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Politik Migranten auf den Kanaren: Kein Fortkommen aus dem Urlaubsparadies
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18:00 22.11.2020
Migranten aus Marokko lassen ihre Temperatur messen, nachdem sie mit einem Holzboot an der Küste von Gran Canaria angekommen sind. Quelle: Javier Bauluz/AP/dpa
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Madrid

Die kanarischen Politiker werden langsam nervös. „Die Kanaren rebellieren“, sagt ihr Ministerpräsident Ángel Victor Torres. „Wir akzeptieren es nicht, 100 Prozent aller Immigranten aufzunehmen, die hier ankommen.“ Und es kommen immer mehr. Knapp 800 im August. Gut 2000 im September. Weit mehr als 5000 im Oktober. 5351 allein in den ersten beiden Novemberwochen – das waren fast doppelt so viele wie im gesamten Jahr 2019.

Es muss etwas geschehen, finden die Verantwortlichen vor Ort. Sie fühlen sich alleingelassen. Als Anfang November die EU-Kommissarin Ylva Johansson und der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska Gran Canaria besuchten, wo zwei Drittel aller Bootsmigranten landen, sagte Ihnen der Inselpräsident Antonio Morales: „Wir können es nicht hinnehmen, uns in eine Gefängnisinsel zu verwandeln.“

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Das war provokant gesprochen. Gran Canaria ist kein Inselchen. Mit 1560 Quadratkilometern misst sie so viel wie die vier größten deutschen Inseln Rügen, Usedom, Fehmarn und Sylt zusammengenommen. Hier geht es nicht um fehlenden Platz. Für Gran Canaria und die anderen kanarischen Inseln geht es ums Selbstbild: Sie wollen wieder das Urlauberparadies sein, das sie bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie gewesen sind. Sie wollen nicht mit Migrantennot assoziiert werden. Die Afrikaner – oder jedenfalls ein großer Teil von ihnen – mögen bitte aufs 1500 Kilometer entfernte spanische Festland weitergeleitet werden.

Migranten stehen an der Mole der Hafenstadt Arguineguín im Südwesten von Gran Canaria. Quelle: Manuel Navarro/dpa

Fünf Regionalregierungen haben Aufnahme angeboten

Sie wären dort wohl willkommen. Fünf Regionalregierungen – die von Extremadura, Valencia, Navarra, dem Baskenland und Kastilien und León – und die Stadt Barcelona haben angeboten, Migranten von den Kanaren aufzunehmen. Aber die spanische Regierung sperrt sich. Die Kanaren sollen „eine Art Migrationsstöpsel“ bilden, fasst „El País“ die Strategie der linken Sánchez-Regierung zusammen.

Am Freitag bestätigte der Innenminister Grande-Marlaska noch einmal, dass an eine Überführung der Migranten aufs Festland grundsätzlich nicht zu denken sei. Er nannte das eine „Migrationspolitik, die eine gemeinsame EU-Politik ist“. Die irregulär in Spanien gelandeten Afrikaner sollen im grenzenlosen Europa nicht von Land zu Land wandern. Von Barcelona aus könnten sie das. Von Gran Canaria aus nicht.

Die Regierung schätzt, dass etwa ein Zehntel der auf den Kanaren landenden Bootsmigranten Flüchtlinge vor Krieg oder Verfolgung sind. Alle anderen sollen so schnell wie möglich in ihre Heimatländer zurückgebracht werden. Weil das so schnell nicht geht, zumal in diesen Corona-Zeiten nicht, in denen sich die meisten Länder einigeln, bleibt den Spaniern nur, für eine ordentliche Unterkunft der Ankömmlinge auf den Kanaren zu sorgen. Tausende sind in diesen Wochen in leer stehenden Hotels untergebracht worden.

Die meisten Bootsmigranten brachen von Marokko aus auf

Doch die Behörden kamen mit dem anschwellenden Migrantenstrom nicht mit. Im Hafen von Arguineguín im Südwesten Gran Canarias, in der Nähe des Ferienortes Maspalomas, drängten sich zeitweise mehr als 2000 Menschen in einer Reihe von Zelten, die für 500 Menschen gedacht waren. Mindestens dieses Problem hat die Regierung am Freitag zu lösen versprochen. Auf Gran Canaria, Teneriffa und Fuerteventura sollen in den kommenden Wochen – zumeist auf Militärgelände – mehrere Zeltlager für insgesamt 7000 Personen entstehen.

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Für nächstes Jahr sind „stabilere Lösungen“ vorgesehen. Gemeint sind offenbar Hallen oder andere Gebäude, in denen die Bootsmigranten untergebracht werden sollen, während die Hotels und andere Ferienanlagen wieder für Touristen geöffnet werden. Zugleich hat die spanische Regierung eine vorerst zurückhaltende diplomatische Offensive gestartet, um die ungewollte Migration in den Herkunftsländern einzudämmen. Am Freitag besuchte Innenminister Grande-Marlaska Marokko, das Land, aus dem derzeit die mit Abstand meisten Bootsmigranten auf den Kanaren landen.

Marokko ist ein gewöhnlich zuverlässiger Migrationsgendarm für die Europäer. Die Mittelmeerroute oder der Weg über die spanischen Nordafrikaexklaven Ceuta und Melilla sind so gut wie verschlossen. Warum in den vergangenen Wochen derart viele Boote aus der marokkanisch besetzten Westsahara Richtung Kanarische Inseln aufbrechen konnten, ist öffentlich nicht bekannt.

Auch die Gespräche zwischen dem marokkanischen Innenminister Abdelouafi Laftit und seinem spanischen Kollegen brachten keine schlagzeilenträchtigen Ergebnisse. Allerdings ist die Zahl der ankommenden Migrantenboote auf den Kanaren in den vergangenen Tagen deutlich zurückgegangen.

Von Martin Dahms/RND

Der Artikel "Migranten auf den Kanaren: Kein Fortkommen aus dem Urlaubsparadies " stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.