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Politik Krank und vertrocknet: Der Wald braucht eine Revolution
Mehr Welt Politik Krank und vertrocknet: Der Wald braucht eine Revolution
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12:02 26.09.2019
Abgestorbene Nadelbäume im Siegerland. Quelle: imago images / Rene Traut

Jetzt trifft es auch noch die Buche. Braun und trocken hängen die Blätter an dem Zweig herab, den Michael-Egidius Luthardt zu sich heranzieht. Braune und trockene Blätter sind auch in den Kronen des stattlichen Baums im Stadtwald von Eberswalde in Brandenburg zu erkennen. Die zusammengerollten, vertrockneten Blätter, die Luthardt sieht, zeigen nicht den beginnenden Herbst an. Sie sind Todeszeichen. Trockenstress nach zwei Dürresommern, nach 17 Monaten fast ohne Regen. Vom nahenden Tod künden auch die Bucheckern, die den Boden bedecken. Die meisten sind taub. Es handelt sich um Notreife: Bäumen, die ihr Ende spüren, versuchen noch schnell besonders viele Samen in die Welt zu bringen.

Luthardt, 61 Jahre alt, leitet das Landeskompetenzzentrum Forst im brandenburgischen Eberswalde. Er lässt den trockenen Buchenzweig los und sagt: „Das habe ich in 40 Jahren noch nicht gesehen. Und dabei sollte die Buche uns gerade helfen, mit dem Klimawandel klarzukommen. Das ist eine völlig neue Stufe der Eskalation.“ Die Rotbuche galt als Hoffnungsträgerin in den Wäldern. „Sie soll uns helfen, unsere Kiefernbestände etwas bunter zu machen.“ Bunter, vielfältiger und damit auch widerstandsfähiger gegen die Dürre.

Waldsterben: Warum Rotbuchen in Deutschland derzeit vertrocknen

Vor den Buchen aber trockneten schon die Kiefern aus, viele starben ab. Die Eichen sind ein weiteres Sorgenkind der Wälder. In den Mittelgebirgen wie dem Harz sind es die Fichten, die als Erste litten – und leichte Beute für den Borkenkäfer wurden. In Sachsen kämpft jetzt schon die Bundeswehr gegen die Schädlinge in den Forsten des Erzgebirges.

Der deutsche Wald stirbt. Von den 11,4 Millionen Hektar sind bereits 110.000 vertrocknet. Gut 70 Millionen Festmeter Schadholz liegen in den Wäldern, vom Sturm geknickt, von Waldbränden verkohlt, von Schädlingen befallen. Am Mittwoch hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) zum Waldgipfel geladen. Es geht um viel Geld. 2,3 Milliarden Euro fordert der Waldbesitzerverband als Soforthilfe.

Doch es geht noch um viel mehr. Der Wald muss sich verändern, um überleben zu können. Gerade jetzt sind die Hoffnungen und Erwartungen an ihn so groß wie nie. Er soll der wichtigste Verbündete des Menschen im Kampf gegen den Klimawandel sein.

Im Sommer, als die Kronen der Buchen und die Zweige der Kiefern in Deutschland gerade reihenweise braun wurden, veröffentlichten Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich eine Studie, die weltweit Wellen schlug: Neue Wälder könnten ein Drittel der CO₂-Emissionen unschädlich machen. Dafür müssten weltweit 900 Millionen Hektar neu bepflanzt werden. Eine gigantische Zahl. Parallel dazu muss der bestehende Wald erst einmal gerettet werden. Oder er muss sich selbst retten – indem er daran mitarbeitet, dass der Klimawandel sich mindert. Auf deutscher Wipfelhöhe heißt das: Was das Klimakabinett in Berlin nicht schafft, muss der Stadtforst Eberswalde leisten. Wie aber kann der Wald das alles schaffen?

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Es braucht dafür nicht weniger als eine Waldrevolution. Und da im Wald alles langsamer geht als draußen, ist es beruhigend zu wissen, dass diese Revolution schon seit mehreren Jahrzehnten im Gange ist. Jetzt aber bekommt sie notgedrungen eine viel größere Aufmerksamkeit – und eine ganz neue Dynamik. An den Schalthebeln dieser Revolution, bescheiden „Waldumbau“ genannt, sitzen Menschen wie Luthardt.

Was in Eberswalde erforscht wird, kann in den Förstereien des Landesforsts per Order umgesetzt werden. Aber auch die privaten Waldbesitzer schauen mit immer stärkerem Interesse auf die Umbauideen von Luthardts Leuten. Gerade bereitet er ein Symposium zur Birke vor. Die gilt bisher als „Unkraut des Waldes“, nur als Brennholz zu vermarkten. Aber sie ist eine Pionierbaumart, sät sich auf geschädigten Flächen als erste Art wieder aus. Bekommt die Birke vielleicht eine neue Chance auf dem Holzmarkt? „Wir sollten mit dem arbeiten, was wir haben“, ist Luthardts Credo.

Mit Lederhose, Joppe, Hornbrille und einem winzigen Zopf am Hinterkopf sieht Luthardt aus wie eine Mischung aus Förster und Hipster. Er ist ein vorsichtiger Revolutionär. Im Wald werden alle Prozesse in Generationen gemessen, da wäre es fatal, übereilte Entscheidungen zu fällen. Radikal waren die Generationen vor ihm. In der DDR galt die Bodenreinertragslehre, da kam es auf schnellen Wuchs und gut vermarktbares Holz an. Es entstanden die Kiefernplantagen, für die der Name „Wald“ unpassend klingt, gepflanzt in Reih und Glied ohne Unterholz. In Süddeutschland wurde schon vor 100 Jahren postuliert: Buchenwälder sind Bankrottwälder. Man setzte auf Nadelholz, auf die Fichte und die Douglasie, die an der Westküste Nordamerikas heimisch ist.

Von der Douglasie ist auch jetzt viel die Rede, weil sie besser gegen Hitze und Trockenheit gewappnet sein soll als heimische Arten. „Wir können ausländische Baumarten nicht außen vor lassen“, meint Luthardt. „Aber erst einmal sollten wir das Potenzial der Baumarten ausschöpfen, die wir haben.“ 30 heimische Arten gibt es in Brandenburg, die meisten spielen nur eine Nischenrolle. Linde, Ahorn und Hainbuche etwa scheinen mit Trockenstress viel besser umgehen zu können als Kiefer und Rotbuche.

Die Waldrevolution ist nach Luthardts Vorstellungen eher eine behutsame Waldreform. Es könne nicht darum gehen, die Kiefer zu ersetzen, sondern die Monokulturen aufzulockern und unter den hohen Stämmen Laubbäume anzupflanzen. Dadurch wird der Waldboden besser beschattet, die Temperatur im Wald sinkt, die Brandgefahr geht zurück und auch das Schädlingsrisiko.

Eine Fahrstunde südöstlich von Eberswalde geht ein hochgewachsener, schlanker Mann in brauner Gutsherren-Trachtenjacke durch seinen Wald. 100 Hektar besitzt Hans-Georg von der Marwitz auf den Seelower Höhen und drum herum. Die älteren Bäume, sagt er, könne er nicht verkaufen, weil sie voller Granatsplitter steckten. Hier tobte im Frühjahr 1945 die Schlacht um Berlin zwischen dem letzten Aufgebot der Wehrmacht und der 1. Weißrussischen Front unter Sowjetmarschall Schukow. Der Wald hat eben auch ein Gedächtnis, das weit zurückreicht.

Ein Mann im dunklen Tann – nein, im Kiefernforst: Der CDU-Bundestagsabgeordnete und Forstlobbyist Hans-Georg von der Marwitz in seinem Wald nahe Seelow.

Die jüngeren Bäume aber könne er nicht verkaufen, weil sie von Schädlingen zernagt werden, sagt von der Marwitz und bricht ein Stück Rinde von einer toten Kiefer. Das Holz darunter zerbröselt staubig. Er bückt sich, nimmt den Trieb einer kleinen Eiche in die Hand. „Wildverbiss“, sagt er. „Rehe sind eben Feinschmecker.“ Bis zu 30 Prozent Verlust verzeichnet von der Marwitz in seinen Wäldern. Der 58-Jährige ist nicht nur Landwirt und Waldbesitzer, sondern seit zehn Jahren CDU-Bundestagsabgeordneter und seit diesem Jahr auch Präsident des Waldbesitzerverbandes.

In dieser Funktion als Cheflobbyist der Waldeigentümer fordert er nicht nur die 2,3 Milliarden Euro Soforthilfe, sondern auch dauerhafte Förderung für den Klimaspeicher Wald. „Wir wollen keine Subventionen“, stellt er klar, „wir wollen für unsere Leistung eine Gegenleistung. Wir wollen wenigstens plus/minus null bei der Aufarbeitung des Waldes herauskommen.“

Hans-Georg von der Marwitz zeigt die Schäden an seinen Kiefern.

Denn der alte Wilhelm-Busch-Satz über den Wald stimme nicht mehr: „Am besten hat’s die Forstpartie, der Wald wächst auch ohne sie.“ Von der Marwitz hält ein Grinsen zurück. Schließlich ist es ernst. Der Waldumbau macht Arbeit, doch ohne Ertrag kann er nicht beginnen. Der Holzmarkt ist durch das Überangebot zusammengebrochen.

Dass sich auch sein Wald ändern, dass er bunter und durchmischter werden muss, ist von der Marwitz klar. Dass Wälder in Zukunft nur noch fürs Klima und nicht für den Ertrag da sind, will er hingegen nicht akzeptieren. Ein junger, ökologisch betriebener Wirtschaftswald binde mehr CO₂ als ein alter Wald, sagt er. Es muss also etwas passieren. Aber wo anfangen – und vor allem wann? Noch sind die Böden viel zu trocken, vermutlich muss erst ein feuchter Winter durch die Wälder ziehen, bevor neu gepflanzt werden kann. Aber was – und von wem, wenn kaum Forstarbeiter zu finden sind?

Heilt der Wald sich selbst – oder braucht er den Menschen?

Michael Luthardt hat vielleicht eine Antwort. In seinem Büro in Eberswalde zeigt er Karten von Langzeitversuchen. Vor fast 20 Jahren brannte eine Fläche Kiefernforst ab. Statt aufzuforsten, wurde die Fläche sich selbst überlassen. Die Forstarbeiter bereiteten sie unterschiedlich vor: Einige Stellen zäunten sie ein, andere nicht, die verbrannten Stämme wurden mal herausgeschafft, manchmal blieben sie liegen. Zunächst wuchsen auf den Flächen Birken an, dann folgten Kiefern und Espen, eine Pappelart. Andere Baumarten kamen hinzu.

Heute wächst auf den früheren Brandflächen wieder ein frischer, grüner Wald – ohne dass ein Forstarbeiter auch nur einen einzigen Setzling in die Erde gepflanzt hätte. „Lasst die Natur einfach machen“, sagt er, „dann können wir unterstützend dazupflanzen.“ Die Waldrevolution beginnt sehr langsam, als kleiner grüner Keim.

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