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Politik Drohende Masern-Epidemie: Bei so viel Unvernunft hilft nur noch die Pflichtimpfung
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19:14 26.03.2019
Wäre so ein Zwangs-Pieks überhaupt ethisch zulässig? Die Frage ist falsch gestellt – denn wer sich verweigert, schadet anderen. Quelle: dpa/Karl-Josef Hildenbrand
Kommentar

Als Deutschland zuletzt über eine Masern-Impfpflicht debattierte, war in Berlin gerade ein ungeimpftes Kleinkind an der Virusinfektion gestorben. In der Hauptstadt und anderen deutschen Metropolen grassierte die größte Masern-Epidemie seit der Jahrtausendwende, nicht zuletzt in bürgerlichen Vierteln der Besserverdiener.

Laut wurde beklagt, dass die Zahl der Nicht-Imunisierten zu hoch sei, um die Masern wie einst geplant bis 2015 auszurotten. Dafür müssten 95 Prozent der Deutschen geimpft sein.

Das ist jetzt vier Jahre her – und seitdem? Es gab wieder einzelne Todesfälle akut Erkrankter; an Masern-Spätfolgen starben in den zehn Jahren bis 2017 hierzulande fast 300 Menschen, und nun ist die Furcht vor einer Epidemie zurück:

In Bayern und Berlin, in Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein häufen sich die Fälle, in Niedersachsen wurden wegen einer Masernwelle gerade 107 Schüler und Lehrer vom Unterricht ausgeschlossen, weil sie nicht geimpft waren. Und wieder debattiert Deutschland, ob eine Impfpflicht helfen würde.

Jahr für Jahr neue Masern-Fälle

Wir stellen also fest: Die Debatten erreichen die Impfmuffel ebenso wenig wie beharrliche Aufrufe, doch freiwillig die Immunisierung abzuholen – für die eigene Sicherheit, mehr noch für die der eigenen Kinder und das gesamte Umfeld. Nein, sieben Prozent der Kinder und einem guten Drittel der Erwachsenen fehlt die Impfung, weil sie vergessen oder verweigert wurde.

Ein kleiner Teil mogelt sich durch auf Kosten derer, die vernünftig und verantwortungsbewusst sind – und sorgt so Jahr für Jahr für neue Masernfälle, für regelmäßige Epidemien und letztlich dafür, dass selbst die Industrieländer es nicht schaffen, die Krankheit auszurotten.

Wenn gutes Zureden nicht hilft, kann die logische Folge nur sein: Die gesetzliche Impfpflicht muss her.

Dass darüber überhaupt gestritten werden muss, ist traurig. In allen anderen Lebensbereichen gilt als ausgemacht: die eigene Freiheit und das Recht auf Selbstbestimmung, endet da, wo sie anderen schadet. Dass das bei einer der ansteckendsten Krankheit unserer Tage so ist, liegt auf der Hand.

Ammenmärchen der Impfgegner

Die Behauptung, dass Impfstoffe ähnlich riskant seien wie die Krankheit, ist längst widerlegt. Laut Robert-Koch-Institut stirbt in den Industrieländern einer von 1000 Masern-Erkrankten. In Deutschland gab es in den vergangenen Jahren mal einige hundert, mal bis zu 1500 Masernfälle. Fast alle Erkrankte waren nicht geimpft.

Weit verbreitete Folgen einer Masern-Infektion sind Folgeinfektionen wie Mittelohr- oder Lungenentzündungen, zudem besteht die Gefahr, dass Kinder nach einer überwundenen Masernerkrankung noch Jahre später an der tödlichen (!) Gehirnentzündung SSPE erkranken.

Die Zahl ernster Impfschäden ist dagegen verschwindend gering: Man geht von sieben Komplikationen auf 16 Millionen Impfungen aus: Sieben zu 16 Millionen! Im Vergleich zu einem Toten auf 1000 Masern-Infizierte!

Die „Masern-Party“ ist ein Fall fürs Jugendamt

Trotzdem kursiert im – gerade im akademischen, sonst so gesundheitsbewussten Öko-Milieu – das Ammenmärchen, Nebenwirkungen und mögliche Impfschäden seien schlimmer als eine Art Bio-Selbstinfektion, die auf einer „Masern-Party“ absichtlich herbeigeführt wird. Eigentlich ein Fall fürs Jugendamt – aber zum Glück eine seltene Ausnahme.

Traurig ist die Debatte auch deshalb, weil nichts so laut ist wie die Rufe nach Impfstoffen, so lange es noch keine gibt. Jahr für Jahr werden Milliarden in die Suche nach neuen Impfstoffen für grassierende Krankheiten gesteckt; der Entdeckerin eines HIV-Impfstoffs wäre der Medizinnobelpreis sicher. Eilmeldung: Gegen Masern gibt es diesen Impfstoff bereits – er wirkt aber nur nach Verabreichung!

Ethische Bedenken gegen die Zwangsimpfung

Ebenso akademisch ist das Argument, der Deutsche sei frei geboren, um frei und ungeimpft zu leben. Wäre so ein Zwangs-Pieks überhaupt ethisch zulässig? Gegenfrage: Ist es denn zulässig, ein Kind gegen den Willen der Eltern jeden Tag stundenlang mit Fremden in einem Raum zu sperren, um ihm binomische Formeln einzuimpfen? Die Schulpflicht gibt es trotzdem.

Ist es ethisch zulässig, dass man sich in Deutschland seit den 70er Jahren im Auto festbinden muss? Obwohl man doch bis 1974 so viel davon las, dass Pkw-Fahrer gerade vom – bis dato freiwilligen – Sicherheitsgurt so ungünstig einklemmt oder von der Flucht aus dem brennenden Auto gehindert wurden, dass sie gerade wegen des Gurtes starben. Die Gurtpflicht stellt heute trotzdem niemand mehr infrage.

Deutschland hat lange genug auf Aufklärung und Vernunft gesetzt. Die Impflücken in der Bevölkerung werden immer größer, Impfgegner und Terminverschlamper sind mit Appellen offensichtlich nicht zu erreichen.

Die Gesellschaft muss jetzt die Chance nutzen, die Masern auszurotten, wie sie es zuvor auch mit Krankheiten wie den Pocken geschafft hat – und das geht eben nur mit einer Impflicht. Die Vergesslichen freuen sich womöglich sogar über die Erinnerung, und die Skeptiker können sich zumindest mittelfristig freuen: Der Zwang und die Impfrisiken erledigen sich bald von selbst, wenn wir jetzt Verantwortung übernehmen.

Man kann das Ganze aber auch anders sehen...

Mit der Impfpflicht kommt nur der Widerstand – mehr nicht. Meint Jan Sternberg. Wer vermeiden will, dass die Debatte weiter eskaliert, sollte alles tun, was zu besserem Impfschutz beiträgt – außer staatlichen Zwangsmaßnahmen.

 

Eine Impfpflicht würde nur eines bewirken – Widerstand

Lesen Sie auch: Experten warnen: Masern-Impfpflicht könnte kontraproduktiv sein

Von Steven Geyer/RND

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