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Politik Protest im Park: Türkische Studierende demonstrieren gegen hohe Mieten
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17:34 12.10.2021
Die Mieten in Istanbul und anderen türkischen Universitätsstädten sind in kurzer Zeit stark angestiegen. (Archivbild)
Die Mieten in Istanbul und anderen türkischen Universitätsstädten sind in kurzer Zeit stark angestiegen. (Archivbild) Quelle: Getty Images
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Athen

Zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie öffnen die türkischen Universitäten jetzt wieder für den Präsenzunterricht. Aber für viele Studierende ist die Rückkehr in die Hörsäle mit einer bösen Überraschung verbunden: Die Wohnungsmieten in den Universitätsstädten sind stark gestiegen. Ein typisches Beispiel aus Istanbul: 900 Lira Miete zahlte der 23-jährige Malik vor Corona für eine kleine Altbauwohnung in der Nähe der Bosporus-Universität. Jetzt kosten vergleichbare Unterkünfte fast das Doppelte.

Wie dem Informatikstudenten Malik geht es jetzt vielen Studierenden: Sie können sich die Mieten nicht mehr leisten, selbst wenn sich mehrere Kommilitonen eine Wohnung teilen. Seit Wochen protestieren deshalb Studierende. Sie übernachten in städtischen Parks und Grünanlagen, um auf ihre Notlage aufmerksam zu machen. Das Motto ihres Protestes: „Barinamyoruz“, wir finden keine Unterkunft. Die Aktion begann vergangenen Monat im Istanbuler Yogurtcu-Park. Inzwischen hat sie sich auf viele andere Universitätsstädte ausgeweitet.

Erdogans islamisch-konservative Regierung hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten im ganzen Land zahlreiche neue Universitäten gebaut. Seit ihrem Amtsantritt Ende 2002 stieg die Zahl der Studierenden von 6,8 auf 8,4 Millionen. Aber in den staatlichen Studentenwohnheimen gibt es nur knapp eine Million Plätze. Wer hier nicht unterkommt, muss sich eine Unterkunft auf dem freien Markt suchen – die für viele unbezahlbar ist.

Die steigenden Mieten sind eine Auswirkung der Inflation. Sie beträgt fast 20 Prozent. Hinzu kommt die Knappheit an bezahlbarem Wohnraum. Nach einer Studie der Stadtverwaltung Istanbul stiegen die Durchschnittsmieten in der Bosporus-Metropole während der Pandemie um 66 Prozent. Eine Untersuchung der Bahcesehir-Universität kommt zu dem Resultat, dass die Mieten in Istanbul allein seit August 2020 um 50 Prozent gestiegen sind.

Das macht Mietwohnungen nicht nur für die meisten Studierenden unerschwinglich. Der Mindestlohn in der Türkei beträgt 3577 Lira, umgerechnet 344 Euro. Die Durchschnittsmiete in Istanbul lag im September bei 2561 Lira. 95 Prozent der Mieter halten ihre Miete für „zu hoch“, 41 Prozent sind mit den Zahlungen im Rückstand, so die Erhebung der Istanbuler Stadtverwaltung. Steigende Energiepreise könnten viele Menschen in den kommenden Monaten in noch größere finanzielle Bedrängnis bringen.

Die Teuerung kostet Erdogan Sympathien. Seine Regierungspartei AKP fällt in den Umfragen immer weiter zurück. Auch das persönliche Ansehen des Staatschefs leidet. Würde nächsten Sonntag in der Türkei gewählt, müsste Erdogan mit einer Niederlage rechnen.

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Das macht die Studierendenproteste politisch so brisant. Erdogan reagiert, wie er es in solchen Fällen schon immer tat: Er diffamiert die Demonstrierenden als „Lügner“ und „Terroristen“. In Ankara, Izmir, Eskisehir und weiteren Universitätsstädten nahm die Polizei protestierende Studentinnen und Studenten fest. Innenminister Süleyman Soylu begründet die Festnahmen damit, „dass die Proteste überwiegend von linksextremen Randgruppen organisiert werden“.

Wie ernst Erdogan die Proteste nimmt, zeigt ein Vergleich, den er jetzt selbst zog: Es handele sich bei den Demonstrationen „um eine neue Variante der Vorfälle vom Gezi-Park“, sagte Erdogan. Er spielte damit auf die Ereignisse vom Frühjahr 2013 an: Damals entwickelte sich aus dem Widerstand einiger Dutzend Umwelt­schützer gegen die von Erdogan angeordnete Rodung des Istanbuler Gezi-Parks eine landesweite Welle von Protesten, an denen sich drei Millionen Menschen beteiligten. Jetzt fürchtet Erdogan offenbar, dass sich dieses Szenario wiederholen könnte.

Von Gerd Höhler/RND

Der Artikel "Protest im Park: Türkische Studierende demonstrieren gegen hohe Mieten" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.