Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Politik NATO-Luftangriff: Was geschah wirklich in Chahar Dareh?
Mehr Welt Politik NATO-Luftangriff: Was geschah wirklich in Chahar Dareh?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:22 04.09.2009
„Deutsche Kräfte verzeichneten keine Schäden“ – aber die Isaf untersucht jetzt, wie viele Zivilisten beim Bombardement des Tanklastzuges ums Leben gekommen sind.
„Deutsche Kräfte verzeichneten keine Schäden“ – aber die Isaf untersucht jetzt, wie viele Zivilisten beim Bombardement des Tanklastzuges ums Leben gekommen sind. Quelle: afp
Anzeige

Es ist stockfinster, und doch geht alles sehr schnell. Um 1.50 Uhr kapern Taliban-Kämpfer an einem fingierten Checkpoint zwei Tanklastwagen, die auf dem Weg von Tadschikistan nach Kundus sind. Ihre Ladung: Benzin für die Bundeswehr. Zwei Lkw-Fahrer, so heißt es, werden in der Nähe des Dorfes Omar Khel geköpft. Taliban-Kämpfer übernehmen die Fahrzeuge und lenken sie in Richtung Chahar Dareh, wo die Rebellen ihre Hochburg haben.Keine 40 Minuten später enden die Entführung und der Treibstoffdiebstahl mit dem bisher blutigsten Luftangriff im deutschen Verantwortungsbereich in Nordafghanistan.

Die Bundeswehr ist sofort über das Kidnapping informiert. Angeblich hat sie die Lastzüge mit einer Aufklärungsdrohne begleitet. Im deutschen Feldlager südlich von Kundus trifft die Information ein, dass sich einer der Lastwagen in einer Furt im Flüsschen Kundus festgefahren hat – keine sieben Kilometer vom deutschen Camp entfernt. Während die Taliban-Aktivisten den Inhalt der Tanks an die Bevölkerung verteilen wollen, fordert ein Bundeswehroffizier bei der Schutztruppe Isaf „Luftnahunterstützung“ an. 67 Taliban-Kämpfer hat die Bundeswehr am Ort des Geschehens erkannt, obwohl sie in dieser Nacht gar nicht mit Bodentruppen in Chahar Dareh präsent ist. Ein US-Kampfjet steigt auf und bombardiert um 2.30 Uhr die voll beladenen Tanker. Sie explodieren in einem riesigen Feuerball. Dutzende Menschen verbrennen bei lebendigem Leibe, zahlreiche andere erleiden schwere Verletzungen und werden ins Krankenhaus nach Kundus gebracht.

„Deutsche Kräfte verzeichneten keine Schäden“, meldet die Bundeswehr Stunden später auf ihrer Internetseite. Die Aufständischen seien „erfolgreich bekämpft“ worden.

Weitere Einzelheiten zum Ablauf und den Folgen der Aktion will die Bundeswehr auch gestern Abend noch nicht bekannt geben. „Wir warten die Untersuchungen ab, die sofort von der Schutztruppe Isaf eingeleitet worden sind“, sagt Oberst Klaus Bücklein im Einsatzführungskommando in Potsdam. Ob es zutrifft, dass „Unbeteiligte nicht zu Schaden“ gekommen sind, wie die Bundeswehr vermutet, wird sich noch zeigen. Im Isaf-Hauptquartier in Kabul ist man inzwischen überzeugt, dass es zivile Opfer gegeben hat, darunter auch Kinder.

In Kundus macht im Morgengrauen sofort die Runde, dass der Taliban-Kommandeur Abdur Rahman bei dem Luftangriff ums Leben gekommen ist. Provinzgouverneur Mohammed Omar berichtet auch, unter den Getöteten seien vier Kämpfer aus Tschetschenien. Für die Schutztruppe Isaf ist dies keine Überraschung. Sie hat schon längere Zeit Hinweise darauf, dass Söldner aus Usbekistan und Tschetschenien auf der Seite der Taliban kämpfen – nicht nur als einfache Krieger, sondern als Ausbilder.

Von den Ausländern haben die Taliban gelernt, wie sie Hinterhalte aufbauen und den Guerillakrieg effektiver führen können. „,Hit and run’ war gestern“, sagt ein deutscher Offizier, „schießen und weglaufen ist nicht mehr. Die Taliban haben ihre Taktik geändert und gelernt, Reservekräfte im Hintergrund zu halten. Sie scheuen nicht mehr vor dem direkten Gefecht zurück.“ Die Bundeswehr hat dies im Raum Kundus schmerzhaft zu spüren bekommen. Immer wieder wird sie in schwere Kämpfe verwickelt – auch in dieser Woche, als 60 Kilometer nördlich der Provinzhauptstadt Sicherungskräfte angegriffen und deutsche Patrouillenfahrzeuge erheblich beschädigt werden. Auch beim Ausspähen der Isaf-Einheiten haben die Taliban dazugelernt. Die Bundeswehr hat auf die veränderte Lage in ihrem Verantwortungsbereich reagiert, Schützenpanzer nach Kundus verlegt und dort viele zusätzliche Soldaten stationiert. Gemeinsam mit afghanischen Soldaten sollen sie den Vormarsch der Taliban stoppen und die Nachschubrouten in die nördlichen Nachbarländer sichern. Seit die Versorgungswege der Nato in Westpakistan und Ostafghanistan immer öfter attackiert werden – dort sind bereits Dutzende Tanklastzüge in Flammen aufgegangen und Container mit Munition in die Luft geflogen –, weichen die Logistiker nach Tadschikistan und Usbekistan aus. Von dort führen inzwischen solide Straßen in den Norden Afghanistans, sodass es sich anbietet, den Nachschub von hier auf das letzte Stück der Reise zu den Feldlagern der Isaf zu schicken.

Warum die Taliban in der Nacht zum Freitag zwei Tanklastwagen gekapert haben, ist für das Verteidigungsministerium in Berlin inzwischen klar. „Wir gehen davon aus, dass die zivilen Tanklaster in Richtung des Bundeswehrlagers gebracht werden sollten, um durch ein Selbstmordattentat größtmöglichen Schaden anzurichten“, sagt der Parlamentarische Verteidigungsstaatssekretär Thomas Kossendey (CDU) der Oldenburger „Nordwest-Zeitung“. Deshalb sei die Bundeswehr so „intensiv vorgegangen“ und habe Luftunterstützung der Nato angefordert. Aus Sicht der militärisch Verantwortlichen in Kundus sei höchste Gefahr im Verzug gewesen, daher habe man so reagieren müssen. Kossendey spricht von einer Verzweiflungstat der Taliban. Weil sie militärische unterlegen seien, versuchten sie, mit Anschlägen Wirkung zu erzielen.

Wie viele Taliban-Kämpfer inzwischen in den Raum Kundus eingesickert sind, ist weder der Isaf noch dem Provinzgouverneur bekannt. Es könnten 300 sein, vielleicht auch 400. Zehn Prozent, so schätzen Geheimdienstler, sind wahrscheinlich ausländische Söldner. Sie haben früher in ehemaligen Sowjetrepubliken gegen die Russen gekämpft und Erfahrungen im Untergrundkrieg gesammelt. In Afghanistan sollen sie nicht nur die ausländischen Soldaten im Visier haben, sondern auch für die Ermordung und Entführung von zivilen Entwicklungshelfern verantwortlich sein. In Kundus ist es ein offenes Geheimnis, dass sein afghanischer Mitarbeiter der Deutschen Welthungerhilfe umgebracht wurde.

Dass die Bevölkerung in den Nordprovinzen Afghanistans nicht mehr Distanz zu den Taliban zeigt, ärgert viele militärische und zivile Aufbauhelfer. Sie erinnern in diesem Zusammenhang daran, dass die paschtunische Bevölkerungsmehrheit schon immer recht viel Verständnis für Taliban-Aktivitäten aufgebracht habe. Weil viele Paschtunen den Eindruck hätten, sie würden von der Regierung benachteiligt, hätten die Taliban jetzt leichtes Spiel große Bevölkerungsgruppen für sich einzunehmen, sich Verstecke einzurichten und ihren Kampf gegen die Ausländer im Lande zu planen.

Von Christine Möllhoff, Klaus von der Brelie und Willi Germund