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Politik Politologe Brodocz: „Die CDU ist keine klassische Volkspartei mehr“
Mehr Welt Politik Politologe Brodocz: „Die CDU ist keine klassische Volkspartei mehr“
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16:28 07.10.2021
Die CDU und SPD halten weiter am Konzept Volkspartei fest, werden laut Politologe Brodocz aber wohl nicht mehr hohe Zustimmungswerte im Bund erhalten. Die CDU und SPD halten weiter am Konzept Volkspartei fest, werden laut Politologe Brodocz aber wohl nicht mehr hohe Zustimmungswerte im Bund erhalten.
Die CDU und SPD halten weiter am Konzept Volkspartei fest, werden laut Politologe Brodocz aber wohl nicht mehr hohe Zustimmungswerte im Bund erhalten. Die CDU und SPD halten weiter am Konzept Volkspartei fest, werden laut Politologe Brodocz aber wohl nicht mehr hohe Zustimmungswerte im Bund erhalten. Quelle: imago images/Friedrich Stark
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Die Bundestagswahl 2021 hat gezeigt, dass CDU/CSU und SPD Schwierigkeiten haben, große Teile der Wählerschaft zu überzeugen. Im Interview erklärt der Politikwissenschaftler André Brodocz, woran die alten Volksparteien scheitern, warum die Gesellschaft einen Anteil daran trägt – und wie die Zukunft von FDP und Grünen aussieht.

Herr Brodocz, die CDU musste bei der Bundestagswahl historische Verluste hinnehmen. Kann sie sich überhaupt noch Volkspartei nennen?

Die CDU ist nur noch von ihrem Anspruch her eine Volkspartei. Sie versucht, unterschiedliche Schichten und Generationen anzusprechen. Erfolgreich ist die Union damit nicht, wie das Wahlergebnis von nur 24,1 Prozent deutlich macht. Bei Jungwählerinnen und -wählern hat sie kaum noch Erfolg. Selbst in ihrer klassischen Wählerschaft, den über 60-Jährigen, hat sie Stimmen verloren. Eine große Gruppe in der Gesellschaft repräsentiert die CDU nicht und ist somit keine klassische Volkspartei mehr.

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Wie funktioniert das Konzept Volkspartei?

Das Konzept Volkspartei lässt sich als eine Art Marke verstehen. Parteien wie CDU und SPD wollen damit signalisieren, dass sie verschiedene Interessengruppen ansprechen und zwischen ihnen vermitteln können. Das gilt nicht nur in Bezug auf Wählerschaft und mögliche Koalitionen, sondern auch auf die eigene Partei.

Der Politologe André Brodocz ist an der Universität Erfurt Professor für Politische Theorie. Quelle: Universität Erfurt

Das Spektrum innerhalb der CDU – von mittig bis rechtskonservativ – hat ihr als Volkspartei früher genutzt. Wird es mittlerweile zum Nachteil?

Je breiter das Spektrum, desto mehr müssen Volksparteien die damit verbundenen Widersprüche rechtfertigen. Schaut man auf die regionalen Wahlergebnisse, wird es jedoch komplizierter: In den Wahlkreisen müssen die Volksparteien verschiedene Interessen ansprechen – da kann es hilfreich sein, unterschiedliche Kandidaten ins Spiel zu bringen. Entscheidend ist, dass die Parteien klarmachen, dass das Spektrum kein programmatischer Widerspruch ist. Das gelingt der CDU oft nicht. Sie machte beispielsweise im Fall von Hans-Georg Maaßen stets deutlich, dass sie dieses Spektrum hat, erklärte aber nicht, wie sie damit umgehen will.

Die SPD hat eine linke Basis und mit Olaf Scholz einen Kanzlerkandidaten, der in der Mitte steht. Wie ist ihr die Kommunikation gelungen?

Die Parteimitglieder sind vor allem links, aber die SPD-Sympathisanten sind eher mittig aufgestellt. Der SPD ist es gelungen, den Wählern zu vermitteln, dass Olaf Scholz sich gegenüber der linken Basis behaupten kann. Das liegt auch an der Geschlossenheit der Partei, die zumindest nach außen hinter Scholz steht.

Trotzdem kann auch die SPD keine starken Ergebnisse mehr einfahren. Warum verlieren die klassischen Volksparteien immer mehr an Zustimmung?

Das liegt vor allem an der pluraler werdenden Gesellschaft. Wählerinnen und Wähler suchen nicht mehr die Partei aus, die für alle gut ist, sondern orientieren sich stärker an den eigenen Interessen. Das sorgt dafür, dass Parteien mit speziellen Themen erstarken. Der gleiche Trend lässt sich in anderen europäischen Ländern beobachten.

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Wie viel Schuld am Abstieg der Union trägt Angela Merkel?

Rückblickend erscheint es so, als ob Angela Merkel den Abwärtstrend der Union eher verlangsamt hat. Das liegt aber nicht an Merkel als Person, sondern an der Kanzlerschaft. Merkels Mittekurs hat es trotz Stimmverlusten unmöglich gemacht, im Bund eine Regierung ohne die Union zu bilden. So hat die Union stets die Kanzlerin gestellt und dann nach vorne geschaut, statt die Verluste aufzuarbeiten. Parteien, die dennoch an die Regierung gelangen, sind diesbezüglich sehr vergesslich.

In der aktuellen politischen Situation erlangen Parteien nur um die 25 Prozent, außer sie haben besonders charismatische Menschen an der Spitze.

Politologe André Brodocz

Könnten sich SPD und CDU/CSU noch mal erholen und wieder Volksparteien mit mehr als 40 Prozent werden?

Solche hohen Ergebnisse sind nur möglich, wenn einem Spitzenpolitiker oder einer Spitzenpolitikerin die Verkörperung der Volkspartei-Idee gelingt. Das ist nicht ausgeschlossen, aber eher unwahrscheinlich. Hinzu kommt, dass die Parteien ihre Mitglieder verlieren und dadurch aus der Partei weniger Resonanz zu Themen und Lösungen bekommen. Die Mitglieder werden also immer unwichtiger und als Resonanzraum werden zunehmend die sozialen Medien genutzt.

Die Zeit der klassischen Volksparteien ist also vorbei. Sollten sich CDU und SPD damit abfinden?

Komplett von der Volkspartei-Idee abweichen sollten SPD und CDU nicht. Irgendwann kann dies wieder ein Alleinstellungsmerkmal sein. In den Koalitionsverhandlungen wird interessant werden, ob Union oder SPD als Brückenbauer Grüne und Liberale zusammenbringen können und sich so vielleicht sogar zumindest als die Marke „Volkspartei“ neu erfinden können. Eine Breite in der Gesellschaft werden beide in Zukunft aber nicht mehr erreichen.

FDP und Grüne waren sehr stark unter den Erstwählenden. Wie sieht ihre Zukunft aus?

In der aktuellen politischen Situation erlangen Parteien nur um die 25 Prozent, außer sie haben besonders charismatische Menschen an der Spitze. Essenziell wird für Liberale und Grüne, ob sie gewonnene Jungwähler langfristig an sich binden können. Erst mit 30 Jahren ist die politische Identifizierung weitgehend abgeschlossen, weshalb diese Gruppe sich in vier Jahren schnell wieder anders orientieren könnte.

Von Alisha Mendgen/RND

Der Artikel "Politologe Brodocz: „Die CDU ist keine klassische Volkspartei mehr“" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.