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Politik Kopf-an-Kopf-Rennen im Saarland
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07:43 22.03.2012
Von Dirk Schmaler
Foto: Heiko Maas und Annegret Kramp-Karrenbauer sind bei Umfragen im Saarland gleich auf.
Heiko Maas und Annegret Kramp-Karrenbauer sind bei Umfragen im Saarland gleich auf. Quelle: dpa
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Saarbrücken/Homburg

Er könnte jetzt Wahlkampf machen. Mit Wählern auf Marktplätzen diskutieren oder diese kleinen Einkaufswagenchips mit SPD-Logo vor Supermärkten verteilen. Stattdessen sitzt Heiko Maas seit mehr als einer Stunde in einem Raum ohne Fenster und lässt sich über die Produktpalette eines Homburger Kosmetikherstellers informieren. Über Latschenkiefer, Zahnpasta, Hautcreme. Über Umsatzzahlen und die Unternehmensgeschichte. Maas blickt auf sein Handy. Er wirkt unruhig. Der Geschäftsführer ist mit seinem Vortrag gerade beim Expansionskurs in Osteuropa kurz nach dem Fall der Mauer angelangt. Maas lächelt ihm so gut es geht zu. Aber er sieht dabei nicht glücklich aus.

Heiko Maas ist kein Menschenfänger. Der Saarländer sieht auf Plakaten mit seinem Drei-Tage-Bart gut aus, aber er hat nicht diesen Panzer der Leutseligkeit, mit dem andere Politiker schenkel- und schulterklopfend durch die Welt gehen. Es ist eher ruhig, und manchmal, wenn er angespannt ist, wirkt er, als möge er Menschen nicht besonders. Als könnten sie ihm schnell auf den Keks gehen. Heiko Maas ist in diesen Tagen sehr angespannt.

Am Sonntag entscheidet das kleinste Flächenland der Republik über den neuen Ministerpräsidenten. Und die Chancen stehen gut für Maas, der schon zwei Wahlniederlagen im Saarland erlebt hat. Die Demoskopen sehen den SPD-Herausforderer und die CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer gleichauf. "Es wird ganz eng", sagt Maas, als er den Vorführraum nach einer weiteren halben Stunde Firmenpräsentation eilig verlassen hat. Jede Minute Wahlkampf, jede Stimme zählt. Vor allem für die Spitzenkandidaten persönlich.

Denn im Saarland spielt sich in diesen Tagen etwas ab, das es so in der Republik noch nicht gab. "Wir führen diesmal ja keinen Lagerwahlkampf", sagt Maas. Man könnte auch sagen: Das Ergebnis steht schon fest. CDU und SPD haben sich schon vor Wochen darauf geeinigt, eine Große Koalition anzustreben. Nach dem Scheitern der Jamaika-Koalition kämpfen die Grünen mit der Fünf-Prozent-Hürde, für die FDP scheint die sowieso unerreichbar. Und mit Linkenchef Oskar Lafontaine verbindet den SPD-Spitzenkandidaten eine tiefe Feindschaft. Die einzige offene Frage scheint deshalb zu lauten: Wer steht an der Spitze der künftigen Landesregierung? Er oder sie?

"Die Wähler wollen endlich wieder stabile Verhältnisse und Verlässlichkeit", sagt Maas. Der Triathlet hat in 13 Jahren Opposition erfahren müssen, wie schnell sich Koalitionsträume zerschlagen können. Zuletzt im Herbst 2009. Damals bereitete er sich schon auf den Einzug in die Staatskanzlei vor - mit Grünen und Linken hatte er eine Wahlmehrheit errungen. Doch dann nahm der Grünen-Vorsitzende Hubert Ulrich plötzlich das Angebot von dem schon fast abgewählten Ministerpräsidenten Peter Müller an und bildete mit FDP und CDU eine Jamaika-Koalition, die Kramp-Karrenbauer im Sommer 2011 übernahm. Spötter bezeichnen Maas seitdem als "Prinz Charles von der Saar". Der SPD-Kandidat hat der Grünen-Spitze das bis heute nicht verziehen. Auch deshalb fällt ihm der Gang in die Große Koalition leicht.

Doch wie fühlt sich ein Wahlkampf an, wenn sich die beiden großen Rivalen schon darauf geeinigt haben, anschließend gemeinsame Sache zu machen?

"Es ist seltsam", sagt Annegret Kramp-Karrenbauer, die Ministerpräsidentin, für die sich eigentlich nur die Frage stellt, ob sie in der Staatskanzlei bleiben darf oder in ein Ministerium umziehen muss. "Es geht ja nun vor allem um Personen." Sie steht auf dem Campus der Universität in Saarbrücken und hat sich gerade angeschaut, wie Wissenschaftler eine elektronische Supermarkt-Käsetheke dazu bringen, dem Kunden automatisch den passenden Wein empfehlen. Ihr ist nicht viel eingefallen zu dieser Erfindung, die das Käsekaufen ja auch wirklich nicht angenehmer macht: "Man muss nur auf das Käsestück zeigen?" hatte sie gefragt. Dann war Stille.

Wie Maas ist auch Kramp-Karrenbauer keine eindrucksvolle Wahlkämpferin. Die Katholikin hört zwar gern "Highway To Hell" von AC/DC, bevor sie sich in die Landtagsdebatte wirft. Das verleihe ihr die nötige Angriffslust, hat sie mal gesagt. Vor Kameras aber redet sie oft leiernd monoton, ihr dunkles Brillengestell und der Kurzhaarschnitt wirken dann streng und beamtenhaft.

Auch deshalb war die Überraschung groß, als Kramp-Karrenbauer ausgerechnet am Tag des Dreikönigstreffens der Liberalen im Januar die Koalition wegen Personalquerelen in der FDP mit einem lauten Knall platzen ließ. In der FDP war man über so wenig Taktgefühl empört, in Berlin zeigte man sich überrascht über so wenig taktisches Gespür. Kramp-Karrenbauer sieht das anders, staatstragender. Nur eine stabile Koalition könne das von der Pleite bedrohte Saarland retten, sagt sie. "Das war in der Jamaika-Konstellation nicht mehr möglich."

Sie müsste es wissen. Die dreifache Mutter hat den Job als Ministerpräsidentin zwar erst vor einem halben Jahr von Parteifreund Müller geerbt. Aber "AKK" wie die 49-Jährige wegen ihres sperrigen Namens oft genannt wird, kennt die politischen Verhältnisse an der Saar genau. Ihr Vorgänger Müller machte sie schon mit 37 Jahren zur ersten Innenministerin Deutschlands, seitdem hat sie so ziemlich alle Ministerien geführt, die das Saarland zu bieten hat. Und sie ahnt, dass die nächsten Jahre nicht einfach werden.

13 Milliarden Euro Schulden hat das Land angehäuft, das mit einer Bevölkerung von etwa einer Million weniger Einwohner hat als die Region Hannover. Die Pro-Kopf-Verschuldung ist nur in Bremen und Berlin höher, im aktuellen Haushalt sind 500Millionen nur für die Zinstilgung veranschlagt. Die Aufgabe der Stunde heißt sparen.

Die geplante Große Koalition ist deshalb auch ein vorsorglicher Nichtangriffspakt, gewissermaßen eine Verbrüderung gegen all die Interessengruppen, die schon bald die Landesregierung belagern könnten. "Ich bin mir sicher, dass wir diese schwere Aufgabe am besten gemeinsam lösen", sagt Maas. Kramp-Karrenbauer sieht das ähnlich: "In einer Großen Koalition können wir die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um die Schuldenbremse einzuhalten." Die Botschaft ist klar: Sie und er stehen zusammen.

Nur einer rechnet sich noch Chancen aus, die Traumhochzeit an der Saar zu verhindern. Linken-Chef Oskar Lafontaine verteilt in den Fußgängerzonen Postkarten, auf denen Maas und Kramp-Karrenbauer als Brautpaar verkrampft in die Kamera lächeln. Darunter steht im schönsten Saar-Platt: "... dann doch liewer de Oskar." Bisher kann der Volkstribun von der Saar von den großkoalitionären Plänen nicht profitieren, seine Partei liegt bei 15 Prozent - fünf Punkte weniger als noch 2009. Die SPD-Strategen halten das Linken-Wahlergebnis aber für "unkalkulierbar". Wenn Lafontaine nur etwas zulegt, landet Maas auf Platz zwei. Dann muss der einstige Lafontaine-Schützling "Heikochen" (Lafontaine) beweisen, dass er zuverlässiger ist, als die, die ihn einst im Regen stehen ließen.

Kann er denn garantieren, nicht nach dem Wahlabend doch nach links umzuschwenken, um Regierungschef zu werden? Maas guckt wieder so, als ginge ihm irgendetwas nicht schnell genug. "Weil ich Lafontaine so lange kenne, weiß ich, was ich von ihm zu halten habe", antwortet er. Das soll vermutlich "Ja" heißen.

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