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Politik Luftwaffe sucht nach anderen Übungsplätzen
Mehr Welt Politik Luftwaffe sucht nach anderen Übungsplätzen
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12:04 14.07.2009
Teilnehmer des Ostermarsches protestieren im April 2009 in Brandenburg gegen eine militärische Nutzung des ehemaligen Truppenübungsplatzes. Quelle: ddp
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„Wir sind in eine gewisse Zwickmühle geraten und müssen schnell eine Alternative für den Bombenabwurfplatz in der Kyritz-Ruppiner Heide finden“, sagten Luftwaffenoffiziere in Berlin.

Dafür käme ein großer Übungsplatz im westlichen Polen infrage. Vor einiger Zeit seien „schon mal Fühler ausgestreckt worden“, war zu erfahren. Die Polen würden das begrüßen, war aus polnischen Luftwaffenkreisen zu hören. Dazu läge der Platz im Nahbereich der Deutschen Luftwaffe, meinten Offiziere in Berlin. Es würden auch keine größeren Kosten für die Flüge ins benachbarte Polen anfallen.

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Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) hatte unmissverständlich erklärt: „Die Einsatzbereitschaft der Luftwaffe hat auch in Zukunft höchsten Stellenwert“. Für die Sicherheit Deutschlands seien hinreichende Übungsmöglichkeiten auch in der Bundesrepublik eine entscheidende Voraussetzung. Übungen unter den echten klimatischen und geografischen Bedingungen der Bundesrepublik sind nach Angaben der Luftwaffe unbedingt nötig. Vorstellungen, Piloten nur an Simulatoren auszubilden, wurden von Offizieren als „völlig illusorisch“ bezeichnet.

„Wenn Sie ihren Führerschein machen wollen, müssen sie nach dem Unterricht in der Fahrschule auch am Steuer des Wagens im echten Verkehr ausgebildet werden“, gab ein Pilot zu bedenken. Der Simulator sei für die Grundausbildung unbedingt vonnöten. Aber den Bezug zur Wirklichkeit, „in welcher Sekunde die Bombe unter welchen Bedingungen abgeworfen werden muss“, könne keine noch so gute Simulation ersetzen, erklärten Kampfpiloten.

Jung lenkte das Augenmerk auch auf die Ausbildung der Fliegerleitoffiziere, die am Boden stationiert sind. Sie halten die Verbindung zwischen den Bodenkräften und den Piloten in der Luft. Sie müssen verschiedene lasergestützte Verfahren beherrschen, um den Maschinen die Ziele am Boden punktgenau zuweisen zu können. Jung betonte: „Das Zusammenspiel der Verfahren von Fliegerleitoffizieren und Piloten erfordert viel Zeit und auch gesicherte Übungsmöglichkeiten. Dabei können und dürfen wir keine Abstriche machen“.

Neben den inländischen Bombenabwurfplätzen im niedersächsischen Nordhorn - „Nordhorn-Range“ - und im niederbayerischen Siegenburg gibt es schon seit 1960 für die Deutsche Luftwaffe an der Südspitze Sardiniens am italienischen Standort Decimomannu unumschränkte Möglichkeiten zum Luft-Luft- beziehungsweise Luft-Boden-Kampf. Auf der „Frasca Range“ können die deutschen Piloten über See ohne Einschränkungen untereinander und auch mit ihren alliierten Kameraden üben.

Dass Übungen auch weiter auf deutschem Boden nötig sind, hat Jung ohne Umschweife dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) klargemacht. Ein Verzicht auf die „Nordhorn-Range“ sei ausgeschlossen. Offiziere befürchten aber „Nachahmungseffekte“ zum Bombodrom, gegen das die Wittstocker seit über 15 Jahren Sturm gelaufen sind. Kommunen in der Region von Nordhorn hatten schon im vergangenen Jahr Klage beim Osnabrücker Verwaltungsgericht eingereicht. Die bayerische Regierung will nicht gegen den Übungsplatz Siegenburg vorgehen. Trotzdem will der Bürgermeister von Siegenburg, Franz Kiermaier (CSU), gegen den weiteren Betrieb auf dem Bombenabwurfplatz klagen.

Jung wies darauf hin, dass eine Verlegung von Übungsmöglichkeiten ins Ausland mit höheren Kosten für die Bundeswehr verbunden ist. Auf der „Holloman Air Force Base“ der US-Luftwaffe im Bundesstaat New Mexiko werden seit 1996 deutsche Kampfpiloten ausschließlich fliegerisch ausgebildet. Bombenabwürfe sind nicht möglich. Mit den Themen „Tiefflug“ und „Lärmbelästigung“ der Bürger beim Flugtraining über dem Bundesgebiet hatte die Luftwaffe in den 1980er und 1990er Jahren schwer zu kämpfen.

Ende der 1970er Jahre war der Tiefflug auf 30 Meter über dem Boden als Element der Kriegsführung gegen den Warschauer Pakt eingeführt worden. Die Tiefflüge wurden nach Kanada „exportiert“. Goose Bay in Labrador war ein ideales Gelände. 2006 wurde diese Möglichkeit aber aufgegeben, „wohl in der Hoffnung, dass wir in der Wittstocker Heide üben können“, erläuterten Offiziere. Sie äußerten sich geradezu euphorisch über eine Luftwaffenübung im Frühjahr in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE): Über 61 000 Quadratkilometer großer Übungsraum, hundert Kilometer freier Luftraum, dünn besiedeltes Wüstengebiet. Die VAE hatten zu der Übung eingeladen.

ddp