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Politik Polen streitet über Beisetzung von Kaczynski
Mehr Welt Politik Polen streitet über Beisetzung von Kaczynski
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22:20 14.04.2010
Aufräumarbeiten: In Smolensk werden Reste des Flugzeugwracks beseitigt.
Aufräumarbeiten: In Smolensk werden Reste des Flugzeugwracks beseitigt. Quelle: dpa
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Tadeusz Mazowiecki kennt seine Landsleute nur allzu gut. Am Tag nach dem tragischen Tod des Präsidenten Lech Kaczynski beklagte der ehemalige Premier Polens den Tod des Staatsoberhauptes mit der flehentlich vorgetragenen Mahnung, „dass die in der polnischen Politik zutage kommende Kleinlichkeit angesichts der Tragödie, die wir erlebt haben, zumindest für einige Zeit verschwindet“. Doch der inzwischen 83 Jahre alte Politiker sollte enttäuscht werden.

Noch während sich die Schlange der Trauernden vor dem Sarg im Präsidentenpalast kilometerweit durch die Altstadt von Warschau zieht, beginnt das politische Geschacher. Da wird um Kompetenzen gestritten, und es rangeln die potenziellen Nachfolger der Verstorbenen um die besten Ausgangspositionen.
Fast bizarr wirkt die Auseinandersetzung um die letzte Ruhestätte Lech Kaczynskis. Geplant ist, ihn und seine Frau Maria am Sonntag mit einem Trauerakt in der Wawel-Kathedrale in Krakau beizusetzen. Erzbischof Dziwisz, Metropolit von Krakau, verkündete, dass er dies mit der Familie Kaczynski vereinbart habe.

„Sie werden mit denen ruhen, die sich um die Wohlfahrt unseres Landes verdient gemacht haben, unter den Königen und Helden“, erklärte der Kirchenmann. Der Präsident sei „auf heldenhafte Weise ums Leben gekommen“, als am Sonnabend beim Anflug auf den Flughafen von Smolensk die Regierungsmaschine abstürzte.

Vor allem in den liberalen Kreisen Polens regt sich Widerstand. Die Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ warnt, dass die Nation gespalten werde. „Der Wawel ist der gemeinsame Ort aller Polen und kein gewöhnlicher Friedhof, über dessen Auswahl die Familienangehörigen entscheiden können.“ Gefordert wird eine „nationale Diskussion“.

„Nicht auf dem Wawel! Krakau sagt Nein!“, skandierten knapp 500 Demonstranten vor dem Bischofssitz in Krakau. Das allgemeine Unbehagen ist groß. Denn Kaczynski war ein umstrittener Präsident. Er gewann die Präsidentenwahl 2005 durch eine Wahllüge seiner Partei, der nationalkonservativen Recht und Gerechtigkeit (PiS): Angeblich habe sich der Großvater des damaligen Favoriten und Gegenspielers Donald Tusk im Zweiten Weltkrieg freiwillig zur deutschen Wehrmacht gemeldet und gegen die Polen gekämpft. Kaczynski spielte später noch mehrmals die antideutsche Karte, entschuldigte sich nie bei Tusk.

Zudem ist die Unfallursache in Smolensk noch nicht geklärt. Sollte es sich herausstellen, dass Kaczynski den Befehl zur Landung trotz des starken Nebels gegeben hat oder auf die Piloten Druck ausübte, müsste er nach der mit großem Pomp und internationalen Gästen inszenierten Beisetzung wieder aus dem Wawel entfernt werden.

Selbst in Kirchenkreisen regt sich Kritik. Bischof Pieronek kommentierte die Entscheidung kurz: „In der Kathedrale ruhen Könige, aber keine Präsidenten.“
Geht es in dem Streit um die letzte Ruhestätte vor allem um Symbolik, wird gleichzeitig unter den politischen und wirtschaftlichen Eliten Polens schon um die Macht gekämpft. In der abgestürzten Maschine saß auch Slawomir Skrzypek, Chef der Nationalbank, dessen Posten nun vorerst sein Stellvertreter Piotr Wiesiolek übernommen hat. Dessen Kompetenz und Führungsqualität wurde aber umgehend nicht nur von diversen Fachleuten angezweifelt. Vermutet wird, dass er bald von einem Vertrauten von Premier Tusk ersetzt werden wird.

Spekulationen gibt es auch um die Zukunft der Kaczynski-Partei PiS, die 2001 von Lech und Jaroslaw Kaczynski gegründet wurde. Die Zwillingsbrüder lebten in einer Art Symbiose, die weit über das persönliche Leben hinausging. Gemunkelt wird, dass sich Jaroslaw Kaczynski vom Verlust des Bruders nicht erholen werde. Der Parteivorsitzende war bereits in den vergangenen Monaten in den eigenen Reihen schwer in die Kritik geraten, da er kein Mittel fand, der regierenden Bürgerplattform Paroli zu bieten. Da neben Lech Kaczynski auch andere führende PiS-Politiker ums Leben kamen, prophezeien manche Kommentatoren schon das Ende der einstigen Regierungspartei.

Knut Krohn und Gabriele Lesser

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