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Politik Merkel startet verhalten in die heiße Wahlkampfphase
Mehr Welt Politik Merkel startet verhalten in die heiße Wahlkampfphase
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21:04 06.09.2009
Von Stefan Koch
Bundeskanzlerin Angela Merkel Quelle: ddp
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Wie sie gegen die Strömung kämpfen und sich flussaufwärts wühlen, erinnert schon ein wenig an die Arbeit der Unionsanhänger, die ausgerechnet in jenem Moment den Befehl „Volle Fahrt voraus“ erhalten, in dem es besonders schwer ist.

Mag die Zustimmungsquote für Kanzlerin Angela Merkel in der Bevölkerung auch enorm hoch sein – CDU und CSU sind in den vergangenen Tagen doch in die Defensive geraten. Von den Landtagswahlen im Saarland, in Sachsen und Thüringen bleibt weniger in Erinnerung, dass die Union dreimal zur stärksten Partei gewählt wurde. Vielmehr werden ihre Verluste im Vergleich zu früheren Wahlen diskutiert – auch parteiintern.

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Als einen missglückten Griff ins Steuerrad empfinden die Berliner Strategen zudem die dumpfen Äußerungen von Jürgen Rüttgers, der kürzlich gegen rumänische Arbeiter gepöbelt hatte. Ausgerechnet der Frontmann, der wie kaum ein anderer in der Union für die Interessen der Arbeitnehmer streitet, lässt sich zu solchen Beschimpfungen hinreißen, um seine Wähler über den Verlust des Nokia-Werkes hinwegzutrösten, das von Bochum nach Rumänien verlegt worden ist. Und dann das umstrittene Bombardement in Afghanistan. Auch das kommt ihnen zur Unzeit. CDU-Minister Franz-Josef Jung erinnert zwar daran, dass gekaperte Tanklastzüge in direkter Nähe eines deutschen Camps eine enorme Gefahr für die Bundeswehr dargestellt hätten. Doch seine Worte dringen in der Öffentlichkeit kaum durch. Stattdessen hagelt es Kritik aus dem In- und Ausland.

Um trotz schwieriger Strömungsverhältnisse mehr Fahrt aufzunehmen, hat die Union an diesem Sonntag eine geeignete Ausgangsposition gefunden: das Düsseldorfer Eishockeystadion mit seinen mehr als 8000 Sitzplätzen ist fast vollständig besetzt. Die Stimmung ist gut. Es sind keine Delegierten oder höheren Funktionsträger, die an den Rhein gekommen sind, sondern Unionsanhänger, die den eigentlichen Kern der Partei bilden. Bei Gesprächen am Rande ist schnell herauszuhören, dass sie in den kommenden drei Wochen freiwillig an den Ständen ihrer Partei um Stimmen werben. An diesem Nachmittag wollen sich die Wählerfischer argumentativ aufrüsten.

Ihr Hunger nach kernigen Ansagen soll zur Genüge gestillt werden. Zwar unterlässt Merkel persönliche Angriffe auf ihren Herausforderer Frank-Walter Steinmeier. Aber in Düsseldorf startet sie den politischen Nahkampf. SPD? Das bringt die promovierte Physikerin auf die Formel „10, 18, 24“ – die Wahlergebnisse der Sozialdemokraten bei den drei jüngsten Landtagswahlen. Ihre echten Gegner, das sind weniger die Sozialdemokraten als vielmehr Koalitionsoptionen wie Rot-Rot oder Rot-Rot-Grün. Das habe sich auch auf Bundesebene gezeigt, „als das linke Lager den beliebten Bundespräsidenten aus dem Amt jagen wollte“. Merkels Rede ist gespickt mit Angriffen und zutiefst geschützt vor Gegenangriffen. Vom Arbeiter bis zum Unternehmer, vom Zuwanderer bis zum Rentner soll sich jeder willkommen fühlen. Es ist ein Integrationswahlkampf für möglichst viele Bevölkerungsgruppen. Eine Art Aufruf der letzten verbliebenen Volkspartei.

Dass dieses Ringen um die Stimmen himmelweit von der letzten Bundestagswahl entfernt ist, zeigen schon die beiden Vorredner. Nichts mehr ist zu hören von der Kraft des Einzelnen, die es zu entfesseln gelte. Stattdessen geißeln die Ministerpräsidenten Rüttgers und Horst Seehofer gewissenlose Banker und umwerben jene, „die Tag für Tag früh aufstehen, hart arbeiten gehen und dafür einen gerechten Lohn erwarten“. Die Aussage ist klar: die Union, die künftige Schutzmacht der Arbeiter, Handwerker, Bauern und Rentner. Das eigene kleine Häuschen als Ziel des Erwerbslebens. Die sichere Rente als verdiente Gegenleistung. Die Ansprüche sind lebensnah und bescheiden formuliert und sollen „gegen den radikalen Markt“ und „gegen den radikalen Staat“ geschützt werden. Gefragt sei eine Politik „nach Maß“. Da erscheint es nicht weiter erstaunlich, dass die Lieblingskoalitionspartner von der FDP keines Blickes gewürdigt werden. „Beide Stimmen gehören der Union“, sagt Seehofer, „und sonst niemandem.“ Bei harter Strömung teilt die Union ihre Kräfte ein.

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