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Politik Letzte Sause in Berlin: Partyhauptstadt ohne Party
Mehr Welt Politik Letzte Sause in Berlin: Partyhauptstadt ohne Party
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14:31 15.03.2020
Rollläden runter - in der Nacht zum Sonntag mussten alle Bars und Clubs in Berlin schließen - erst einmal für fünf Wochen. Quelle: imago images/Seeliger
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Berlin

Der Samstagabend war gerade angelaufen, da entschloss sich Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller doch noch zum Handeln.

Alle Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern werden verboten, Kneipen und Clubs müssen schließen, Restaurants einen Sicherheitsabstand von 1,50 Meter zwischen den Tischen herstellen. Wie üblich in Berlin gilt das „sofort, unverzüglich“.

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Die Partyhauptstadt schließt – von einem Moment zum anderen. Berlin ohne Bier, ohne Eckkneipe, ohne Clubs. Ist das vorstellbar?

Genauso wenig wie Madrid ohne Tapas oder Paris ohne Café au lait – und auch das ist wegen der Coronakrise Wirklichkeit geworden.

Berlin wollte eigentlich bis Dienstag warten. Ein letztes Wochenende mit Alkohol und Exzess noch. Und mit jeder Menge Ansteckungsgelegenheiten. Am Samstagnachmittag siegte dann die Vernunft im Senat.

Der erste Berliner Corona-Patient war vor der Diagnose noch feiern im Club „Trompete“ im Tiergarten. 42 Besucher hat er dort infiziert, teilte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) am Sonntag mit. „Bleiben Sie einfach zuhause. Halten Sie mindestens 1,5 Meter Abstand zu Menschen“, schrieb sie auf Twitter.

Spät, aber unmissverständlich.

Und es war nicht der einzige Club. Am Sonntag teilte das Gesundheitsamt Friedrichshain-Kreuzberg mit, dass alle Besucher des “Kater Blau" am 6./7. März zu Hause bleiben sollten. Dort feierte auch ein Corona-Infizierter.

Letzte Runde also. Die wird in der Stadt ohne Sperrstunde von Mannschaftswagen der Polizei durchgesetzt. Die einzige Gruppe, die Samstagnacht auf ausgedehnter Kneipentour ist, trägt blaue Uniformen und ein Klemmbrett mit einer Liste der Lokale, die zumachen müssen.

So arbeiten sich Beamte die Oranienstraße in Kreuzberg herunter. Sie sind fast die Einzigen auf der Straße, außer leeren Taxis und hier und da doch noch ein paar Kiezjungs mit Bierflaschen in der Hand.

Trotz Anordnung zur Schließung von Cafs, Bars und Clubs haben etlich Cafs und Bars entlang der Stargarder Strasse in Berlin-Prenzlauer Berg noch geöffnet. Quelle: imago images/Seeliger

„Digger, die gehen hier von Laden zu Laden“, rufen sie einander zu. Ja, Digger, tun sie. Die Spätis bleiben offen, aber auch die Spätkauf-Betreiber stehen oft allein zwischen ihren gut gefüllten Kühlschränken.

In den Lokalen, die noch nicht von den Polizisten mit dem Klemmbrett besucht wurden, sieht es aus wie auf dem berühmten „Nighthawks“-Gemälde von Edward Hopper - viel Platz an der Bar zwischen fahlen Lichtern.

Berlins Partystraßen, Samstag um Mitternacht: dunkel und leer, schwarz statt blau. Die großen Clubs: still schon seit Donnerstag. Berghain: dunkel. Tresor: verschlossen. Jetzt folgen alle anderen. Ritter Butzke: verwaist. Wilde Renate: verrammelt. Sage: die härteste Tür, die es gibt, keiner kommt rein.

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Um die Ecke beim besonders freizügigen Kit Kat Club prangt ein Schild auf Englisch: „Stay healthy. Love & Peace“. Bleibt gesund. Alle paar Minuten kommt einer vorbei und fotografiert die guten Wünsche. Das ist also geblieben von der wildesten Ecke des wilden Berlin.

Kreuzberger Nächte sind einsam

„Es ist die größte Krise der Berliner Kulturszene seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs“, sagte Lutz Leichsenring von der Club Commission bereits am Donnerstag. Da klang das noch leicht übertrieben oder zumindest schwer vorstellbar.

In Kreuzberg nachts um halb eins am Sonnabend ist es schlicht Realität. „Meine Hoffnung ist, dass sich – vielleicht durch einen kompletten Shutdown – die Lage so beruhigen kann, dass in wenigen Wochen wieder Normalität herrscht“, hatte Leichsenring gesagt und hofft auf einen Unterstützungsfonds.

Der Coronavirus könnte das Berliner Clubsterben exponentiell beschleunigen. Einige Vermieter würde nur darauf warten, dass die Clubs mit der Miete in Rückstand geraten, damit sie schnell kündigen können, hatte Leichsenring gesagt.

Von Entschädigungen steht in der Verordnung des Senats nichts. Die Kneipenbetreiber werden im Unklaren gelassen. Fünf Wochen können die meisten durchhalten, aber was, wenn der Shutdown länger dauert?

Berlin: Ein Schild weist auf dem RAW-Gelände auf eine "Shut Down-Party" hin. Quelle: Jörg Carstensen/dpa

Eine Gruppe Jungs auf Elektrorollern grölt vorbei

Eine Gruppe Jungs auf Elektrorollern rast vorbei, grölend. Wo kommen sie her? Wo wollen sie hin? Vor dem fast komplett verwaisten RAW-Gelände in Friedrichshain stehen leere Taxen. Auf wen warten sie noch?

In der Kneipe „Bierinsel“ in der Hochhaussiedlung Gropiusstadt im Südosten Berlins sitzen rund 20 Gäste teilweise eng zusammen, trinken Bier oder spielen Darts. „Wir bleiben heute offen“, sagt Geschäftsführer Sezgin Celik.

Er interpretiert die Zahl von höchstens 50 erlaubten Menschen bei Veranstaltungen so, dass dies auch für die „kleine Kneipe mit der großen Gastlichkeit“ gelten könne. Gleichzeitig ist er verunsichert: „Jeder erzählt etwas anderes. Wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen.“

Berlin: Ein Graffiti an einer Hinterlandmauer des Mauerparks, das sich mit dem Thema "Corona" beschäftigt, wird fotografiert. Quelle: Jörg Carstensen/dpa

Im Großbordell wuchtet eine Dunkelhaarige einen Koffer aus der Tür

Müsste er die „Bierinsel“ bis auf weiteres dichtmachen, drohe die Pleite, sagt Celik. Er habe monatlich 15 000 bis 20 000 Euro Unkosten - knapp 3000 Euro Miete, 1200 Euro für Strom, 750 Euro Fernsehgebühr für Sky, dazu die Gehälter für fünf bis sechs Mitarbeiter. Dazu komme die Abzahlung eines Kredits. Welche Folgen eine Pleite hätte? „Hier leben fast 20 Leute von dem Laden.“

Am Westkreuz klebt an der Tür des Großbordells „Artemis“ ein Zettel in roter Schrift: „Wir schließen mit sofortiger Wirkung den Geschäftsbetrieb vorläufig bis zum 19.04.2020.“

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In der Senatsverordnung heißt es in vollendetem Amtsdeutsch: „Prostitutionsveranstaltungen im Sinne des Prostituiertenschutzgesetzes dürfen nicht durchgeführt werden.“ Eine Dunkelhaarige wuchtet einen riesigen Rollkoffer aus der Tür.

Noch eine Berufsgruppe geht in den Zwangsurlaub.

Um die Ecke vom Ku’damm hängt ein haushohes Großplakat mit dem Gesicht von Daniel Craig. „Keine Zeit zum Sterben“, schreit es. Der Kinostart des neuen James Bond ist längst verschoben. Seit Samstag sind auch die Kinos dicht.

Der Filmtitel an der nächtlichen Fassade wirkt jetzt wie eine trotzige Frontstadt-Aufforderung.

Von Jan Sternberg/RND

Der Artikel "Letzte Sause in Berlin: Partyhauptstadt ohne Party" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.