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Politik Wie auf den Tweet „Nazis raus“ eine Welle der Solidarität folgt
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21:53 07.01.2019
Auf dem Monitor einer Studiokamera ist die ZDF-Hauptstadtkorrespondentin Nicole Diekmann zu sehen. Quelle: picture alliance/dpa/Andreas Arnold
Berlin

Wie politisch dürfen oder sollten sich Journalisten im Netz äußern? Und was passiert, wenn sie es tun? Der Hashtags #Nazisraus demonstriert die möglichen Folgen deutlich. Wer sich auf Twitter bewegt, kommt an dem Hashtag nicht vorbei. Doch was für eine Geschichte verbirgt sich dahinter?

Die ZDF-Journalistin Nicole Diekmann hat am 1. Januar 2019 ein Neujahrs-Statement gepostet. Zwei Wörter lang ist es. „Nazis raus“. Mehr nicht. Das ist der Beginn der Geschichte.

Was danach passierte, ist in der Dimension schwer zu greifen. Der Tweet wurde hundertfach kommentiert. 514 Einträge befinden sich darunter. 2000 Mal wurde er weiter geteilt. Die Diskussion umfasst lobende Worte, etwa dass Diekmann Haltung zeige. Aber die Journalistin wird auch massiv angegriffen. Eine Woche nach der Veröffentlichung des Posts erhält sie Morddrohungen und Vergewaltigungswünsche. Der Hass scheint keine Grenzen zu kennen und kein Ende zu nehmen.

Diekmann konterte mit Ironie, ließ sich nicht provozieren. Auf die Frage, „Wer ist denn für sie ein Nazi“, antwortete sie etwa „Jede/r, der/die nicht die Grünen wählt“. Doch der Humor wurde nicht verstanden. Oder er wurde mutwillig missverstanden. Sie beweise mit ihrem Kommentar eindrucksvoll, „wie neutral, unparteiisch und kritisch“ Journalismus heute sei, lautet ein Vorwurf. „Passt gut mit der Antifa-Jacke im Heute Journal zusammen, oder?“

Ein Kameramann hatte dort bei einem Interview mit Wolfgang Schäuble eine Jacke mit dem vemeintlich linksextremen Spruch „Brüllen, zertrümmern und weg“ und dem Symbol einer geballten Faust getragen und war damit zwischendurch auch für die Zuschauer zu sehen. Der Sender entschuldigte sich später. Der Spruch stammt aus einem Lied der Punkbank Slime, doch einige Zuschauer sahen eine politische Äußerung.

Die Tonalität des Kommentars passt zu einem gängigen Vorurteil, dass in Teilen der Bevölkerung en vogue ist: Dass der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk als „Staatsfunk“ agiert – und linke und grüne Meinungen stärker widerspiegelt als konservative oder rechte.

Inzwischen hat die Diskussion ein weiteres Niveau erreicht. Auf die Hass-Welle folgt die Solidaritäts-Welle. Twitter-Nutzer, Journalisten, Frauen, Männer, Politiker posten unter dem Hashtag #nazisraus. Mit dabei: Der Generalsekretär der FDP in NRW und Mitglied des FDP-Bundesvorstandes Johannes Vogel. „Nazis raus. Online wie offline“, schreibt er. Die bayerische Grünen-Abgeordnete Katharina Schulze kommentiert simpel: „Nazis raus“. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katrin Göring-Eckhardt schließt sich an: „Das, was @nicolediekmann gerade erlebt, als Frau, als Journalistin, als Demokratin, betrifft uns alle. Deswegen großen Respekt für die Haltung sowieso, aber auch für das Standhalten #Nazisraus“.

Und „wohin“ sollen die Nazis gehen?

Eine Frage, die in der Diskussion häufig auftaucht ist, „wohin“ die Nazis gehen sollten. Auch das wird von der Gruppe Kommentierfreudiger beantwortet. Es sei ein Plädoyer für ein Deutschland, in dem Faschismus keinen Platz hat. Weder in Parlamenten. Noch irgendwo anders.

Nachdem Diekmann mit Ironie den Hass nicht stoppen konnte, versuchte sie es mit Aufklärung. Zu dem Kommentar, sie halte alle für Nazis, die nicht die Grünen wählten, schrieb sie: „Nochmal: Ich halte natürlich NICHT alle diejenigen, die nicht Grüne wählen, für Nazis. Mein Tweet war die Reaktion auf eine Fangfrage. Dass meine Ironie nicht kenntlich war – mein Fehler. Dass er ausgeschlachtet wird – fies. Dass sich Menschen diffamiert fühlen: Entschuldigung!“ Wenig später bedankt sie sich zudem für die vielen Menschen, die gegenhalten und zu ihr halten. „Das ist wirklich toll und rührend. Und rettet den Ruf von Social Media“, schreibt sie.

Twitter geht gegen Hassnachrichten vor

Es ist nicht das erste Mal, dass ein politisches Statement ein gigantisches Echo in Sozialen Netzwerken hervorruft. Die TV-Moderatorin Dunja Hayali etwa diskutiert regelmäßig mit Menschen, die ihre Arbeit stark kritisieren. Sie will den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen. Doch auch bei ihr übertreten viele die Grenzen des gesellschaftlichen Miteinanders. Wer so handelt, wird von ihrer Facebook-Seite gebannt. Oder sie erstattet Strafanzeige.

Auch für Diekmann sind die Zeiten, sich nur mit Ironie zu wehren, vorbei. Twitter hat mindestens einen Nutzeraccount, von dem aus beleidigende und hasserfüllte Kommentare gepostet wurden, deaktiviert. Das ist das vorläufige Ende der Geschichte. Die Solidarität geht weiter.

Von Naemi Goldapp/RND

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