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Politik Nicht ganz allein im Clubhouse: Wie sich Ramelow Ärger einhandelte – und was er jetzt sagt
Mehr Welt Politik Nicht ganz allein im Clubhouse: Wie sich Ramelow Ärger einhandelte – und was er jetzt sagt
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17:50 24.01.2021
Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke).
Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Quelle: Michael Reichel/dpa-Zentralbild/
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Berlin

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) steht seit drei Jahrzehnten in der Öffentlichkeit, er ist ein Profi in den sozialen Netzwerken mit 71.000 Followern bei Twitter. In zwei nächtlichen Diskussionsrunden am Wochenende aber wirkte der 64-Jährige wie ein Anfänger im Umgang mit den Medien – und verhielt sich wenig souverän.

Am Freitagabend probierte Ramelow die neue App Clubhouse aus. In diesem sozialen Netzwerk, bisher nur für Apple-Geräte verfügbar, schreiben die Nutzer nicht miteinander, sie reden. Jeder kann sich in bestehende Runden einschalten und zuhören. Wer etwas sagen will, meldet sich beim Moderator.

Ramelow wurde in eine Runde geholt, in der es um „Trash und Feuilleton“ gehen sollte, moderiert von der 19-jährigen SPD-Wahlkämpferin Lilly Blaudszun. Auch Blaudszuns Chefin Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, kam hinzu. Das wiederum zog eine ganze Reihe von Journalistinnen, Journalisten und anderen Politikerinnen und Politikern an.

Thema Ministerpräsidenten­konferenz

In rascher Folge ging es um Schwesigs Familienpizza, Heidi Klum und Tom Kaulitz, Schwesigs Rolle in einem Defa-Spielfilm als 15-Jährige, Ramelows Lieblingsfilm „Die Legende von Paul und Paula“, den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium – und um die Ministerpräsidenten­konferenz.

Ramelows Zunge hatte sich gelockert. Er erzählte, wie er während der stundenlangen Sitzungen mit Computerspielen entspannt („Bis zu zehn Level ‚Candy Crush‘ schaffe ich“) und wie sehr es ihn störe, dass die „Bild“-Zeitung quasi live aus der vertraulichen Sitzung berichtet. Dann fiel der Satz: „Da können wir die MPK auch gleich auf Clubhouse machen und holen das Merkelchen dazu.“

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Johannes Boie, Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, war unter den mehr als 1000 Zuhörern – allerdings ohne sich einzuschalten. Am nächsten Tag berichtete er aus der lockeren Runde und schrieb: „Über Ramelows politische Äußerungen, sein von ihm selbst beschriebenes Verhalten in der Pandemie zu schreiben, ist journalistische Pflicht.“

Direktes Zitieren ohne vorherige Zustimmung widerspricht aber den Clubhouse-Geschäfts­bedingungen. Was in der App besprochen wird, soll in der App bleiben. Die Frage ist: Ist das realistisch, wenn ein Spitzenpolitiker salopp über eine Sitzung spricht, von der der Alltag aller Bundesbürger abhängt? Oder naiv?

Runde zwei am Samstagabend

Ramelow jedenfalls fühlte sich hintergangen. Am späten Samstagabend trafen der Linken-Politiker und Boie erneut auf Clubhouse zusammen, es ging hoch her. Bis zu 3500 Leute hörten zu. Es war der zweite Abend, an dem Clubhouse in Deutschland seine Unschuld verlor. Allen war klar, dass die Debatte nun öffentlich war.

Man duzte sich nicht mehr wie in den vorigen Nächten. Alle siezten sich und fielen einander ins Wort. „Bild“-Reporter Paul Ronzheimer ärgerte den CDU-Politiker Philipp Amthor mehrfach mit angedeuteten Fragen nach dessen Korruptionsaffäre – am nächsten Tag wurde Ronzheimer von Clubhouse gesperrt. Am Freitag sangen am Ende der Session alle gemeinsam das Partisanenlied „Bella ciao“. Am Samstag wollte niemand mehr gemeinsam singen.

Ramelow: Das Neue macht mich neugierig

Am Sonntag sagte Ramelow dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND): „Man hat auf seinem Handy 3500 Menschen in einem Gesprächsraum. Das ist eine neue Qualität, mit der digitalen Welt umzugehen. Das Neue macht mich neugierig. Ich habe es ausprobiert. Und es war toll.“ Er wolle „einfach so sein, wie ich bin“, fügte der Linken-Politiker hinzu. „Damit kommen Lernprozesse. Ich bereue den Abend überhaupt nicht. Aber ich habe sofort auch die Grenzen aufgezeigt gekriegt.“

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Zudem fühle er sich teilweise falsch wiedergegeben, so Ramelow; manches sei aus dem Kontext gerissen. Auf jeden Fall müsse sich so ein Format künftig an der Datenschutz-Grundverordnung ausrichten. „Die Betreiber müssen erst mal begreifen, welchen Hype sie da in Deutschland ausgelöst haben, und ihre Konsequenzen daraus ziehen“, sagte er. „Wenn ich da meinen Regierungssprecher mitbringen muss, dann ist Clubhouse für Politiker tabu.“

Kritik von Thüringens CDU und FDP

Thüringens CDU-Chef Christian Hirte warf Ramelow am Sonntag Respekt- und Verantwortungslosigkeit vor. „Entweder ist es Ausdruck von Arroganz der Macht oder Amtsmüdigkeit“, schrieb Hirte bei Twitter. Bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie gehe es um Leben und Tod sowie um Existenzen und die Zukunft einer Schülergeneration. „Wer sein Amt als Ministerpräsident so versteht, verspielt das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger.“

Die Thüringer FDP-Fraktion bezeichnete Ramelows Agieren durch die Corona-Pandemie als chaotisch. „Ramelow verbringt in den entscheidenden Beratungen seine Zeit lieber mit Daddeln“, erklärte der Fraktionsgeschäftsführer Robert-Martin Montag.

Ramelow erneut bei Clubhouse

Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) sagte dem RND: „Wenn sich bewahrheitet, dass Bodo Ramelow während der Ministerpräsidentenkonferenz Handyspiele spielt, dann sollte er sein Verhalten überprüfen. Dazu ist die Situation zu ernst.“

Am Sonntag schaltete sich Ramelow dann erneut bei Clubhouse zu – und zwar mit der Bemerkung: „Ab sofort, wenn ich jetzt dieses Format anmache, merke ich, im Hinterkopf habe ich jetzt die Lernkurve von vorgestern und gestern.“

Von Jan Sternberg, Markus Decker/RND

Der Artikel "Nicht ganz allein im Clubhouse: Wie sich Ramelow Ärger einhandelte – und was er jetzt sagt" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.