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21:18 22.01.2010
„Was will Obama denn machen?“, fragen Arme skeptisch – immerhin finden der Präsident und die First Lady Anerkennung dafür, dass sie bei der Essensausgabe von „Martha’s Table“ an Bedürftige mithalfen.
„Was will Obama denn machen?“, fragen Arme skeptisch – immerhin finden der Präsident und die First Lady Anerkennung dafür, dass sie bei der Essensausgabe von „Martha’s Table“ an Bedürftige mithalfen. Quelle: ap
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Wenn der 53-jährige Paul bei Barack Obama vorbeischauen will, muss er nur ein paar Schritte auf der Pennsylvania Avenue um die Ecke gehen. Sein Nachbar, der Präsident, wohnt unter der Hausnummer 1600. „Ich klingele da lieber nicht – da wirst du gleich erschossen“, sagt der Obdachlose, während er den kleinen Styroporbecher mit duftender Suppe in der Hand hält. Wie jeden Tag kommt der weiße Lieferwagen der privaten Hilfsorganisation „Martha’s ­Table“ an der Ecke der 19. Straße vorbei, um ein paar Dutzend Menschen mit Essen zu versorgen. „Gespendet von Mike und Pam McCarthy, Vince und Kate ­Burke“, steht an der Fahrertür. Die Passanten, die hier zwischen den Gebäuden der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds vorbeihuschen, machen einen Bogen um die Gruppe, die sich geduldig für Suppe und Sandwiches anstellt. Vor einigen Wochen hätte sich Paul den Weg zum Präsidenten sparen können. Mit Frau und Töchtern hat sich ­Barack Obama höchstpersönlich zur nur wenige Straßen vom Weißen Haus entfernten Küche von „Martha’s Table“ aufgemacht, um zu Thanksgiving den Truthahn auszuteilen. „Mir hat es gefallen, dass sie sich nicht zu schade waren, sich die Hände schmutzig zu machen“, sagt Küchenchef Demetri Recachinas.

Doch persönliches Engagement ist das eine, ein soziales Netz zu knüpfen das andere. Bei seinem Versuch, eine Krankenversicherung für alle aufzubauen, stößt der Präsident auf Granit. Die Amerikaner sind sich der wachsenden Not durchaus bewusst. Bei „Martha’s Table“ melden sich mehr Helfer als vor der Krise. Doch in den USA brechen vor allem die Spenden von Firmen ein. Nach einer Umfrage unter US-Hilfsorganisationen rechnen 93 Prozent damit, dass 2010 das Elend noch größer wird, aber nur 16 Prozent glauben, dass ihre Mittel reichen. „2009 haben im Vergleich zum Vorjahr doppelt so viele Menschen unser Essen gebraucht – und es wird nicht besser“, sagt Lindsey Buss, der Präsident von „Martha’s Table.“

„Irgendwie ironisch, dass wir das ausgerechnet im Schatten der Weltbank machen“, sagt Küchenchef Recachinas. Das Institut soll immerhin weltweit den Hunger bekämpfen. Auf den Straßen Washingtons tun das die Helfer von „Martha’s ­Table“. Eine halbe Million Sandwiches werden jedes Jahr verteilt. Noch hat man niemanden wegschicken müssen. Aber es gibt weniger Leute, die einen Nachschlag bekommen. Immer öfter kommen nicht nur Obdachlose, sondern Menschen mit festem Wohnsitz, die sich die Miete buchstäblich vom Munde absparen.

Beim nächsten Stopp des Essensmobils hält eine Frau ihre vier Kinder im Alter zwischen zwei und sieben Jahren im Pulk der teils zerlumpten Gestalten mühsam im Zaum. „Matthew, du sollst hier keinen Müll hinterlassen“, herrscht sie den Ältesten an. „Wir haben genug, keine Angst“, sagt sie, als sie der Jüngste anbettelt. Wer die adrett gekleideten Kinder sieht, würde nicht glauben, dass sie hier stehen müssen. Frauen sind bei der Essensausgabe nur eine Minderheit. Männer beherrschen die Szene. Die meisten sind Schwarze. Der 60-jährige Bernard beispielsweise hat seinen Job als Hausmeister vor zwei Jahren verloren. Doch in seinem gepflegten roten Pullover und seiner grauen Jacke ist ihm die Armut nicht anzusehen. „Wenn du nicht mehr auf dich achtest, dann ist alles vorbei“, sagt er. Der alleinstehende Mann lebt von 450 Dollar (rund 320 Euro) Arbeitslosenhilfe im Monat in einer Stadt, in der sogar Bruchbuden 500 Dollar Kaltmiete kosten. Wohngeld gibt es für ihn nicht. Noch kann er bei Freunden unterschlüpfen, von einer Adresse zur nächsten. „Gott wird schon für mich sorgen“, sagt er. Und was ist mit Obama? „Der kann doch nichts machen, den bremsen sie aus. Die Schurken, die das ganze Geld zusammengerafft haben, sind schon wieder obenauf.“ Beim Stichwort Krankenversicherung winkt er ab: „Die Leute, die Geld haben, wollen dafür nicht bezahlen.“ Noch hilft ihm Medicaid, die in den sechziger Jahren eingeführte Krankenhilfe für Bedürftige. Aber fast zwei Drittel der armen Amerikaner stehen ohne diesen Schutz da.

Auch den 50-jährigen Vince, dem man seine fünf Jahre auf der Straße ansieht, fängt das lückenhafte soziale Netz noch auf. Weil er zwischen 1977 und 1983 beim Militär war, hat er Anspruch auf die Krankenhilfe für Veteranen. „Amerika lässt seine Soldaten nicht im Stich“, sagt er und zeigt seine bandagierte Hand, die er sich bei Schreinerarbeiten verletzt hat. Doch diese Prise Sozialismus gönnen die Amerikaner nur den Helden des Vaterlands. „Was will denn Obama machen?“, fragt auch er. „Bush hat das Land heruntergewirtschaftet. Obama hat gerade mal ein Jahr gehabt. Die geben ihm keine Chance.“ Doch den Staat anzuklagen ist nicht seine Sache: „Es ist alles meine Schuld.“ Das Viertel, wo ein paar Straßen weiter die Mahlzeiten für das „Essen auf Rädern“ zubereitet werden, steht für Amerikas Widersprüche. Noch vor einem halben Jahrzehnt waren unweit von „Martha’s Table“ ausgebrannte Häuserzeilen zu sehen, die nach den schweren Rassenunruhen nach der Ermordung von Martin Luther King 1968 stehen geblieben waren. Doch gegenüber dem kleinen Sozialzentrum liegen nun statt Brachflächen und Parkplätzen neu eröffnete Läden. Es gibt einen Bio-Supermarkt, der Lebensmittel zu horrenden Apothekenpreisen verkauft. Die neu Zugezogenen sind gut verdienende junge Leute. Dazwischen leben ein paar Alteingesessene, die noch nicht aus ihren Mietwohnungen verdrängt worden sind – und die Obdachlosen, die vor dem Nebeneingang von „Martha’s Table“ auf die Essensausgabe warten. „Manchmal werden wir gefragt, warum wir immer noch hier sind“, sagt die aus Deutschland stammende Inge Ashley, die den kleinen Secondhandladen neben der Suppenküche auf Vordermann gebracht hat. „Aber die Menschen, die uns brauchen, finden uns.“ Ihre Kunden sind bunt gemischt. Eine elegante junge Frau stöbert nach Markenkleidung zum Schnäppchenpreis. Ein Obdachloser will beim Fünfdollarhemd noch einen Dollar Rabatt herausschlagen. Auch hinter der Ladentheke herrscht reger Verkehr. Leute aus der Nachbarschaft bringen Taschen voller alter Kleider vorbei. „Ist alles sauber? Passt es zur Saison?“, fragt Inge Ashley. „Die Menschen wollen noch immer etwas geben, aber was wir bekommen, ist oft stärker abgetragen“, sagt sie.

Hinten im Laden durchsucht ein gut gekleideter Mann die Kleiderständer. „Schauen Sie mal, echte Markenware“, sagt er. Zuletzt war der 52-jährige Bobby Verkäufer in einem Kleidergeschäft. Er weiß, dass er nahe am Abgrund wandelt. „Ich war schon einmal obdachlos“, sagt er. Er hat den amerikanischen Flickenteppich der Hilfsangebote am eigenen Leib erlebt: „Bei einer Kirche war ich im Obdachlosenheim. Das war schrecklich. Du wirst geradezu entsozialisiert. Tolle Mahlzeiten, wunderbare Freiwillige – aber jeden Morgen haben sie dich in aller Herrgottsfrühe rausgeschmissen. Das Frühstück bekommst du in der einen Kirche. Dann gehst du zum Mittagessen anderswo hin. Abends schnappst du dir irgendwo ein paar Brote. Sie geben dir Kleidung, sie geben dir Essen, aber nicht das, was du wirklich brauchst: eine Wohnung und ­einen Job.“ Erst als er eine psychische Störung bescheinigt bekam, erhielt Bobby Wohngeld. „Ist das nicht traurig? Dass du so einen Stempel brauchst, bevor dir geholfen wird? Es ist unglaublich, wie dich eine Wohnung stabilisiert.“

Als Obama gewählt wurde, hat er gehofft, dass die Dinge besser werden. „Aber ich bin entmutigt. Finanzminister Geithner, Wirtschaftsberater Summers – es sind die gleichen Leute wie immer. Man darf sich doch von dem Theater namens ,Wir sind hart zu den Banken‘ nicht blenden lassen. Wer Geld hat, bestimmt. Das war in diesem Land immer so.“

von Andreas Geldner

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