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Politik Ohnesorg-Todesschütze muss womöglich mit neuen Ermittlungen rechnen
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17:55 22.05.2009
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Das Grab des am 2. Juni 1967 bei einer Demonstration in West-Berlin unter ungeklärten Umständen erschossenen Studenten Benno Ohnesorg und seiner Ehefrau Christa. Quelle: Nigel Treblin/ddp
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Die Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) habe Strafanzeige wegen Mordes gegen Kurras gestellt, sagte ihr Vize-Vorsitzender Carl-Wolfgang Holzapfel am Freitag. Kurras wies die Berichte über eine Stasi-Verstrickung zurück.

Holzapfel sagte: „Wir wollen mit der Anzeige erreichen, dass der Fall neu aufgerollt wird und mögliche Verstrickungen der Stasi aufgeklärt werden.“ Auch der frühere Aktivist des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), Tilman Fichter, forderte eine Wiederaufnahme des Ermittlungsverfahrens im Fall Ohnesorg durch die Bundesanwaltschaft. Die Vorfälle müssten im Licht der neuen Erkenntnisse aufgeklärt werden, sagte er der „Märkischen Oderzeitung“.

Kurras hatte am 2. Juni 1967 am Rande einer Demonstration aus nächster Nähe auf Ohnesorg geschossen. Der Student erlag später seinen schweren Verletzungen. Das Landgericht Berlin sprach den Beamten 1967 aus Mangel an Beweisen vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung frei. Ob nun wegen Mordes und geheimdienstlicher Agententätigkeit gegen Kurras ermittelt wird, werde die Staatsanwaltschaft ab kommender Woche prüfen, hieß es aus Berliner Justizkreisen.

Der Stasi-Vorwurf gegen Kurras beruht auf Akten, die zwei wissenschaftliche Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde ausfindig machten. Demnach arbeitete der Beamte von 1955 an unter dem Decknamen „Otto Bohl“ als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Laut der Studie, die nächste Woche im „Deutschland Archiv“ erscheint, war er auch SED-Mitglied. Die Fachzeitschrift druckt sowohl ein Foto seines Mitgliedsbuches als auch eine Kopie seiner Verpflichtungserklärung ab. Dennoch sagte Kurras dem „Tagesspiegel“ vom Freitag, er habe nicht für die Stasi gearbeitet.

Ohnesorgs Tod löste seinerzeit eine Radikalisierung der Studentenbewegung im Westen aus. Hinweise darauf, dass er im Auftrag der Stasi erschossen wurde, gibt es der Studie zufolge nicht. Solange kein Befehl auftauche, einen Studenten per Kopfschuss zu töten, „sollte man nicht Beschuldigungen erheben, die DDR stecke dahinter“, sagte der ehemalige SDS-Aktivist Fichter.

Ex-Bundesinnenminister Otto Schily (SPD), der im Prozess gegen Kurras die Nebenklage vertreten hatte, sagte der „Bild“-Zeitung (Samstagsausgabe), wenn dessen SED-Zugehörigkeit bekannt gewesen wäre, „hätte das ingesamt ein anderes Licht auf den Fall geworfen“. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Uwe Benneter sagte der „Welt“ (Samstagsausgabe): „Es könnte sein, dass die Geschichte umgeschrieben werden muss.“

Dagegen sagte Linksparteichef Lothar Bisky im Südwestrundfunk, die Stasi-Aktivitäten im Westen seien „keine prinzipiell neue Erkenntnis“. Dass die Stasi einen Mord an einem Studenten in Auftrag gegeben haben könne, würde er ihr „im Prinzip nicht zutrauen“. Die Grünen-Politikerin Antje Vollmer sagte im ZDF: „Mein erster Gedanke war, als ich das gehört habe: Das bringt uns Benno Ohnesorg auch nicht wieder.“

afp