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Politik Neue Studie deckt Netz der 42.500 Nazi-Lager auf
Mehr Welt Politik Neue Studie deckt Netz der 42.500 Nazi-Lager auf
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14:15 06.03.2013
Von Stefan Koch
Und keiner hat es gesehen? Häftlinge aus dem Konzentrationslager Hamburg-Neuengamme heben einen Stichkanal aus.
Und keiner hat es gesehen? Häftlinge aus dem Konzentrationslager Hamburg-Neuengamme heben einen Stichkanal aus. Quelle: dpa
Washington

Es ist ein Satz, den Generationen von Kindern und Enkeln zu hören bekommen haben: „Wir haben das nicht gewusst.“ Es war der Standardsatz  von Millionen Deutschen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in die Behauptung flüchteten, nie etwas vom Nazi-Terror gegen die Juden und von der menschenverachtenden Behandlung von Kriegsgefangenen mitbekommen zu haben. Das Washingtoner Holocaust Memorial Museum kommt in einer neuen Studie zu einem Urteil, das dazu im Widerspruch steht: Die Bevölkerung konnte diese Gräueltaten gar nicht übersehen, da die Zwangslager in unzähligen Dörfern und Städten errichtet wurden. In 42.500 Lagern, sagen die Forscher, waren mehr als 15 Millionen Menschen inhaftiert. Es sind sechsmal so viele Lager wie bisher bekannt.

Die „Encyclopedia of Camps and Ghettos“ beschreibt die Konzentrationslager, Arbeitslager, Kriegsgefangenenlager und Ghettos, in denen Menschen zur Arbeit gezwungen, gefoltert und ermordet wurden. Unter Leitung des renommierten Wissenschaftlers Geoffrey Megargee trägt  ein Historikerteam des Holocaust-Museums seit 13 Jahren alle verfügbaren Daten zum Lagersystem der Nationalsozialisten zusammen. Bis das Projekt abgeschlossen ist, werden voraussichtlich weitere zehn Jahre vergehen. Doch bereits mit der Präsentation der ersten zwei Bände im Deutschen Historischen Institut unweit des Weißen Hauses haben die Forscher eine Debatte angestoßen: Die Auflistung und detaillierte Beschreibung der Standorte in Deutschland und den besetzten Gebieten zeigt, wie eng geknüpft das Netz des Gewaltsystems war. Und wie sehr es zum Alltag in Europa gehörte.

„Bisher gingen wir von etwa 7000 Lagern aus, in denen Menschen gequält worden sind“, sagt Megargee. Nunmehr stehe aber fest, dass es allein 30.000 Arbeitslager gegeben habe, mehr als 1500 jüdische Ghettos, etwa 980 Konzentrationslager. Dazu kommen sogenannte Judenhäuser – allein in Berlin gab es 3000, in Hamburg 1300 Orte, an denen Juden gefoltert und getötet wurden, 1000 Kriegsgefangenenlager, 500 Bordelle, in denen Frauen zur Prostitution gezwungen wurden. Die Todesfabriken in Auschwitz, Treblinka, Sobibor oder Majdanek waren umringt von unzähligen kleineren Schreckenslagern, deren Namen – bisher – relativ unbekannt sind. Jedes einzelne von ihnen war Teil des Zivilisationsbruches.

„Diese Enzyklopädie ist ein enorm wichtiges Werk, das auch Jahrzehnte nach Kriegsende ein neues Licht auf die NS-Zeit wirft“, sagt Uwe Spiekermann, stellvertretender Direktor des Deutschen Historischen Instituts. Erschreckend sei neben der Gesamtzahl auch die Funktionsweise: „Das Lagersystem war alltagsbegleitend. Es gab also nicht nur klar zu benennende Täter und Opfer, sondern eine breite Palette von Mittäterschaft, Duldung, Unterlassen und Wegsehen.“ Der Terror des Lagerlebens spielte sich nicht in verborgenen Winkeln ab, sondern inmitten der Dörfer und Städte. Offenbar habe es häufig ein unmittelbares Nebeneinander von Lagerinsassen und Menschen gegeben, die von der Unterdrückungsmaschinerie profitierten: Angefangen von den Bäckern, die Konzentrationslager mit Brot versorgten, bis hin zu den Landwirten, denen Zwangsarbeiter zugeteilt wurden.

Spiekermanns Kollege Hördler, der die Organisation der Konzentrationslager im letzten Kriegsjahr intensiv erforschte, räumt außerdem mit der weitverbreiteten These auf, dass die Lager zum größten Teil von SS-Truppen kontrolliert worden seien: „Ab 1944 stellten SS-Mitglieder nur noch etwa zehn Prozent des Wachpersonals. Im Verlauf des Krieges wurden – neben sogenannten volksdeutschen SS-Freiwilligen aus Rumänien, Ungarn, Kroatien oder der Slowakei und Hilfswilligen wie den Trawniki-Männern – auch Wehrmachtsoldaten und Polizisten herangezogen“, sagt Hördler. „Spätestens Mitte 1944 standen einer multi-ethnischen Häftlingsgesellschaft zunehmend multi-ethnische Wachmannschaften gegenüber.“ In den besetzten Gebieten, vor allem im Baltikum und in der Ukraine, seien massenhaft lokale Einheiten herangezogen worden.

Es gibt allerdings auch kritische Stimmen zu dem Forschungsprojekt. So hält der Berliner Historiker Wolfgang Benz die Materialsammlung in Washington für „nicht enzyklopädiefähig“. Gegenüber dem „Tagesspiegel“ sagte der frühere Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin: „Der jeweils eigene Mikrokosmos ist in den allermeisten Fällen nicht erforscht. Seriöse Forschung zum nationalsozialistischen Lagersystem muss nicht einsammeln, sondern graben.“ Vor allem die Tatsache, dass Vernichtungslager mit Kriegsgefangenen- und Zwangsarbeiterlagern gleichgesetzt werden, stört manche Historiker.

Wenig Verständnis für diese Zurückhaltung hat Henry Greenbaum. Der 84-Jährige, der bis zum Kriegsende Heinrich Grünbaum hieß, lebt am Stadtrand von Washington und berichtet Besuchern des Holocaust Memorial Museum regelmäßig von seiner Zeit in den deutschen Lagern: „Es war eine Odyssee.“ Als Zwölfjähriger sei er in seinem polnischen Heimatort Starachowice mit seiner Schwester eingesperrt worden, seine Eltern und alle anderen Verwandten wurden nach Treblinka verschleppt und ermordet. Er selbst kam nach einem Jahr nach Auschwitz, dann in die Chemiefabrik Buna/Monowitz, kurz vor Kriegsende verschleppten ihn die Deutschen nach Flossenbürg nahe der tschechischen Grenze. Kurz nach seinem 17. Geburtstag befreiten ihn US-Soldaten im Frühjahr 1945.

Für den alten Mann fest: „Niemand kennt all diese Lager. Es ist ganz wichtig, sie zu dokumentieren. Wir müssen diese Geschichte den Jüngeren erzählen, damit sie niemals vergessen wird.“