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Politik Rettet den Wald: Warum der Klimawandel unsere Wälder bedroht
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11:00 13.07.2019
Zahlreiche, vom Fichtenborkenkäfer befallene Fichten im Harz. Nach Ansicht von Naturschützern beschleunigt der Borkenkäfer den Wandel des artenarmen Fichtenwalds zum artenreicheren Urwald im Nationalpark Harz. Quelle: Swen Pförtner/dpa
Hannover

Nein, das Navi hat nicht versagt. Wer beim Sommerspaziergang im Wald plötzlich auf bunte Container-Lastwagen mit der Aufschrift „Hanjin Shipping“ trifft, kann sich sicher sein: Das ist Absicht. China braucht Holz für sein Wachstum – und das holen die Container jetzt direkt aus dem Wald. Beladen mit Hunderten Fichtenstämmen geht es nach Hamburg und dann mit dem Schiff auf den boomenden Markt nach Übersee.

Förster, die es geschafft haben, die roten und blauen Container in ihren Wald zu locken, können sich glücklich schätzen. Alle anderen sind der Verzweiflung nah: In Deutschland stapelt sich gerade ein riesiger Berg Totholz.

Selbst dem flüchtigen Betrachter bleibt das Drama nicht verborgen: Überall zwischen grünen Wipfeln ragen in diesem Sommer braune oder graue Skelette in den Himmel. Betroffen sind fast ausnahmslos Fichten, sie sind das weithin sichtbare Opfer des Klimawandels.

Dramatischer Sommer der Kontraste

Der Wald erlebt einen dramatischen Sommer der Kontraste: Wandern unterm Laubdach erlebt eine Renaissance, Städter schwärmen aus zum Waldbaden und Picknicken auf Lichtungen. Diejenigen aber, die vom Wald leben oder ihn pflegen, finden im Forst keine Entspannung mehr. Wo andere das Leben feiern, sehen sie nur den Tod.

Ganze Waldstriche vertrocknen, weil sich unglückliche Umstände zu einer Kette verknüpft haben. Es begann mit den Wetterextremen der Jahre 2017 und 2018. Erst regnete es ohne Ende, dann rissen Stürme mächtige Schneisen in die Fichtenwälder, weil die Wurzeln keinen Halt mehr in dem durchnässten Boden fanden.

Ideale Bedingungen für Borkenkäfer

In den umgeworfenen Stämmen vermehrten sich die natürlichen Feinde der Fichten – die Borkenkäfer alias Buchdrucker. Im Jahrhundertsommer 2018 fanden sie ideale Bedingungen für ihr Zerstörungswerk vor. Die Bäume waren gestresst von Hitze und Trockenheit, die Käfer vermehrten sich rasant.

Sie nisten sich in der Rinde der Nadelbäume ein und zerstören die Wasser- und Nährstoffversorgung. Eine Fichte wehrt sich gegen den Schädling mit Harz; sie schießt es ihm entgegen und erstickt ihn damit. Harz aber kann der Baum nur bilden, wenn er genügend Wasser hat – ein Teufelskreis.

Das Ergebnis von Sturm und Hitze ist wirtschaftlich betrachtet eine Katastrophe: Die Forstbetriebe kommen mit dem Fällen kaum nach, der Holzpreis ist im Keller.

Grafik Borkenkäfer Quelle: Dpa

Der große gesellschaftliche Aufschrei über die Bedrohung des Waldes bleibt trotzdem aus. Und das liegt wohl auch daran, dass die Generation, die heute politisch Verantwortung trägt, mit dem „Waldsterben“ praktisch aufgewachsen ist. In den 1980er-Jahren war der Klimawandel für die Deutschen noch kein Thema, dafür aber das „Waldsterben“, das zusammen mit dem „sauren Regen“ eine höchst intensive Umweltdebatte prägte.

Auf dem Nachttisch lag damals „Rettet den Wald“ von Horst Stern. Der Fernsehjournalist war Wegbereiter der Ökobewegung im Forst. In den 1970er-Jahren hatte die Luftverschmutzung in Europa ihren Höhepunkt erreicht. Saurer Regen hatte zum deutlich sichtbaren Sterben von Pflanzen und Tieren geführt. Manche Seen und Böden waren so sauer wie Essig. Das Gift wurde auch mit der Erkrankung von Bäumen, dem „Waldsterben“, in Verbindung gebracht. Schwefeldunst ließ Menschen erkranken.

Der schädliche Niederschlag war entstanden, weil immer mehr Abgase aus Kraftwerken und Heizungen in die Luft gepustet worden waren. Doch es ist gelungen, den Ausstoß von Schwefeldioxiddeutlich zu verringern. Insbesondere die Vorschrift, dass Kohlekraftwerke Entschwefelungsanlagen einbauen müssen, hat den Schwefeldioxidausstoß gesenkt.

Düstere Szenarien nutzen sich ab, wenn sie nicht eintreten

Auch der Niedergang der osteuropäischen Industrie nach dem Fall der Mauer trug entscheidend zum Rückgang des schädlichen Gases bei – eine positive ökologische Nebenwirkung der für viele Menschen dramatischen Deindustrialisierung im Osten.

Rückblickend sagen heute viele, dass die düsteren Prognosen damals wohl übertrieben waren. Es war die Zeit der ökologischen Katastrophenszenarien. Der ganze Planet schien akut in Gefahr, so wie aktuell in der Klimadebatte. Der Club of ­Rome veröffentlichte 1972 seinen ersten Bericht zur Lage der Menschheit: „Die Grenzen des Wachstums“ wurde 30 Millionen Mal verkauft.

Viele düstere Szenarien aber nutzen sich ab, wenn sie in absehbarer Zeit nicht eintreten. Nur: Wer weiß denn, wie sich der Wald entwickelt hätte, wenn die Industrieabgase nicht besser gereinigt worden wären? Und wenn Katalysatoren in Automotoren nicht zur Pflicht geworden wären?

Alarmsignal und Chance zugleich

Dass der Wald bis heute nicht gestorben ist, verdankt Deutschland daher auch den Vorgängern der Fridays-for-Future-Bewegung. Der Hinweis, dass es ganz so schlimm wie befürchtet ja doch nicht gekommen ist, darf keine Ausrede dafür sein, dem Wald heute keine Aufmerksamkeit mehr zu widmen.

Es lohnt sich mehr denn je. Denn das Sterben der Fichten ist Alarmsignal und Chance zugleich. Der Klimawandel trifft mit voller Wucht einen Baum, der geografisch bei uns eigentlich nicht zu Hause ist und der ökologisch nicht besonders wertvoll ist. Fichten sind in den vergangenen Jahrzehnten im großem Stil angepflanzt worden, weil sie schnell wachsen – und damit auch schnell Ertrag bringen.

Verschwinden jetzt die Fichten, dann steigen zugleich die Aussichten auf eine natürliche Erneuerung des Waldes. Die Natur kennt nicht die Katastrophe, sondern nur die Entwicklung. Die Zukunft gehört in unseren Breiten dem Laubwald und ganz besonders der guten alten Eiche – dem mit Abstand am langsamsten wachsenden Baum. Sein Holz ist das wertvollste, weil es besonders hart ist.

Die Zukunft gehört dem Laubwald: Traubeneichen, aufgenommen im ersten Generhaltungswald Brandenburgs, in einem Forstrevier der Stiftung Stift Neuzelle nahe Schernsdorf im Landkreis Oder-Spree (Brandenburg). Quelle: Patrick Pleul/dpa

Laubbäume sind generell ökologisch wertvoller – und sie können den Herausforderungen des Klimawandels besser trotzen: Sie sind dank tieferer Wurzeln nicht so sturmanfällig und überstehen längere Hitzeperioden.

Ganz von allein aber wird der Wandel im Wald nicht gelingen, er ist zu einem echten Generationenprojekt geworden. Die Landesbetriebe und Privatbesitzer müssen ausgerechnet in dem Augenblick groß angelegte und teure Aktionen zur Wiederaufforstung starten, in dem die Erlöse wegen der Holzschwemme im Keller sind. Fast überall in Deutschland sind die Landesforsten in die roten Zahlen gerutscht. Mit leeren Kassen aber pflanzt es sich nicht gut.

Der Wald rückt wieder auf die Tagesordnung

Dabei ist die Aufforstung eine effektive Methode, den Klimawandel zu bremsen. Die Erde könne ein Drittel mehr Wälder vertragen, ohne Städte und Wirtschaftsräume zu gefährden, schreiben Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich im Magazin „Science“.

Im ganz großen Umfang Bäume zu pflanzen habe das Potenzial, zwei Drittel der von Menschen verursachten klimaschädlichen Kohlendioxid-Emissionen aufzunehmen. So kann die Natur zur Antwort auf die Klimakrise werden.

Die Politik muss sich daran gewöhnen, dass der Wald Jahrzehnte nach dem ersten „Waldsterben“ wieder auf die Tagesordnung rückt. Wer den Wald ein zweites Mal retten will, der muss jetzt viel Geld in die Hand nehmen.

Von Jörg Kallmeyer

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