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Politik Klagelied eines Enttäuschten
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10:29 11.11.2014
Von Reinhard Urschel
Ein Gescheiterter? Der frühere sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow, einer der Väter der deutschen Einheit, fühlt sich und sein Volk vom Westen verraten.
Ein Gescheiterter? Der frühere sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow, einer der Väter der deutschen Einheit, fühlt sich und sein Volk vom Westen verraten. Quelle: dpa
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Berlin

Die Vorstellung von jenem Mann, der am Montagabend bei Angela Merkel zu Gast war, könnte kaum schillernder sein. Die Deutschen lieben ihn. Beim Festakt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt ist die feine Gesellschaft am Vortag aufgestanden von ihren Sitzen, um ihm zu applaudieren. Sie hat sich erhoben für Michail Gorbatschow, für niemanden sonst.

Es hat der Begeisterung der Ehrengäste keinen Abbruch getan, dass Gorbatschow seit Tagen einem Mann das Wort redet, der in Berlin derzeit nicht gerade wohlgelitten ist. Ausgerechnet Michail Gorbatschow wirbt für Wladimir Putin. Der Mann, der das Ende der Unterdrückung in der Sowjetunion eingeleitet hat, predigt Verständnis für den Mann, der hart errungene Freiheiten in Russland wieder beschneidet. Der fremdes Territorium annektiert. Der ihn selbst verächtlich gemacht hat. Und dem er mit beißender Zunge darauf geantwortet hat.

Vor wenig mehr als einem Jahr, Putin machte in Moskau gerade Jagd auf die Nichtregierungsorganisationen, die in Moskau für Menschenrechte und Demokratie einstehen, schleuderte Gorbatschow dem Präsidenten entgegen: „Wer eine Diktatur will, der soll dorthin gehen, wo es eine Diktatur gibt.“ Noch schärfer: „Wladimir Putin und andere, die glauben, dass es ein Zurück zu den alten Methoden des Angsteinjagens und des  Regierens durch Angst gibt, müssen lernen: Das wird nicht funktionieren.“

Nun aber lässt er, schon vor seiner Ankunft in Berlin und danach bei jeder Gelegenheit, Sätze wie diese fallen: „Ich werde Russland und seinen Präsidenten Wladimir Putin entschlossen verteidigen.“ Und: „Ich bin absolut überzeugt, dass Putin heute besser als jeder andere die Interessen Russlands verfolgt.“

Was hat sich so geändert in diesem einen Jahr?

Nicht wenige der Ehrengäste beim Mauerfalljubiläum im Konzerthaus haben Tränen der Rührung in den Augenwinkeln, schon bei der Nennung seines Namens. Ein Menschenfänger soll Michail Gorbatschow sein. Sein großer deutscher Freund Helmut Kohl verglich ihn dank dieser Eigenschaft einst mit dem Nazi-Demagogen Joseph Goebbels. Er musste den unsäglichen Vergleich sofort zurücknehmen. Viel später urteilte Kohl, letztlich sei Gorbatschow „ein großer Gescheiterter“. Ist er das heute, ein Gescheiterter, der im Herbst seines Lebens die Scherben seiner Politik wenigstens teilweise kitten möchte? So oder so: Schon lange hatte die Bundeskanzlerin keinen spannenderen Gast bei sich im Amt als diesen kleinen, rundlichen Herrn mit dem onkelhaften Charme.

Als der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit als Begrüßungsredner einflocht, dass ihn die Deutschen gerne liebevoll „Gorbi“ nennen, verzog der einstmals mächtige, erste und letzte Präsident der Sowjetunion keine Miene. Die Verniedlichung seines Namens mag Gorbatschow nicht mehr, sie ist seinem Ansehen in der patriarchalischen russischen Gesellschaft nicht dienlich. Und etliches von dem, was der 83-Jährige heute tut und sagt, dient ihm selbst dazu, sein ramponiertes Ansehen in der Heimat wiederherzustellen. Dort gilt der in Deutschland am meisten geliebte Russe vielen als „Totengräber der Sowjetunion“. Dort muss er um sein Erbe, seinen Ruf kämpfen. Auch mit Reden im Ausland.

Als die Berliner Mauer fiel, herrschte in Moskau tiefste Nacht. Gorbatschow hat angeblich geschlafen. Seine Assistenten weckten ihn nicht, dafür erschienen ihnen die Ereignisse nicht wichtig genug. Er erfuhr davon erst am Morgen und beschloss, dass sich die Sowjetunion mit ihren in der DDR stationierten Truppen nicht einmischen würde. Der Fall der Mauer hat die meisten Russen damals überrascht. Zwar freuten sie sich durchaus mit den Deutschen, die nun wieder zueinanderkommen konnten, doch das Ereignis schien letztlich weit weg – und wurde von den dramatischen Ereignissen im eigenen Land überschattet.

In den Augen von Gorbatschows Gegenpart Kohl hat dieser bei der Herstellung der Einheit, die dem Fall der Mauer ja nicht zwangsläufig gefolgt ist, eine zwar tragende, aber keine nachhaltige Rolle gespielt: „Von Gorbatschow bleibt übrig“, zitiert der Memoiren-Ghostwriter Heribert Schwan aus den Oggersheimer Kellergesprächen mit Kohl, „dass er den Kommunismus abgelöst hat, zum Teil wider Willen, aber de facto hat er ihn abgelöst. Ohne Gewalt. Ohne Blutvergießen. Sehr viel mehr, was wirklich bleibt, fällt mir nicht ein.“ Nun, es hätte der Friedensnobelpreis sein können, der ihm einfiele. Gorbatschow erhielt ihn im Jahr der Einheit, Kohl ist er bislang verwehrt geblieben, aber der Altkanzler beharrt darauf: „Ja sicher. Er ist gescheitert, gewiss.“ Die deutsche Einheit, da ist sich der Altkanzler heute sicher, war keine Morgengabe Gorbatschows, sondern die Folge eines ökonomischen Desasters: „Er ging über die Bücher und musste erkennen, dass er am Arsch des Propheten war und das Regime nicht halten konnte.“

Einmal abgesehen von der grenzwertigen Wortwahl: Kohl liegt richtig, sowohl was die DDR, als auch was die Sowjetunion betrifft. Im Jahr zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung hatte Gorbatschow zu Hause gravierende Probleme zu lösen – die sowjetische Wirtschaft war am Ende, und das Land drohte bereits auseinanderzufallen.

Die Wiederkehr des Kalten Krieges?

Wenn Gorbatschow, wie übrigens auch der Präsident Putin, heute wieder vom „Kalten Krieg“ spricht, dann muss man eines berücksichtigen: In russischen Medien und im russischen Geschichtsbewusstsein wird die deutsche Wiedervereinigung vom Ende des Kalten Krieges getrennt. Der Fall der Mauer wird auch heute noch als Glücksmoment dargestellt. Das weltgeschichtliche Beispiel lässt sich schließlich – wenn auch zynisch verfremdet – für eigene Propaganda nutzen. In seiner Rede nach der Krim-Annexion verglich Putin den Anschluss von ehemaligen sowjetischen Gebieten an das heutige Russland mit der deutschen Wiedervereinigung. Seitdem ist dieses Argument in Russland oft zu hören. Für die globalen Entwicklungen und Verwerfungen nach dem Ende des Kalten Krieges werden hingegen vor allem die Vereinigten Staaten von Amerika verantwortlich gemacht.

Wenn Russen heute den Namen Gorbatschow noch erwähnen, dann sprechen sie häufig vom bitteren Gefühl enttäuschter Hoffnung. Die einen fühlen sich nach dem Scheitern von „Glasnost“ und „Perestroika“ an die Sowjetunion erinnert, wenn die demokratischen Freiheiten in Russland immer weiter eingeschränkt werden und der Graben zum Westen immer tiefer wird. Die Konservativen wiederum wappnen sich schon für eine neue Konfrontation.

Gorbatschow hat in seinen Reden während dieses Festwochenendes in Berlin dem Gefühl von Beleidigung Ausdruck verliehen. Schon 2008 hatte sich der politische Pensionär bei einem deutsch-russischen Forum über seinen Nachfolger Boris Jelzin beklagt, der in Russland vieles zerschlagen habe, was Putin jetzt wieder mühsam aufbauen müsse – auch die staatliche Einheit Russlands mit dem, was heute Weißrussland und die Ukraine ist. Mit Blick auf den Ukraine-Konflikt sagte er nun: „Die Welt ist an der Schwelle zu einem neuen Kalten Krieg. Manche sagen, er hat schon begonnen.“ Die Schuld daran trage der Westen. „Ich bin überzeugt, dass das Problem der Ukraine nur ein Vorwand für die Vereinigten Staaten ist, sich einzumischen in die Angelegenheiten anderer Länder.“

Die vergangenen Monate hätten einen „Zusammenbruch des Vertrauens“ erlebt. Dem Westen wirft Gorbatschow vor, seine Versprechen nach der Wende 1989 nicht gehalten zu haben. Die USA hätten sich zum Sieger im Kalten Krieg erklärt und Vorteile aus Russlands Schwäche gezogen. Die Vertrauenskrise belaste auch die Beziehungen zu Deutschland. „Lasst uns daran erinnern, dass es ohne deutsch-russische Partnerschaft keine Sicherheit in Europa geben kann.“

Wer genau hingehört hat, der hat aus all diesen Worten neben der Verteidigung Putins die grenzenlose Enttäuschung Gorbatschows über seine eigene gescheiterte Politik herausgehört – und das fehlende Verständnis im Ausland für die innenpolitischen Nöte in seiner Heimat.

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