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Politik Marodes Gesundheitssystem in Großbritannien: Wenn der NHS selbst zum Notfall wird
Mehr Welt Politik Marodes Gesundheitssystem in Großbritannien: Wenn der NHS selbst zum Notfall wird
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05:00 14.05.2022
Der NHS hatte in der Pandemie besonders zu leiden – daran erinnert im ganzen Land Street Art.
Der NHS hatte in der Pandemie besonders zu leiden – daran erinnert im ganzen Land Street Art. Quelle: picture alliance / ASSOCIATED PRESS
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London

„Leben mit Covid“ lautet schon seit einiger Zeit die Devise der britischen Regierung. Doch kürzlich schlug die NHS Confederation, in der etliche Kliniken des englischen Gesundheitsdienstes National Health Service (NHS) organisiert sind, Alarm: Downing Street solle die Briten wegen der damals noch sehr hohen Zahl von Infektionen wieder stärker zum Maskentragen aufrufen sowie zu Treffen im Freien. Nicht nur litten die Kliniken unter der Zahl der infizierten Patienten, mahnte der Chef der NHS Confederation, Matthew Taylor. Auch die eigenen Angestellten fielen immer öfter krankheitsbedingt aus.

Inzwischen zeigt auch in Großbritannien die Kurve der Neuinfektionen deutlich nach unten – doch die Probleme des NHS sind geblieben.

Sammelte während der Corona-Pandemie Millionen für den NHS: Captain Sir Thomas Moore, der dafür später von der Queen zum Ritter geschlagen wurde. Moore starb Anfang 2021 im Alter von 100 Jahren. Quelle: Getty Images

Der Ruf des britischen Gesundheitswesens ist seit Jahrzehnten berüchtigt. Mit der Corona-Krise aber wurde dem Land seit 2020 deutlicher denn je vor Augen geführt, in welch lebensgefährlichem Zustand sich der NHS zum Teil befindet. Großbritannien verfügt statistisch gesehen je 100.000 Einwohner gerade einmal über 6,6 Betten auf Intensivstationen, und genau auf die kam es in der frühen Phase der Pandemie an. In Deutschland etwa gab es zu jenem Zeitpunkt durchschnittlich 29,2 Intensivbetten pro 100 000 Einwohner, in den USA waren es 34,7.

Tod infolge mangelnder Versorgung

Auch die Sterblichkeitsrate zu Beginn der Pandemie unterstrich, dass im Vereinigten Königreich medizinisch einiges im Argen zu liegen scheint. Bis September 2020 verzeichnete das Land je eine Million Einwohner 612 coronabedingte Todesfälle. Damit befand es sich statistisch gesehen auf einer Ebene mit Brasilien (609), Chile (615) und Spanien (635), die allesamt zu den Spitzenreitern bei der Zahl der Covid-Fälle gehörten. In Deutschland lag die Zahl im selben Zeitraum bei 112.

Im vergangenen Monat gab es eine weitere Warnmeldung aus dem britischen Gesundheitswesen: Eine Studie zu häufigen Todesfällen von Kindern kurz vor oder nach der Geburt in der Region Shrewsbury and Telford ergab, dass dort innerhalb der vergangenen 20 Jahre insgesamt mehr als 200 Babys und neun Mütter infolge mangelnder Versorgung starben. Bei knapp 100 weiteren Kindern traten Hirnschäden auf, die nach Ansicht von Experten vermeidbar gewesen wären.

Das Schlimmste am Zustand des NHS ist: Die meisten Briten sind auf ihn angewiesen, wenn sie mal krank werden. Denn die Idee hinter diesem System ist im Grundsatz so simpel wie genial: Patienten werden kostenlos behandelt. Briten gehen dafür zunächst in eine Gemeinschaftspraxis, Krankenhäuser sind für die stationäre und fachärztliche Versorgung zuständig. Rund 95 Prozent dieser Krankenhäuser werden vom NHS betrieben.

Der NHS – eine Behörde unvorstellbaren Ausmaßes

Gleiches Recht für alle, im Idealfall eine landesweit einheitlich gute Versorgung, so die Idee hinter allem. Das System wird zum weitaus größten Teil aus Steuergeld finanziert. Vielleicht ist dies der Grund, weshalb es sich im Laufe der Jahrzehnte zu einer Art Behörde unvorstellbaren Ausmaßes ausgewachsen hat.

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2018 gaben die britischen Steuerzahler 156 Milliarden Pfund für den NHS aus – zwölfmal so viel wie zur Gründung im Jahr 1948, und diese Zahl ist bereits inflationsbereinigt. Fast ein Drittel der Ausgaben für öffentliche Dienstleistungen landen inzwischen beim NHS. Das klingt viel, ist im Vergleich zum Anteil am Bruttoinlandsprodukt gegenüber der EU aber bestenfalls Durchschnitt. Länder wie Frankreich, Deutschland und Schweden liegen deutlich darüber.

Doch unabhängig von den Zahlen begleitet den Gesundheitsdienst ein großes Manko: Die Dienstleistung selbst ist oft miserabel. Der NHS setzt sich selbst das Ziel, Notfallpatienten innerhalb von vier Stunden zu behandeln – doch nicht mal diese komfortable Anforderung erreicht er in allen Fällen. In England lag die Quote 2010 noch bei rund 97 Prozent. 2018, vor der Pandemie, war sie bereits auf 88 Prozent gerutscht. Viele Briten gehen deswegen bei den ersten Anzeichen einer Krankheit zunächst in eine Apotheke, um sich selbst zu versorgen. Große Drogerieketten wie Boots und Superdrug bieten in einigen Filialen zudem einfache medizinische Beratungen und diverse Impfungen an – gegen Bezahlung.

Kritik an der Versorgung älterer Menschen

Der Haupteinflussfaktor auf die Probleme des NHS ist – wie in den meisten Ländern – die gestiegene Lebenserwartung. Sie liegt heute in Großbritannien 13 Jahre über der von 1948, dem Gründungsjahr des NHS. Werden Menschen älter, gehen sie auch öfter zum Arzt. Und sie verursachen durchschnittlich höhere Kosten: Laut NHS-Statistik investiert der Gesundheitsdienst zweieinhalb Mal mehr in die Genesung eines 65-Jährigen als in die eines 30-Jährigen. Einen 90-jährigen Patienten zu heilen beanspruche sogar mehr als siebenmal so viel.

Dabei gibt es immer wieder Kritik an der Versorgung älterer Menschen. So sollen einer Untersuchung der Regierung zufolge 1,4 Millionen Briten über 65 Jahre aus Kostengründen nicht die medizinische Hilfe bekommen, die sie eigentlich benötigen. Immer wieder machen Altersgrenzen bei Operationen Schlagzeilen – so sollen ältere Patienten etwa eine Hüft-OP oder anderes selbst finanzieren, weil der NHS die Kosten nicht mehr übernehmen wolle.

Auch der Personalmangel begleitet das britische Gesundheitssystem wie eine chronische Krankheit. 2019 blieben in England 100 000 Stellen in diesem Bereich unbesetzt. Es fehlten allein 10 000 Ärzte. Wartezeiten für Operationen reichen bis zu einem Jahr. Entsprechend gefeiert wurden Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger während der Corona-Krise: Weil sie oftmals am Limit arbeiteten, aber letztlich einen Kollaps des Systems verhinderten, galten sie schnell als die Helden der Pandemie.

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Zur Operation ins Ausland

Das Problem ist nicht neu. Die damalige Labour-Regierung versuchte bereits nach der Jahrtausendwende, die Schwierigkeiten im Gesundheitssystem mit drastischen Mitteln in den Griff zu bekommen: Britische Patienten wurden für Operationen ins Ausland geflogen, unter anderem nach Deutschland, wo sie in den Krankenhäusern nach NHS-Standards behandelt wurden.

Im Gegenzug holten Briten zuhauf deutsche Ärzte nach England, wo sie tageweise Schichtdienste übernahmen. Schon nach wenigen Jahren jedoch wurde der Gesundheitstourismus in Summe zu teuer und wieder eingestellt. Und die neue konservative Regierung ließ den NHS nach Amtsantritt wieder in den Hintergrund rücken – wohl nicht ohne Hintergedanken: Die Tories liebäugeln seit Jahren damit, das staatliche Gesundheitssystem zumindest in Teilen zu privatisieren.

Viele Briten halten sich vorsichtshalber an einen simplen Vorsatz: möglichst nicht krank werden. Der Umsatz der Vitaminpräparatebranche wächst entsprechend seit Jahren beharrlich. Einer Studie aus dem Gesundheitswesen zufolge nahmen im Jahr 2016 insgesamt 65 Prozent aller erwachsenen Briten solche Mittel ein.

VNSBE7DJDRHI3EGD475ORWTKAE Quelle: Verlag

Michael Pohl ist Redakteur des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) und Autor mehrerer Bücher über Großbritannien. Dieser Text basiert auf seinem neuen Buch „Was Sie dachten, niemals über England wissen zu wollen“ (Conbook Verlag, 256 Seiten, 9,95 Euro).

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Von Michael Pohl/RND

Der Artikel "Marodes Gesundheitssystem in Großbritannien: Wenn der NHS selbst zum Notfall wird" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.