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Politik Pisa-Studie: Deutsche Schüler haben keinen Bock auf Lesen
Mehr Welt Politik Pisa-Studie: Deutsche Schüler haben keinen Bock auf Lesen
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13:28 08.12.2019
Heute mal ein gutes Buch lesen und darüber diskutieren? Lieber nicht, denken viele deutschen Schüler. Quelle: imago images / Westend61

Im Jahr 2001 war der Schock über das deutsche Pisa-Ergebnis groß. Wie steht Deutschland jetzt da?

Auf den ersten Blick sieht das Ergebnis gar nicht schlecht aus: Die Schüler in Deutschland haben im Leseverständnis, dem Schwerpunkt der diesjährigen Pisa-Studie, leicht besser abgeschnitten als die Gleichaltrigen im Durchschnitt der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Das gilt auch für Mathematik, in Naturwissenschaften sind sie sogar deutlich besser. Der zweite Blick zeigt aber: Vor allem in Mathe und Naturwissenschaften haben sich die Ergebnisse aus Deutschland verschlechtert.

Sind die Ergebnisse unterm Strich also nur mäßig?

Der Abstand zu Pisa-Spitzenreitern in Asien (vier chinesische Provinzen und Singapur) und Europa bleibt groß. Gemessen daran sind die deutschen Ergebnisse Mittelmaß. Im internationalen Vergleich profitiert Deutschland insgesamt nicht davon, dass es sich vorteilhaft entwickelt hätte, sondern davon, dass einige Länder mit starken Ergebnissen schlechter geworden sind. So hat Finnland bei der Lesekompetenz im Langfristtrend spürbar verloren, schneidet aber immer noch deutlich besser ab als Deutschland. Deutschland wirkt mit seinen Ergebnissen wie ein Schüler, der sich mit einer Drei zufrieden gibt – ganz egal, wie die anderen abschneiden.

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Warum bekommen die Pisa-Ergebnisse immer so große Aufmerksamkeit?

Zweifellos ist keine Studie perfekt. Und: Nicht jede Kompetenz von Schülern ist messbar. Doch die Pisa-Studie ermöglicht es den Ländern, im regelmäßigen Vergleich auch über einen längeren Zeitraum zu verfolgen, wo sie mit ihrem Bildungssystem stehen. Dazu werden Schüler im Alter von 15 Jahren getestet. Mit rund 600.000 Teilnehmern aus 79 Ländern und Regionen war die diesjährige Pisa-Studie die bisher größte. Getestet werden 15-Jährige. Dabei geht es nicht darum, Wissen abzufragen, sondern in Mathe etwa herauszufinden, inwieweit die Schüler in der Lage sind, mathematisch zu denken.

Wie viele Schüler wurden in Deutschland getestet?

In Deutschland haben fast 5500 Schüler aus mehr als 220 Schulen teilgenommen – wobei die Tests, wie bei so großen Studien üblich, bereits mit erheblichem Vorlauf im Jahr 2018 erfolgten. Die Ergebnisse sind repräsentativ.

Der Schwerpunkt der Studie liegt diesmal auf dem Thema Lesekompetenz. Wie fallen die Leistungen der deutschen Schüler dort im Detail aus?

Problematisch ist vor allem das Ergebnis bei den leistungsschwachen Jugendlichen. Mehr als jeder fünfte 15-Jährige (20,7 Prozent) erreicht nur extrem dürftige Ergebnisse, also Lesefähigkeiten auf Grundschulniveau. Dieser Wert beträgt im OECD-Durchschnitt zwar sogar noch schlechtere 22,6 Prozent. Doch das deutsche Ergebnis entspricht sicher nicht dem Anspruch, eine „Bildungsrepublik“ zu sein, wie ihn Bundeskanzlerin Angela Merkel vor mehr als zehn Jahren formuliert hat. Bei den besonders leistungsstarken Jugendlichen kommt Deutschland in Sachen Lesekompetenz auf erfreuliche 11,3 Prozent – klar über dem OECD-Durchschnitt von 8,7 Prozent. Auch hier gilt aber: Andere sind besser, darunter Kanada, Finnland, Estland und auch die Vereinigten Staaten.

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Was wird denn bei der Lesekompetenz getestet?

Es geht im Kern darum, ob jemand Informationen in einem Text erkennen, den Text verstehen, aber auch reflektieren kann. Ein Beispiel einer einfachen Aufgabe zum Satzverstehen, die keinesfalls für den generellen Schwierigkeitsgrad der Aufgaben steht, funktioniert so: Drei Minuten lang werden die Jugendlichen mit Sätzen konfrontiert wie „Sechs Vögel flogen über die Bäume“ oder „Das Fenster sang das Lied lautstark“. Es geht dabei darum, bei möglichst vielen Sätzen richtig zu erfassen, ob sie einen Sinn ergeben oder nicht. Um den Veränderungen des Lesens in der digitalen Welt gerecht zu werden, gibt es aber zum Beispiel auch Leseaufgaben, in denen Schüler aus einem simulierten Text einer Online-Plattform Informationen zusammensuchen und bewerten müssen.

Wie kämen Sie selbst mit dem Pisa-Test zurecht? Ein Beispiel für eine Testaufgabe finden Sie hier.

Was, wenn ein Schüler zu Beginn des Tests an vielen Aufgaben scheitert? Wird das Ergebnis nicht dadurch verzerrt, dass er einfach aufgibt?

Für dieses Problem gibt es eine gute Lösung. Die Schüler bearbeiten die Testaufgaben am Computer, und der Test passt sich dabei nach und nach ihren Fähigkeiten an. Wer seine Aufgaben richtig löst, bekommt schwerere. Wenn ein Schüler ständig falsche Lösungen liefert, verringert sich der Schwierigkeitsgrad. Je kniffliger die Aufgabe ist, desto höher ist die Punktzahl, die es für eine richtige Lösung gibt.

Die Schüler wurden nicht nur getestet, sondern auch befragt, wie gern sie lesen. Was ist dabei herausgekommen?

Das ist ein trauriges Ergebnis, das Politik, Eltern und Gesellschaft noch viel Anlass zum Nachdenken geben wird. Viele Jugendliche in Deutschland haben keine Lust zu lesen – die Zahlen fallen hier negativer aus als in anderen Ländern. Mehr als die Hälfte der getesteten 15-Jährigen in Deutschland gab an: „Ich lese nur, wenn ich muss.“ Nur knapp 24 Prozent reden gern mit anderen Leuten über Bücher. Mehr als jeder dritte 15-Jährige in Deutschland, deutlich mehr als im OECD-Durchschnitt, sagt: „Für mich ist Lesen Zeitverschwendung.“

Wie schaut es mit Unterschieden zwischen Mädchen und Jungen aus?

Bei der Lesekompetenz erreichen die Mädchen in Deutschland deutlich bessere Ergebnisse als die Jungen. Die Lücke ist kleiner geworden, was aber bedauerlicher Weise auch mit verschlechterten Resultaten bei den Mädchen zu tun hat. In Mathe schneiden die Mädchen etwas schlechter ab als die Jungs. Hier zeigt sich ein größerer Unterschied zwischen den Geschlechtern als im OECD-Durchschnitt. Klare Unterschiede zugunsten der Jungen zeigen sich in Mathe noch immer in 21 der 37 OECD-Staaten.

Besonders schlecht hat Deutschland stets in Fragen der Bildungsgerechtigkeit abgeschnitten. Sind wir hier entscheidend besser geworden?

Nein. In Deutschland ist die Lesekompetenz signifikant stärker als im Durchschnitt der OECD-Staaten durch den sozialen Status bestimmt. Der Zusammenhang zwischen Herkunft und Leistung beim Leseverständnis habe sich in den vergangenen zehn Jahren sogar noch verstärkt, führt die OECD aus. „Die große Abhängigkeit des Bildungserfolges von der sozialen Herkunft der Schülerinnen und Schüler bleibt die Achillesferse des deutschen Schulsystems“, sagte Ilka Hoffmann, GEW-Vorstandsmitglied für den Bereich Schule, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Auch fast 20 Jahre nach dem Pisa-Schock schafft es die Schule nicht entscheidend, Nachteile abzubauen, die Kinder aus dem Elternhaus mitbringen“, fügte sie hinzu. „Im Gegenteil: Der Lehrkräftemangel verstärkt das Problem.“

Inwieweit haben die ernüchternden Pisa-Ergebnisse mit der immer stärker vielfältigen Schülerschaft und den Herausforderungen durch Migration zu tun?

Auf diese Herausforderungen haben die Kultusminister der Länder bereits vor kurzem beim IQB-Bildungstrend, einer groß angelegten innerdeutschen Studie, verwiesen. Auch hier war das Ergebnis: Die Kompetenzen der deutschen Schüler stagnieren im Vergleich zu früheren Jahren – inklusive einiger Negativtrends. Der Hinweis der Minister ist einerseits richtig, andererseits ist die Bewältigung solcher Herausforderungen natürlich die Aufgabe eines leistungsfähigen Bildungssystems. Bei der Lesekompetenz haben sich zwischen 2009 und 2018 Jugendliche der zweiten Generation spürbar verbessert. Die Ergebnisse von Jugendlichen der ersten Generation sind aber erheblich schlechter geworden.

Nach den Ergebnissen von 2001 gab es eine Reihe von Reformen im deutschen Bildungssystem. Ist diese Dynamik erlahmt?

Pisa-Chef Andreas Schleicher hat in der Vergangenheit durchaus gelobt, was in Deutschland nach dem Pisa-Schock von 2001 in Gang gesetzt wurde. So wurde die frühkindliche Bildung ausgebaut, es wurden eine Reihe gemeinsamer Bildungsstandards zwischen den Bundesländern vereinbart und auch auf den Weg hin zu mehr Ganztagsangeboten hat Deutschland sich gemacht. Doch Schleicher hat auch immer wieder anklingen lassen, dass die Reformdynamik erlahmt sei. Sein Motto: Es gibt keine überraschenden Pisa-Ergebnisse – sondern diese spiegeln immer auch die bildungspolitischen Entscheidungen der vergangen Jahre wider. Das wenig euphorisierende Zeugnis für das deutsche Bildungssystem kommt also nicht unerwartet.

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