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Politik Rezo bei Böhmermann: „Es tut mir Leid für die Guten in der CDU“
Mehr Welt Politik Rezo bei Böhmermann: „Es tut mir Leid für die Guten in der CDU“
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09:02 14.06.2019
„Ich finde es gut, wenn sich Politiker auch mal entschuldigen“: Youtuber Rezo (l.) mit Jan Böhmermann in der ZDFneo-Sendung „Neo Magazin Royale“. Quelle: ZDFneo
Hannover

Das war natürlich ein wahrhaftiger Coup für Jan Böhmermann: Nicht Markus Lanz, nicht Maybrit Illner, nicht Anne Will wählte der Youtuber Rezo für seinen allerersten Fernsehauftritt, sondern Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ – im ZDF-Tochterkanal ZDFneo und in der ZDF-Mediathek. Mit seinem 55-Minuten-Video „Die Zerstörung der CDU“ hatte der 26-Jährige zur Europawahl das politische Establishment in Schnappatmung versetzt. Im alten Medium Fernsehen nun nutzte er die Gelegenheit, sich erneut als Jugendbeauftragter mit Mission zu empfehlen.

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„Auch kritische Fragen“ hatte Böhmermann versprochen, es sollte kein idyllisches Stelldichein zweier Politikprovokateure werden. Man war sich dann aber doch ziemlich einig – und blieb im Sicherheitsbereich der Ironie („Herzlich willkommen im richtigen Fernsehen!“). Beide witzelten über die aus Verzweiflung geborene konservative Theorie, Rezo werde heimlich von den Grünen bezahlt (Böhmermann: „Haben die Grünen dir gesagt, dass du das Video machen sollst?“ – Kurzes Zögern, kurzes Kichern: „Nein...“). Und über die Selbstdemontage der CDU im Rezo-Afterschock („Annegret Kramp-Karrenbauer, die Führerin der künftig größten Oppositionspartei im Bundestag“).

Rezo: „Es tut mir Leid für die Guten in der CDU“

Warum er das Video gemacht hat? „Weil ich Bock drauf hatte.“ Hat er mit den Folgen gerechnet? „Nein. Ein einstündiges Video über eine Partei ist nicht das, was sonst so auf Youtube funktioniert.“ Was könnte Kramp-Karrenbauer mit ihrem Vorschlag für „analoge Regeln im digitalen Raum“ gemeint haben? „Kein Plan. Hat das jemand verstanden? Das war nicht sehr smart von ihr.“ Tat ihm die CDU auch mal Leid? „Es tut mir Leid für die Guten in der Partei. Nicht für diejenigen, die großen Scheiß gebaut haben. Es gibt auch in der CDU und SPD ein paar gute Leute.“

Plötzlich ein Polit-Prominenter zu sein, ist ihm sichtlich fremd. Ob er sich vorstellen könne, selbst Politik zu machen? „Nee, das wäre mir echt zu stressig.“ Mehr als 14,5 Millionen Mal wurde sein Video bisher geklickt, 200.000-mal kommentiert und 1,1 Millionen Mal gelikt. Fast im Alleingang zwang er CDU und SPD zur Rezo-Zialisierung – zu einer Neuerfindung ihrer selbst also, sollten sie weiterhin Interesse an Jungwählerstimmen haben. In der halbrealen TV-Welt außerhalb des Social-Media-Kosmos aber wirkt er doch noch etwas unsortiert. Wie ein Fisch ohne Wasser. Seine Tipps für Parteien, die nun händeringend nach Glaubwürdigkeit suchten, gingen kaum über „Die müssen weniger Scheiße bauen und nicht so künstlich sprechen“ hinaus.

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Gemeinsames Kichern über Dagi Bee

Am Ende blieb es ein zahmes Gipfeltreffen zweier Entertainment-Influencer, die sich gemeinsam an ihrem Dasein als Stachel im Fleisch des Politbetriebs erfreuten. Nachteile? Gab es auch. Er habe einen lukrativen Werbedeal verloren durch sein Video, sagte Rezo. Details verriet er nicht. „Das passiert.“ Sein nächstes Video? „Ich lese Instagram-Nachrichten vor mit einem Gast.“

Dass Rezo mit Flankenschutz von Böhmermann die CDU in der Show quasi noch einmal zerlegen würde, war aber auch kaum zu erwarten. Und warum sollte er auch? An der Klima- und Digitalkompetenz der Partei gibt es nicht mehr viel zu zerstören. „Der Frühling 2019 ist das Fukushima der Konservativen im Internet“, schreibt Sascha Lobo völlig zutreffend – „eine Verkettung von Unglücken, Katastrophen und Fehlleistungen, die anmutet wie ein Naturschauspiel, aber menschengemachte Gründe hat“.

Stattdessen kicherte man gemeinsam gemütlich über Youtuber-Kollegin Dagi Bee und ihr erfolgreiches Bemühen, das Wort „Risikohierarchie“ auszusprechen.

Sein Video war stärker und pointierter als der ZDFneo-Auftritt

Dass Rezo zur Symbolfigur des Jungvolkszornes wurde, liegt vor allem daran, dass er als Influencer für die fundamentale kulturelle Entfremdung zwischen den Generationen steht – stärker noch als die Fridays-for-Future-Aktivisten, die immerhin noch nach alter Väter Sitte auf die Straße gehen. Das versteht der Traditionswähler noch, das kennt er von früher, das hat er unter Umständen selbst getan. Rezo aber wirkt in einer Sphäre, die für alternde Konservative offenbar so fremd und exotisch ist wie das Morgenland für einen Schmied im Mittelalter. Das ist der Grund, warum viele CDU-Veteranen und konservative Kommentatoren so zornig und unversöhnlich waren. Getroffene Hunde bellen. „Ich finde es aber gut, wenn sich Politiker dann wenigstens entschuldigen“, sagte er. Das Hin-und-Her vieler CDU-Politiker in den Tagen nach der Veröffentlichung des Videos sei schon überraschend gewesen, sagte er. „Einerseits kritisieren sie mich, aber dann müssen sie auch wieder zeigen, dass sie mich ernst nehmen.“

Ein Foto, das vor der Sendung im Netz kursierte, zeigt Rezo mit Böhmermann sowie den beiden Die-Partei-Europaabgeordneten und Komikern Martin Sonneborn und Nico Semsrott.

Da waren sie also alle vier auf einem Bild versammelt: die apokalyptischen Reiter der deutschen Politik im Frühjahr 2019. Es ist ein Quartett, das in einer eher linksorientierten Szene die wirkmächtigste Opposition seit langem ist – wenn auch nur mit Worten statt mit Taten. Diese vier Ironiker sind die Sprachrohre derjenigen, die mit den herkömmlichen Politphrasen-, floskeln und –ritualen nichts mehr anfangen können. „Früher haben die Politiker nur über Zeitungen mit den Leuten kommuniziert“, sagte er. Und weil die Medien „ihre eigene Art haben, wie sie etwas ausdrücken“, hätten Politiker sich dem angepasst. Es gebe „eine institutionelle Sprache und eine menschliche“. Aber: Sein Video war deutlich stärker und pointierter als sein Auftritt bei Böhmermann.

Rezo: „Ich habe keinen Bock, nach Berlin zu fahren“

Dass sich Rezo auf Dauer in der Independent-Politprovokateur-Nische einnistet, ist fraglich. Es ist eher anzunehmen, dass sein politisches Engagement nicht über gelegentliche Nadelstiche hinausgeht. „Ich wäre gar nicht so gut, wenn ich jetzt eine andere Rolle annehmen würde“, sagte er selbst. „Wenn ich das, was ich jetzt gemacht habe, hin und wieder mache, ist das schon ganz gut.“ Nach dem Auftritt bei Böhmermann ist ihm beizupflichten. Es war auch eine Entzauberung.

Mit der CDU auch nur zu sprechen erscheint ihm weiterhin fruchtlos. „Ich hab keinen Bock, nach Berlin zu fahren, nur um mich mit ein paar Leuten zu unterhalten. Wenn die mal in Aachen sind, treffe ich mich gern mit denen. Wir können auch gerne callen.“ Was aber auffalle: Er bekomme jetzt mehr Nachrichten von 25-Jährigen, die ihn auf einen Kaffee einladen, als Nacktbilder. „Willkommen in meiner Welt“, witzelte Böhmermann.

Die Abstimmung per Mausklick hat er gewonnen

Einer Wahl muss sich Rezo nicht mehr stellen. Die Abstimmung per Mausklick hat er bereits gewonnen. Und es könnte sein, dass sein Einfluss auf die Entwicklung der politischen Meinungsbildung und Kommunikation viel größer sein wird, als wenn er ein politisches Amt bekleidete.

„Es fühlt sich an, als sei ein neuer Cowboy in der Stadt, und der heißt Zivilgesellschaft“, sagte Böhmermann. Aber so ehrlich muss man sein: Der doch ziemlich harmlose Auftritt wirkte, als habe Rezo seine größte Tat für die deutsche Politik schon hinter sich. Ob es in Berlin im Konrad-Adenauer-Haus der CDU ein Public Viewing der Show gab, ist nicht bekannt.

Von Imre Grimm

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