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Politik Romney ist fast auf Augenhöhe mit Obama
Mehr Welt Politik Romney ist fast auf Augenhöhe mit Obama
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17:13 30.05.2012
Von Stefan Koch
Foto: Mitt Romney hat sich in Texas endgültig den Sieg bei den US-Vorwahlen gesichert.
Mitt Romney hat sich in Texas endgültig den Sieg bei den US-Vorwahlen gesichert. Quelle: dpa
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Washington

Ob sich Mitt Romney Zeit für einen kurzen persönlichen Rückblick nahm? Trotz seines dicht gedrängten Terminkalenders sollte er in der Nacht zum Mittwoch bei einer Spendengala im "Trump International Hotel" in Las Vegas auftreten, während zur gleichen Zeit seine Parteifreunde in Texas zu den Vorwahlen aufgerufen waren. Wieder einer der unzähligen Wahlabende, die ihn in den vergangenen Monaten kreuz und quer durch den nordamerikanischen Kontinent führten. Doch in diesen Stunden durchbrach der 65-Jährige nun endlich eine wichtige Schallmauer: Der Republikaner bietet jetzt mehr als 1144 Delegiertenstimmen auf - damit kann ihm auf dem Parteitag der "Grand Old Party" Ende August die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten niemand mehr nehmen.

Dass Romney gegen Amtsinhaber Barack Obama ins Rennen um das Weiße Haus geht, gilt zwar als sicher, seit sein Hauptkonkurrent Rick Santorum die Waffen streckte. Allerdings hatte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht die erforderlichen Delegiertenstimmen beisammen. Hartnäckig hielten sich in Republikaner-Kreisen Gerüchte, dass beim Parteitag in Tampa/Florida vielleicht doch noch ein Überraschungskandidat aufgeboten wird. Doch mit den Vorwahlen im bevölkerungsreichen Texas sind die Messen gelesen. Romney, mit dem seine eigene Partei so lange haderte, erreicht nun auch formell die Zielgerade. Noch in der Siegesnacht schrieb er eine E-Mail an seine Anhänger: "Das war eine außergewöhnliche Reise. Und doch ist es nur der Anfang."

Es war eine fast unendlich lange Strecke: Schon 2007 stieg er im Kampf um das höchste Staatsamt das erste Mal in den Ring. Damals musste er sich gegenüber dem charismatischen Senator John McCain geschlagen geben, der wiederum gegen Obama den Kürzeren zog. Doch kaum hatte der neue Präsident seinen Amtseid abgelegt, bereitete sich Romney auf seinen zweiten Anlauf vor. Anhänger und Kritiker attestieren ihm gleichermaßen, dass er in der ersten Wahlschlacht vieles gelernt habe. Rhetorisch besitze er zwar nicht die Obama-Qualitäten, aber er habe einen ganz eigenen Stil entwickelt, der durchaus bei den Wählern verfange. Und sein wohl größter Verdienst ist es, eine in sich zutiefst gespaltene Partei wieder auf Trab gebracht zu haben.

Die radikale Tea-Party-Bewegung, die einen weitgehenden Rückzug des Staates aus dem öffentlichen Leben fordert, bringt die altehrwürdige "GOP" zwar weiterhin in die Bredouille, steht aber nicht mehr einem gemeinsamen Schlachtplan gegen die demokratische Partei im Weg. Romney, das gestehen mittlerweile selbst Tea-Party-Leute ein, besitzt landesweit eben die größten Chancen, Obama aus dem Amt zu drängen. Der Spitzenkandidat gibt sich in diesen Wochen zwar demonstrativ konservativ, ist aber zugleich als liberal-gemäßigter Politiker bekannt.

Als Gouverneur von Massachusetts gelang es ihm, den öffentlichen Haushalt zu konsolidieren. Zugleich brachte er eine Gesundheitsreform auf den Weg, die fast jedem Bürger des Bundesstaates den Zugang zu einer Krankenversicherung ermöglichte - und offenbar als Blaupause für Obamas landesweite Reform diente. In den Hochphasen des Wahlkampfes will Romney davon zwar nichts mehr wissen, doch jedermann ahnt, dass er sich nach einem Wahlsieg durchaus wieder entspannter zeigen könnte.

Seine Gegner werden nicht müde, ihn als Wendehals zu beschimpfen, als "Flip Flopper", der seine politischen Meinungen wechselt, wenn es ihm gerade günstig erscheint. Genau diese inhaltliche Beweglichkeit dürfte ihm aber in der Mitte der Gesellschaft zugute kommen, dort, wo Amerika weniger ländlich, weniger traditionell und weniger gottesfürchtig ist.

Dass der starrköpfige Kurs der Tea-Party-Bewegung nicht für den Aufbruch Amerikas, sondern für eine Sackgasse stehen könnte, dämmert offenbar auch immer mehr Republikanern. Jüngstes Beispiel ist die hochemotional geführte Debatte um die Homo-Ehe. Nachdem sich Obama überraschend deutlich dafür ausgesprochen hatte, dass auch gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen, beeilte sich Romney, gegen dieses Vorhaben auf die Barrikaden zu gehen. Zu Recht geht der Wahlkämpfer davon aus, dass die Mehrheit seiner Parteifreunde diesen Protest von ihm erwartet - obwohl er im persönlichen Umfeld als liberal gilt. Trotz der aufgeregten Fernsehdebatten zeigt sich allerdings in den Umfragen, dass immer mehr Amerikaner gegenüber Home-Ehen aufgeschlossen sind.

Nicht zuletzt durch die anhaltend hohe Zuwanderung werden die Vereinigten Staaten eben zunehmend städtischer und säkularer. Romney dürften diese Veränderungen willkommen sein: Als bekennender Mormone hatte er in seiner eigenen Partei, die stark von evangelikalen Christen geprägt ist, viele Widerstände zu überwinden. Im Zeitalter einer bunter werdenden Gesellschaft spielt die religiöse Zugehörigkeit aber nicht mehr die zentrale Rolle. Es geht eben nicht mehr um die Frage, ob ein Afroamerikaner eine zweite Amtszeit erhält oder erstmals ein Mormone als Chef ins Weiße Haus einziehen sollte. Die Wähler interessiert heute in erster Linie, wer am besten geeignet ist, Amerikas Wirtschaft wieder nach vorn zu bringen.
 
Eigentlich keine schlechten Startbedingungen - wenn da nicht die eigenen Freunde und Unterstützer wären, die sich so manchen Patzer leisten. Ausgerechnet der Immobilienmogul Donald Trump, der am Dienstagabend die Spendengala organisiert hatte, kommt Romney in die Quere: Der Milliardär, der vor Monaten selbst mit der Präsidentschaftskandidatur liebäugelt hatte, ergeht sich regelmäßig in kruden, aber öffentlichkeitswirksamen Äußerungen. Kurz vor dem Dinner in Las Vegas gab Trump am Dienstag mal wieder seine Vermutung zum Besten, dass Barack Obama 1961 gar nicht in den USA geboren worden sei - und dementsprechend auch kein US-Präsident sein dürfe. Nun ist Romney nicht für diese abwegige These verantwortlich, wohl aber für eine vernünftige eigene Positionierung. Zur Enttäuschung vieler Republikaner geht der künftige Präsidentschaftskandidat aber einem Konflikt mit seinem Großsponsor aus dem Weg: "Ich stimme nicht mit allen überein, die mich unterstützen. Und ich schätze mal, dass sie auch nicht mit allem übereinstimmen, woran ich glaube. Ich brauche trotzdem mindestens 50,1 Prozent."

30.05.2012
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