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20:31 26.05.2010
Die Säuberung der Strände ist eine Sisyphusarbeit.

Die Braunen Pelikane auf Queen Bess Island sind laut und geschäftig wie immer. Zu Tausenden tummeln sie sich auf der mit niedrigem Schilf bewachsenen Insel. Nur ein paar Felsbrocken geben dem Ufer halt und sind willkommene Stützpunkte für die bedrohten Vögel. Erschreckend zerbrechlich sieht die schmale Linie der Ölsperren aus, die wie ein Scherenschnitt exakt um die Umrisse des kleinen Eilands vor der Küste Louisianas gelegt wurde. Ein schmieriger Überzug hat sich an die schmalen Barrieren geheftet. Die Vögel fliegen über sie hinweg – und tauchen in das von Ölschlieren durchzogene Wasser.

Bei diesem Anblick bekommen die sonst hartgesottenen Fischer Craig Bielkiewicz und Jeff Brunfield in ihrem kleinen Sportboot einen Kloß im Hals. „Wenn du so etwas siehst, dann wird dir bewusst, wie kostbar das alles ist“, sagt Bielkiewicz. Sein Schwager Jeff nickt. Vor ein paar Minuten hatte er noch scherzhaft zu einem von BP gecharterten Boot hinübergerufen, ob man ihm denn gleich seinen Entschädigungsscheck reichen könne. „Wenn ich morgens in die aufgehende Sonne blicke, dann weiß ich: Ich bin im Paradies. Was hilft dir alles Geld der Welt, wenn du das verlierst?“

Die Braunen Pelikane sind für die Fischer hier immer verlässliche Wegweiser zu den ergiebigsten Fischgründen gewesen. Wie lange noch? Die nach dem Untergang der Bohrplattform „Deepwater Horizon“ wochenlang kaum greifbare Bedrohung aus dem Golf von Mexiko ist westlich der Mississippimündung bittere Realität geworden. Aufgesplittert in abertausende münz- bis handtellergroße Klumpen, die sich anfühlen wie zäher Kaugummi, treibt das Öl im Wechselspiel der Strömungen und des Windes durch das Insellabyrinth. Es ist ein unberechenbarer Gegner. Wo Kollegen der Fischer in der vergangenen Nacht gegen die Ölmassen ankämpften, sind diese bis auf ein paar schmutzige Schlieren schon wieder verschwunden. Doch nur wenige Kilometer außerhalb des Schilflands sammelt sich die zähe Masse schon wieder von neuem. Abrupt stoppt Brunfield das Boot. Im Gegenlicht sind auf den Wellen die braunen Pusteln nicht zu übersehen. Bald wird die Flut einsetzen und die Klumpen wieder ins Schilf treiben.

Am selben Tag als BP in 1500 Metern Meerestiefe mit vielen Tonnen Spezialschlamm erneut versucht, das Bohrloch zu stopfen, ist die Eindämmung des Öls im Inselgewirr vor Grand Isle ein zäher Kleinkrieg. Jeden Tag schwärmen neue Flotten kleiner Boote aus, um die am meisten bedrohten Inseln mit den kilometerlangen Sperren abzuschirmen. Doch kaum ist eine der flachen Inselchen umhüllt, treibt die Strömung das Öl woanders hin. Selbst wenn nichts mehr nachströmt, werden die Menschen noch monatelang mit der klebrigen Masse zu tun haben. Es ist dieser Kampf mit offenem Ende, der die Küstenbewohner zermürbt. Bisher haben sie das Öl immer wieder abgedrängt. Aber dafür muss das Meer so ruhig sein wie in den vergangenen Wochen. Wenn der erste Hurrikan kommt, ist es damit vorbei.

Dass Barack Obama am Freitag zum zweiten Mal die Region besuchen wird, tröstet wenig. Weder der Präsident noch BP können sagen, wann der Albtraum zu Ende ist. Wie zum Trotz hängt am kleinen Fischereihafen von Grand Isle weiter das Plakat für das alljährliche „Fisch-Rodeo“, das an diesem Wochenende stattfinden soll. Drei Tage lang wetteifern hier normalerweise Sportfischer darum, wer den größten Fang macht. „Wir feiern trotzdem“, sagt der Moteleigentümer Bugs Vegas. Ein Wettfischen ohne Fisch? „Na, eine Party steigen lassen kann man ja trotzdem“, sagt er mit dem starken Akzent der Gegend, in der französisch klingende Familiennamen immer noch dominieren. Er hofft auf die Solidarität der Stammgäste aus dem zwei Autostunden entfernten New Orleans, die wenigstens am letzten Wochenende im Mai noch den Umsatz retten sollen. Doch für Juni und Juli hat Vegas die meisten seiner vierzehn Angestellten entlassen. Bisher hat er bei BP noch keine Entschädigung beantragt. „Ich will Gäste bedienen, nicht betteln“, sagt er.

John Jefferson ist einer von denen, die davon leben, dass hier vor der Küste weiter gebohrt wird. Er hat die handgemalten, improvisiert wirkenden Schilder mit der Aufschrift „Strand gesperrt“ in Grand Isle einfach ignoriert. „Ich wollte wenigstens ein Foto mit dem Meer im Hintergrund machen, während ich hier bin“, sagt der Ölarbeiter. Frau, Sohn und Tochter stellt er ganz bewusst so auf, dass im Hintergrund eine der hier ganz nahe vor der Küste liegenden Bohrinseln zu sehen ist. „Ich hatte eigentlich gedacht, dass es hier schlimmer aussieht“, sagt er: „Bei den Aufräumarbeiten haben die einen tollen Job gemacht.“ Aber jeder rede nur von der Katastrophe.

Vor einigen Jahren ist der ehemalige Autoarbeiter aus Michigan nach Louisiana gezogen, weil es dort noch gut bezahlte, qualifizierte Jobs in der Ölindustrie gab. Als Kapitän einer kleinen Barkasse versorgt er nun Bohrmannschaften im Golf von Mexiko. Für ihn persönlich wäre es die Katastrophe, wenn neue Umweltauflagen weitere Bohrungen stoppen würden. „Ich habe erlebt, wie General Motors den Bach hinunterging – ich will mir nicht ausmalen, wenn sie auch noch die Ölbranche hier zugrunde richten.“ Dass BP beim Stopfen des Bohrloches bisher nicht vorankommt, das empfindet er deshalb auch als Angriff auf die eigene Existenz: „Eine Schande ist das, eine absolute Schande.“

Doch auch der Kampf gegen das anlandende Öl kommt nicht überall so gut voran wie am Paradestrand von Grand Isle. Eine Polizeisperre verhindert auf der südwestlichen Nachbarinsel Elmers Island, dass sich Unbefugte auf den Strand verirren. Sattelzüge mit verschmutztem Sand rumpeln über den unbefestigten Feldweg, in der Gegenrichtung kommt tonnenweise sauberer Nachschub. Der Strand ist schmal. Gleich neben den Fahrspuren der schweren Lastwagen beginnen mit Gras bewachsene Dünen. Die Vögel haben sich wegen des Öls weit vom Strand zurückgezogen. Die Meeresströmung trägt seit Tagen dicke Ölschlieren heran. Die Salzwasserpfützen stinken nach Petroleum. Die schmale Ölsperre, die hier auf fünfzehn Kilometern Länge hart an der Wellenkante ausgelegt wurde, hat sich in vier Stunden schon wieder bis zur Sättigungsgrenze vollgesogen.

Eigentlich darf James Bourdreaux (Name geändert) nicht offen reden. Wenige Tage vor der Sperrung des Strandes hat der Polizist, der eigentlich für die Drogenbekämpfung zuständig wäre, in seiner Freizeit hier noch geangelt. „So wie es einem Dealer schnuppe ist, wenn er das erste Mal erwischt wird, so ist das doch auch den Ölkonzernen egal. Die Strafen für Umweltsünden sind minimal – und der Gewinn lockt. Jeder, der hier lebt, kennt doch die Teerballen, die hier seit Jahr und Tag an den Strand gespült werden“.

Nur wenige Kilometer westlich liegt schon seit vielen Jahren Pass Fourchon, der größte Versorgungshafen für die hunderten von Bohrinseln, die es schon vor der Katastrophe der „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko gegeben hat – und die es auch in Zukunft weiter geben wird. „Ich weiß nur eines“, sagt Bordreaux. „In dem Augenblick, wo es BP gelingt, das Loch zu stopfen, ist es mit der Aufmerksamkeit vorbei.“

Andreas Geldner

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