Nordirland große Angst vor dem Brexit hat
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16:33 21.10.2019
Steht der Frieden in Nordirland bald in Flammen? Ein maskierter Jugendlicher wirft am 18.3.1999 einen Gegenstand in Richtung eines brennenden Autos in der von Katholiken bewohnten Garvaghy Road in Portadown (Grafschaft Armagh). (Archivbild) Quelle: picture-alliance / dpa
An der nordirischen Grenze

Eugene Reavey ist müde und heiser. Trotzdem demonstriert der 72-Jährige an einem kalten Oktoberabend mit seinen Nachbarn an der Grenze, die das britische Nordirland von der Republik Irland trennt - eine Grenze, die jahrzehntelang für Gewalt sorgte und erst seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 befriedet ist.

Die Demonstranten fordern daher von London und Brüssel, bei den Austrittsverhandlungen den Frieden zu schützen, der plötzlich wieder in Gefahr ist: In drei Jahrzehnten starben im Nordirlandkonflikt mehr als 3500 Menschen.

An einem Grenzübergang nahe der irischen Stadt Dundalk wärmten sich vergangene Woche Erwachsene und Kinder an einer brennenden Mülltonne. Sie trugen Stirnlampen auf dem Kopf und Schilder in der Hand: "Keine Grenze hier - niemals", stand darauf. "Ich habe Angst davor, dass die Gewalt wieder losgeht", erklärt Reavey. "Die Grenze gibt es seit Jahren und Jahrhunderten, und es gab immer Ärger an dieser Grenze."

So auch am 4. Januar 1976, als drei seiner Brüder in Whitecross in der Grafschaft Armagh beim Fernsehschauen unter Beschuss gerieten. Der 24-jährige John Martin und der 22-jährige Brian starben sofort, der 17-jährige Anthony zwei Wochen später im Krankenhaus. Die Täter wurden nie angeklagt - seither kämpft Reavey um Gerechtigkeit.

Zwei Jahrzehnte des Friedens drohen zu kippen

Auf das Karfreitagsabkommen folgten zwei Jahrzehnte des relativen Friedens und Wohlstands für beide Seiten. Diese Stabilität war auch möglich, weil beide Länder EU-Mitglieder waren: Zwischen ihnen waren keine Barrieren mehr nötig, als die verhassten militärischen Kontrollposten einmal abgebaut waren.

Doch mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU könnten Pass- und Zollkontrollen zurückkehren - und damit, so fürchten die Anwohner, auch die Feindseligkeiten. Großbritannien und die EU versprachen zwar, die Grenze nach dem Brexit offen zu lassen, doch eine für beide Seiten akzeptable Lösung ist schwierig.

Zwar gab es vergangene Woche ein Abkommen mit dem Versprechen, die Grenze offen zu halten, doch muss dies noch vom britischen Parlament abgesegnet werden. Den von der ehemaligen Regierungschefin Theresa May ausgehandelten Deal schmetterte das Londoner Unterhaus drei Mal ab. Sollte das Parlament zu keiner Einigung kommen, so droht den Menschen hier ein chaotischer Austritt ohne Garantien zur Grenze.

"Diese Gemeinde hat riesige Zugeständnisse im Karfreitagsabkommen gemacht", betont Declan Fearon von der Vereinigung Border Communities Against Brexit. "Wir hätten nie damit gerechnet, dass eine Abstimmung in London das Karfreitagsabkommen in keiner Weise berücksichtigt."

Großbritanniens Sonderrolle in der EU

Als die grünen Hügel an ein Gefängnis erinnerten

Die Leute hier wollen nicht mehr zurück in die Zeit der "Troubles": Toni Carragher, die nach dem Good Friday Agreement für die Entmilitarisierung Nordirlands warb, erinnert sich noch gut an früher. Damals war der Süden der Grafschaft Armagh eines der am stärksten militarisierten Gebiete Westeuropas: Überall Armee und Polizeiposten - die sanften grünen Hügel erinnerten eher an ein Gefängnis. "Die Eingriffe in das Leben, die Patrouillen, das Anhalten und Durchsuchen der Autos, wenn man die Kinder in die Schule bringt und abholt, in die Kirche geht, in Kapellen, zu Treffen, egal was", erzählt sie. "Man wurde ständig angehalten und durchsucht."

Im Nordirlandkonflikt gab es Opfer auf beiden Seiten, viele Morde zogen Vergeltungsschläge nach sich. Reavey fährt zum Grab seiner Familie, es liegt an einer Landstraße inmitten grüner Hügel mit grasenden Kühen. Eigentlich eine Bilderbuchidylle - wenn auf dieser Straße nicht 30 Menschen gestorben wären. "All diese Jungs hatten ihr ganzes Leben vor sich", sagt er. "Heute frage ich mich, ob mein Bruder John Martin geheiratet hätte, was seine Kinder gemacht hätten... Wir hätten mehr junge Leute in der Fußballmannschaft. Seit den 1960ern hatten wir nie ein Fußballteam ohne einen Reavey."

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Die Spirale der Rache

Er wünscht sich, dass die Mörder seiner Brüder zur Rechenschaft gezogen werden - und eine Entschuldigung des britischen Premiers. Er kann sogar das Haus zeigen, in dem er die Mörder vermutet. "Wenn meine Brüder in der IRA gewesen wären, und es gab viele junge Leute, die in der IRA waren, nun, dann hätte ich den Mund gehalten", sagt er mit zitternder Stimme. "Aber meine Brüder waren nirgends Mitglieder. Sie waren vollkommen unschuldige Opfer."

Oft kommt er zu dem kleinen Friedhof mit dem makellos gepflegten Grab und dem riesigen, auf Hochglanz polierten Grabstein. Der Nordirlandkonflikt wird darauf nicht erwähnt. Es heißt nur, junge Männer seien "tragisch in ihrem Zuhause ermordet" worden. Das war der Wunsch von Reaveys Mutter, die Gewalt verabscheute. "Unser Vater hat uns allen das Versprechen abgenommen, dass wir keine Rache üben, dass wir keiner republikanischen Partei beitreten", sagt er. "Und meine Mutter hat 30 Jahren dafür gebetet, dass die Männer, die ihre Söhne erschossen haben, kommen und ein bisschen Vernunft zeigen."

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