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Politik Neuer Zeuge belastet mutmaßlichen Kriegsverbrecher schwer
Mehr Welt Politik Neuer Zeuge belastet mutmaßlichen Kriegsverbrecher schwer
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16:12 16.07.2009
Mutmaßlicher Kriegsverbrecher Josef S. (Archivbild) Quelle: Oliver Lang/ddp
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Der in Ebersberg lebende Berufsschullehrer hatte aus den Medien von dem Verfahren gegen S. erfahren und daraufhin Ende vergangener Woche spontan beschlossen, sich bei der Münchner Staatsanwaltschaft zu melden. Niemand habe ihn zu diesem Entschluss gedrängt, erklärt er, „meine Frau hat sogar versucht, mich davon abzuhalten“.

Der 64-Jährige war in den 1970er Jahren Mitarbeiter im Schreinereibetrieb von S. in Ottobrunn. S. habe sich damals mehrfach seiner Taten im Zweiten Weltkrieg gerühmt. Auf die Frage des damaligen Mitarbeiters, warum S. nicht mehr nach Italien einreisen dürfe, gab dieser dem Zeugen zufolge beispielsweise an, er habe während des Krieges Leute aus der Zivilbevölkerung erschießen lassen und sei daraufhin in Italien zum Tode verurteilt worden. „Er hat von genau 14 Personen gesprochen“, erklärt der Zeuge.

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Diese Aussagen entsprechen der Anklage, laut der S. im Juni 1944 einen Rachemord an 14 Italienern nach einem Partisanen-Überfall auf drei deutsche Soldaten mitorganisiert haben soll. S. habe auch seinem Mitarbeiter als Grund für den Überfall genannt, „dass ein paar Leute seiner Einheit erschossen worden sind“.

Der Staatsanwaltschaft zufolge sollen Wehrmachtsoldaten auf der Suche nach Partisanen zunächst vier Menschen erschossen haben. Elf weitere Italiener sollen sie in ein Bauernhaus getrieben, dieses verriegelt und mit Dynamit in die Luft gesprengt haben. Nur ein damals 15-jähriger Jugendlicher überlebte das Massaker.

Der Angeklagte hat diese Vorwürfe bislang bestritten. Zu Beginn der Verhandlung ließ er seine Anwälte eine Erklärung verlesen, in der er sogar verneinte, überhaupt Kenntnisse von den Vorfällen im toskanischen Falzano di Cortona gehabt zu haben. „Er muss vor 1980 Bescheid gewusst haben“, sagt dagegen sein ehemaliger Angestellter.

Als S. diesem damals von seinen Taten erzählte, „nach dem Motto:
wir waren halt noch richtige Kerle“, hatte er sie zunächst für bloße Angeberei gehalten und nicht geglaubt. Erst in einem Radiobericht über den aktuellen Prozess, in dem der Name des Angeklagten jedoch nicht genannte worden sei, habe der Zeuge die Geschichte wiedererkannt. Daraus habe er geschlossen, dass es sich um S. handeln muss.

Während die drei Anwälte von Josef S., die erst am Vortag der Verhandlung vom Auftauchen des neuen Zeugen erfahren hatten, im Laufe seiner Ausführungen immer wieder genervt abwinken, lauscht S. selbst den Worten seines ehemaligen Mitarbeiters regungslos, mit halb geöffneten Mund.

Nachdem der neue Zeuge seine Aussage beendet hat, folgt eine weitere Überraschung: Die Nebenklägerin erklärt, sie sei „vor einigen Wochen von einem Mann angesprochen worden, der ebenfalls 26 Jahre bei Herrn S. gearbeitet hat und auch sagte, dass er sich mehrmals mit den Taten in Italien rühmte“. Auch dieser Zeuge soll in der kommenden Woche noch einmal vor Gericht gehört werden.

Die Staatsanwaltschaft fordert eine lebenslange Haftstrafe für S., seine Verteidiger plädierten bislang auf Freispruch. Nach den neuen Zeugenaussagen werden sie bis Mittwoch (22. Juli) ihre Plädoyers neu formulieren. Anwalt Rainer Thesen kündigte bereits an, er halte das plötzliche Auftauchen des neuen Zeugen für „merkwürdig“. Eine inhaltliche Bewertung der Aussage wolle er sich aber für sein Schlussplädoyer vorbehalten. Wann ein Urteil gegen S. zu erwarten ist, steht noch immer nicht fest.

ddp