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Politik Linke sucht nach einer Autorität
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21:27 25.01.2010
Der 62-Jährige ist der einzige im Kandidatenkreis, der sich die Kandidatur aussuchen kann. Quelle: dpa
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Am Montag hat sich noch nicht abgezeichnet, wer künftig die Führung der Linkspartei übernehmen soll. Über zwei Varianten wird diskutiert: Entweder es soll eine Doppelspitze gebildet werden, in der ein Mann und eine Frau tätig werden, wobei ein Kandidat aus dem Westen und einer aus dem Osten kommen soll. Die Alternative wäre, Fraktionschef Gregor Gysi mit dem alleinigen Vorsitz zu betrauen.

Gegen beide Varianten gibt es Vorbehalte. Gysi dürfte bei seinen alten Weggefährten im Osten auf Skepsis stoßen, weil er erst kürzlich den langgedienten Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch öffentlich abgewatscht hatte. Dies sehen manche der Pragmatiker in der Partei als einen Verrat an, den sie Gysi nicht so schnell verzeihen wollen. Außerdem hadert Gysi mit der Entscheidung, weil er eigentlich schon vor vielen Jahren die Politik an den Nagel hängen wollte, sich aber immer wieder hatte breitschlagen lassen. Gegen die Doppelspitze spricht vor allem ein technischer Grund: Als beim vergangenen Parteitag die Satzung reformiert wurde, hat man sich klar auf eine Einzelperson als Vorsitzenden festgelegt. Wollte man nun davon abweichen, müssten zwei Drittel aller in der Satzung vorgesehenen Delegierten dafür sein – und das kann rasch scheitern, zumal es gerade in den Ostverbänden reichlich Kritiker der Doppelspitze gibt.

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Was die Kandidaten für eine mögliche Doppelspitze angeht, hat sich am Montag einiges geklärt: Petra Pau, Bundestagsvizepräsidentin und herausragende Vertreterin der Pragmatiker, verzichtete auf eine Bewerbung. Dafür wird häufiger der Thüringer Bodo Ramelow genannt. Die Vertreterin der kommunistischen Plattform, Sahra Wagenknecht, widersprach in dieser Zeitung Bestrebungen für rot-rote Bündnisse: „Nach dem Rückzug von Lafontaine ist es wichtig, dass die Linkspartei seinen politischen Kurs fortsetzt und konsequent an ihren Positionen festhält: nein zu jeder Art von Sozialraub, Lohndrückerei und Privatisierungen, nein zum Krieg.“

Die Pragmatikerin
Gesine Lötzsch: Bekannt wurde die heute 48 Jahre alte Philologin zu der Zeit, als sie im Bundestag nur eine Mitstreiterin hatte – Petra Pau. Die PDS war 2002 an der Fünfprozenthürde gescheitert, Pau und Lötzsch waren die Einzigen, die ihre Berliner Direktmandate verteidigten. Lötzsch gilt als Pragmatikerin und damit Vertreterin des Flügels, für den auch Dietmar Bartsch steht. Aber anders als Petra Pau ist sie in den vergangenen Jahren weniger angeeckt mit Forderungen nach einer Erneuerung der Linkspartei. Die Mutter zweier Kinder, die in der DDR wissenschaftliche Assistentin war, rückt seit Monaten in der Bundestagsfraktion stärker in den Vordergrund.

Der Gewerkschafter
Klaus Ernst: Der 55-Jährige ist der klassische Vertreter der alten WASG, die in der Linkspartei aufgegangen ist. Außerdem gilt er als Gefolgsmann Lafontaines, ohne jedoch zu den linksradikalen Strömungen zugerechnet werden zu können. Ernst war bis 2004 in der SPD, wurde dann ausgeschlossen und zählte gemeinsam mit Lafontaine zu den Vätern der WASG. Als 15-Jähriger hatte er die Schulausbildung abgebrochen, Elektromechaniker gelernt und seine Heimat in der IG Metall gefunden. Dort stieg er bis zum Bevollmächtigten in Schweinfurt auf. In der Gewerkschaft bildete er sich weiter und studierte in Hamburg Politik und Volkswirtschaftslehre.

Die Streiterin
Katja Kipping: Die 32-jährige Sozialwissenschaftlerin aus Dresden wird von der Partei gern in Talkshows geschickt – und das aus zwei Gründen. Erstens kann sie vehement streiten und gut argumentieren, zweitens wirkt die junge Frau dabei sehr sympathisch. Parteiintern hat sich Kipping in den vergangenen Jahren aus dem Streit zwischen Linksradikalen und Reformkräften herausgehalten. Die Entwicklung wird nun zeigen, ob sie deshalb nun für eine Führungsaufgabe in Betracht kommt – oder vielleicht gerade nicht. Kipping hat sich in der sozialpolitischen Debatte profiliert und macht sich für ein „bedingungsloses Grundeinkommen für alle“ stark.

Der Integrator
Gregor Gysi: Der 62-Jährige ist der einzige im Kandidatenkreis, der sich die Kandidatur aussuchen kann. Tritt er an als neuer Chef der Linkspartei, so dürften alle anderen zurückstecken. Entscheidet er sich dagegen, so wird das jeder akzeptieren. Der schon in der DDR als Rechtsanwalt aktive Politiker war 1990 die treibende Kraft bei der Entscheidung, die alte SED als PDS fortbestehen zu lassen. Er gilt als großartiges Redetalent, hat aber als Regierungsmitglied nur kurz gewirkt – 2002 als Berliner Wirtschaftssenator. Gysi hat in der Partei Integrationskraft wie kein zweiter. Doch er zögert nach zwei Herzinfarkten, ob er antreten soll.

Von Stefan Koch
und Klaus Wallbaum