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Politik Machtwechsel mit grünem Ministerpräsidenten greifbar
Mehr Welt Politik Machtwechsel mit grünem Ministerpräsidenten greifbar
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19:56 27.03.2011
Winfried Kretschmann. Quelle: dpa
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Grenzenloser Jubel in der völlig überfüllten Grünen-Zentrale in Berlin. Das hatten selbst die Optimisten in der Ökopartei nicht erwartet: Schon um 18 Uhr scheint der historische Machtwechsel im CDU-Stammland Baden-Württemberg so gut wie sicher - und Winfried Kretschmann wird mit 62 Jahren wohl als erster grüner Ministerpräsident Nachfolger von Stefan Mappus.

Unter ohrenbetäubendem Lärm schwenken Anhänger grüne Schilder mit dem Slogan „Zukunft gewinnt!“. Schon um 18.18 Uhr versucht sich Parteichefin Claudia Roth Gehör zu verschaffen. „Wir sind auch ein bisschen gerührt über das, was heute passiert ist“, hebt sie an. Dann ist Schluss mit Bescheidenheit. „In Baden-Württemberg haben die Wähler heute wirklich Geschichte geschrieben. Nach 58 Jahren ist die CDU abgewählt“ - dann muss sie im Applaus unterbrechen - „und so wie es jetzt aussieht (...) gibt es auch noch eine andere historische Zäsur in 31 Jahren grüner Geschichte, wenn wir nämlich in Baden-Württemberg einen grünen Ministerpräsidenten stellen.“ Roth beschwört die „grün-rote Zeitenwende“.

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Die Parteichefin verspricht: „Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst.“ Die Grünen täten alles, um jetzt „ehrliche Politik zu machen, seriöse Politik zu machen, glaubwürdige Politik zu machen und vor allem eine Politik für das Gemeinwohl und nicht für Partikularinteressen“. Sie müsste nicht dazu sagen, dass sie neben Mappus auch Kanzlerin Angela Merkel und Vizekanzler Guido Westerwelle meint - tut es dann aber doch. Fraktionschef Jürgen Trittin murmelt mit einem Lächeln noch etwas von einer „klaren Abstimmung über den Ausstieg“ aus der Atomkraft.

Die Grünen haben sich im Vergleich zu 11,7 Prozent 2006 in Baden-Württemberg mit rund 24 Prozent mehr als verdoppelt, in Rheinland-Pfalz nach 4,6 Prozent mit jetzt 15 bis 17 Prozent sogar mehr als verdreifacht. In Mainz dürften sie aus dem Stand zu einem zahlenstarken Koalitionspartner von SPD-Ministerpräsident Kurt Beck werden.

Vor der neuen Rolle als Partei mit Ministerpräsident haben die Grünen jetzt aber auch gehörigen Respekt. „Aber keine Angst“, wie ein Bundestagsabgeordneter aus dem Südwesten versichert. „Doch klar ist, dass jetzt besonderes Augenmerk auf uns gerichtet ist.“ Anderen einflussreichen Grünen fallen drastischere Begriffe ein: Unterm Mikroskop agiere man ab jetzt - jede kleine Bewegung registriere die Öffentlichkeit.

Das gilt zunächst für Kretschmann und Co: Wie können die Wahlkampfversprechungen umgesetzt werden? Gelingt eine elegante grün-rote Regierungsbildung? Können die Grünen beweisen, dass sie mit dem Ökokonservativen Kretschmann seriöse, bezahlbare Politik hinkriegen? Und das in allen Bereichen? Und ohne die Schuld an möglichen Problemen einem größeren Koalitionspartner in die Schuhe schieben zu können?

Doch die Umwälzungen für die Grünen reichen weit über die Landesgrenzen hinaus. Erstmals seit dem Absinken in den Umfragen zu Jahresbeginn rechnen die Grünen jetzt etwa wieder mit deutlichem Auftrieb für Renate Künast, die im Herbst Berlins SPD-Regierungschef Klaus Wowereit ablösen will. Künast sagt: „Wir freuen uns riesig. Das gibt grünen Rückenwind für Berlin.“

Hausaufgaben müssen die Grünen nach weit verbreiteter Ansicht zumindest bei den Realos aber auch im Bund machen. Bis zu einem realistisches Wahlprogramm für 2013 ohne kaum bezahlbare Verheißungen ist es noch weit. Schon fragen sich manche, ob es eher Fluch oder Segen ist, dass mit Kretschmann einer der größten Kritiker alter Zöpfe bei den Grünen plötzlich in die vielleicht wichtigste Position der Partei katapultiert werden dürfte. Selbst vor der traditionellen Führungsstruktur der Grünen machte die Kritik des Querkopfs nie Halt, etwa wenn er einst sagte: „Ich habe diese Doppelspitze immer für den größten Blödsinn gehalten.“

dpa

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