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10:15 24.01.2019
Neun Jahre Boom: Ist jetzt der Bär im Anmarsch?n Quelle: Montage: RND, Fotos: iStock
Berlin

Es ist eine ungewohnte Rolle für Angela Merkel. So viele Jahre ist sie als mächtigste Frau der Welt zum Weltwirtschaftsforum nach Davos in den schweizerischen Alpen gefahren. Als Regierungschefin des ökonomischen Riesen Deutschland. Eines Wirtschaftsmusterlandes.

In diesem Jahr aber liegen die Dinge anders. Merkels Amtszeit neigt sich dem Ende zu – und mit der guten wirtschaftlichen Lage Deutschlands könnte es noch schneller vorbei sein. Zumindest mehren sich die warnenden Stimmen.

Zwei Tage vor Merkel hatte die neue Chefvolkswirtin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Gita Gopinath, ihren großen Auftritt in Davos. Sie servierte eine Botschaft, die der Bundeskanzlerin nicht geschmeckt haben dürfte. Die Aussichten für die Weltwirtschaft seien schlecht wie lange nicht, aber besonders schlecht seien sie für Deutschland. Der Rückgang der Industrieerzeugung, die Probleme im Automobilsektor, die Abkühlung in wichtigen Exportmärkten bremsten das deutsche Wachstum, befand Gopinath und senkte die Prognose für das laufende Jahr um 0,6 Prozentpunkte auf nur noch 1,3 Prozent. Keine andere entwickelte Volkswirtschaft wurde so stark nach unten korrigiert.

Fürchtet um die üppigen Steuereinnahmen: Bundesfinanzminister Olaf Scholz. Quelle: Wu Hong/AP

Auch Bundesfinanzminister Olaf Scholz hebt bereits mahnend den Zeigefinger. „Die fetten Jahre sind vorbei“, hat der Sozialdemokrat kürzlich erklärt und ein Ende der üppigen Steuermehreinnahmen prognostiziert.

Es sind Töne, die die erfolgsverwöhnten Deutschen seit vielen Jahren nicht mehr gehört haben. Die deutsche Wirtschaft blickt zurück auf einen historischen Boom, den längsten Aufschwung seit der Wiedervereinigung. Was auch immer in der Welt gerade los war, ob Euro-Krise, Trump-Wahl, Brexit oder Handelsstreit – die deutsche Wirtschaft blieb robust auf Wachstumskurs.

Müssen die Deutschen den Gürtel enger schnallen?

Vom „German Wunder“ war die Rede. Die Arbeitslosenzahlen halbierten sich nahezu, die Steuereinnahmen sprudelten, die staatlichen Haushalte erwirtschafteten Milliardenüberschüsse.

Und nun soll das alles vorbei sein? Müssen die Deutschen den Gürtel wieder enger schnallen? Droht am Ende gar eine Rezession? Immerhin ist die Wirtschaft im dritten Quartal 2018 leicht geschrumpft, im vierten lief es nur unwesentlich besser. Sind die goldenen Jahre vorbei?

Nicht jeder ist so pessimistisch. Die Bundeskanzlerin etwa räumte in Davos ein, dass es eine Vielzahl an Herausforderungen und auch Störungen gebe. Trotzdem blicke sie optimistisch in die Zukunft. „Deutschland hat nach wie vor eine sehr starke Wirtschaft“, sagte Merkel. Wenn mehr internationale Kooperation gelinge, seien die Probleme lösbar.

„Deutschland hat nach wie vor eine sehr starke Wirtschaft“: Beim Weltwirtschaftsforum in Davos gibt sich Angela Merkel am Mittwoch zuversichtlich. Quelle: Markus Schreiber/AP

Auch die Bundesbank zeigt sich optimistisch. Die deutsche Wirtschaft habe vor allem dank eines starken Konsums gegen Jahresende die Trendwende geschafft, schreiben deren Ökonomen in ihrem aktuellen Monatsbericht. Und die Exporteure wollen von Krise schon gar nichts wissen. „Die Situation ist nicht krisenhaft”, betonte Außenhandelspräsident Holger Bingmann in einem Interview mit der „Welt“. Ein Exportwachstum um 3 Prozent in diesem Jahr sei durchaus noch drin.

Die Frage ist, was denn nun gilt: Macht die Wirtschaft eine Atempause oder steht sie vor einem Abschwung? Die Antwort fällt auch deshalb so schwer, weil mit ihr Politik gemacht wird. Finanzminister Scholz etwa dürfte bei seiner Warnung die Ausgabenwünsche seiner Kabinettskollegen und die gerade begonnenen Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst im Blick gehabt haben. Der IWF drängt die Staaten traditionell zu mehr Reformen. Und die Wirtschaft will sich nicht in die Krise quatschen lassen. Schon Ludwig Erhard, Symbolfigur des deutschen Wirtschaftswunders und der sozialen Marktwirtschaft, wusste, dass 50 Prozent der Wirtschaftsentwicklung Psychologie sind.

Die Stimmung in den Chefetagen wird schlechter

Immerhin: Es gibt einige Indikatoren, an denen man sich orientieren kann. Einer davon ist der „Baltic Dry Index“. Der beschreibt nicht etwa die Niederschlagsmenge im Ostseeraum, sondern die Frachtraten für bestimmte „trockene“ Rohstoffe, die am Anfang der Produktionsketten stehen. Bevor eine Ware hergestellt werden kann, müssen Eisenerz, Kohle, Kupfer, Zement oder Kunststoffgranulat geliefert werden. Der Trockenfracht-Index kombiniert die Frachtpreise auf den 26 wichtigsten Schifffahrtsrouten. Die Logik: Je höher der Preis für Trockenfracht, desto höher die Nachfrage, desto mehr Endprodukte sollen produziert werden. Aktuell zeigt der Index nach unten, was auf eine Abkühlung der Wirtschaft hindeutet.

Lesen Sie hier: „Außer Kontrolle“ – das sind dir größten Risiken für die Weltwirtschaft

Auch der Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts sank zuletzt stärker als erwartet. Übersetzt: Die Stimmung in den Chefetagen deutscher Unternehmen ist schlechter geworden. Gleiches gilt für den Konsumklimaindex des Nürnberger Marktforschers GfK, der die Stimmung der Verbraucher misst.

Und dann sind da noch die vielen Wachstumsprognosen. Wurden lange Raten um die 2 Prozent für möglich gehalten, hat inzwischen ein regelrechter Wettlauf um die niedrigsten Erwartungen eingesetzt. Am unteren Ende der Skala liegt inzwischen das Ifo-Institut mit einem erwarteten Anstieg von nur noch 1,1 Prozent.

Es ist längst nicht alles schlecht

Also alles schlecht? Mitnichten! Zwar haben die wichtigsten Indizes nachgegeben, sie befinden sich aber, wie der Baltic Dry, immer noch auf hohem Niveau. Und selbst die schlechteste Prognose geht von einem Wachstum und nicht von einem Schrumpfen der Wirtschaft aus. Die Unsicherheiten sind hoch, von einer Krise aber ist Deutschland weit entfernt. „Eine Rezession ist nicht zu erwarten“, sagt Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser.

Zumal einer der Hauptgründe für die Abschwächung nichts mit Weltwirtschaft, Trump oder Brexit zu tun hat, sondern damit, dass den Unternehmen die Fachkräfte fehlen, um ihre Produktionskapazitäten zu erweitern. Deshalb halten sie sich trotz wachsender Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt nicht zurück. Im Gegenteil. Viele Firmenchefs verstärken sogar ihre Anstrengungen, neue Leute zu finden.

Zum Beispiel Karsten Renz. 19 neue Mitarbeiter hat der Chef der Berliner Softwareschmiede Optimal Systems allein im Januar eingestellt. Wenn es nach ihm ginge, wären es noch deutlich mehr. „Ich würde auf der Stelle 50 neue Mitarbeiter einstellen, wenn ich die entsprechenden Bewerber hätte“, sagt Renz, der insgesamt 450 Mitarbeiter an zwölf Standorten beschäftigt. „Meine größte Konjunktursorge ist der Fachkräftemangel.“

Renz vertreibt eine Software, die Firmen, Verbänden und staatlicher Verwaltung dabei hilft, Vorgänge und Prozesse papierlos zu managen. Die Nachfrage ist so groß, dass er Kunden immer wieder vertrösten muss. „Im Moment liegt die Wartezeit nach Auftragserteilung bei neun Monaten in einigen Teilmärkten“, sagt Renz. Ihm fehlen schlicht die Leute. Händeringend sucht er nach Fachinformatikern, Softwareentwicklern, Kundenbetreuern.

Er hat einiges versucht, um neue Mitarbeiter zu finden. Zwei Angestellte durchforsten permanent die Karriereportale im Internet nach Kandidaten. Seine Personaler sind auf Bewerbungsmessen und Karriere­tagen präsent. Und natürlich schaltet er Anzeigen. In Hannover hat er sogar Busse mit Bewerbungsaufrufen bekleben lassen.

“In Belgrad ist es inzwischen deutlich einfacher, hoch qualifizierte Leute zu finden“: Karsten Renz, Inhaber einer Berliner Softwareschmiede. Quelle: privat

Auch die Rahmenbedingungen klingen gut. Renz bietet seinen Leuten geregelte Arbeitszeiten und eine angemessene Bezahlung. In der Unternehmenszentrale im feinen Berlin-Charlottenburg gibt es ein hauseigenes Fitnessstudio, Obst und Getränke sind frei. Zufriedenheit und Gesundheit seiner Mitarbeiter lässt der Chef regelmäßig in anonymen Befragungen überprüfen. Zuletzt lag die Quote der körperlichen und psychischen Fitness bei sagenhaften 96,5 Prozent.

Trotzdem braucht Renz manchmal ein halbes Jahr, ehe er eine offene Stelle besetzen kann. In seiner Not hat er eine Niederlassung in der serbischen Hauptstadt Belgrad eröffnet: „Dort ist es inzwischen deutlich einfacher, hoch qualifizierte Leute zu finden.“

Am Ende doch nur eine Atempause?

Angesichts dieser Lage sind manche Experten gar nicht so unglücklich darüber, dass die Konjunktur etwas nachlässt. Sie weisen darauf hin, dass es ungesund ist, wenn die Unternehmen dauerhaft am Limit gefahren werden.

Der Grund: Wenn Firmen nur noch damit beschäftigt sind, mit allem verfügbaren Personal Aufträge abzuarbeiten, fehlen Kapazitäten für Neuentwicklungen. Auch die Fortbildung kommt zu kurz. Das rächt sich irgendwann. Jeder Boom, so eine Ökonomenweisheit, trägt den Keim der Krise in sich.

Es kann also geradezu eine heilsame Wirkung haben, wenn die deutsche Wirtschaft nach Jahren der Dauerkonjunktur zu einem gewissen Normalmaß zurückkehrt.

Allerdings: Kommt es zum unkontrollierten Brexit oder zur Eskalation im US-chinesischen Handelskrieg, dürften alle Prognosen Makulatur sein. „Dann sprechen wir über ganz andere Zahlen“, heißt es im Finanzministerium. Ob es so kommt, weiß keiner. Da hält man sich an den Schriftsteller Mark Twain: „Prognosen sind schwierig – vor allem dann, wenn sie die Zukunft betreffen.“

Lesen Sie hier:
Das besprechen die Reichen und Mächtigen in Davos

Von Andreas Niesmann und Timot Szent-Ivanyi/RND

Der Wirtschaftsminister warnt, dass die „fetten Jahre“ der Wirtschaft vorbei sind, internationale Handelskonflikte versunsichern die Unternehmen. DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben spricht im RND-Interview über die größte Sorge der Wirtschaft – und die Aufgabe der Bundesregierung.

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