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Politik Kim Jong Il provoziert mit weiterem Atomtest
Mehr Welt Politik Kim Jong Il provoziert mit weiterem Atomtest
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21:52 25.05.2009
Zynischer Machtstratege: Kim Jong Il
Zynischer Machtstratege: Kim Jong Il Quelle: afp/KCNA
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1964, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, erteilte der Regisseur Stanley Kubrick der Welt eine Lektion in Sachen Galgenhumor. Sein Film „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ wurde über Nacht zum Referenzwerk über den Wahnsinn des atomaren Kräftemessens, wobei vielen Kinobesuchern bewusst war, dass die Satire in gewisser Hinsicht mehr über die Wirklichkeit verriet als alle Zeitungsberichte. So grotesk die Geschichte und ihre Figuren – allen voran der altfaschistische Nuklearexperte Dr. Seltsam – auch sein mochten, so nah war das Ergebnis an der Realität des globalen Countdowns.

Nordkoreas Diktator Kim Jong-il und Dr. Seltsam haben einiges gemeinsam: Das bizarre Auftreten und der abstruse Erlöserkult des „Geliebten Führers“ können es mit jeder Filmerfindung aufnehmen. Doch Kim ist hier und jetzt, und anders als Dr. Seltsam ist er kein irres Genie, sondern ein skrupelloser Machtstratege, der ein Volk von 24 Millionen Menschen als Geisel hält, um das Überleben seines ausbeuterischen Regimes zu sichern. Mit seinem zweiten Atombombentest hat er nun demonstriert, dass er ernst genommen werden will – ernst genommen als Bedrohung. Etwas anderes hat er nicht zu bieten, weder der Welt noch seinem eigenen Volk.

Als die amtliche Nachrichtenagentur KCNA am Montag meldete, Nordkorea habe „am 25. Mai erfolgreich einen weiteren unterirdischen Atomtest als Teil seiner Maßnahmen zur Stärkung seiner nuklearen Abschreckung und Selbstverteidigung durchgeführt“, war die Aufregung in der Welt groß. US-Präsident Barack Obama sprach von einer „direkten und waghalsigen Herausforderung“, mit der sich Nordkorea weiter isolieren werde.

Wie Obama geißelte auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso die „eklatante Verletzung“ der einschlägigen Resolutionen des UN-Sicherheitsrats. Russlands Außenminister Sergej Lawrow bezeichnete Pjöngjangs Vorgehen als „Eskalation“ und „Sicherheitsbedrohung“. Die Nachbarländer Japan und Südkorea schlugen in dieselbe Kerbe. Der südkoreanische Außenminister Yu Myung Hwan nannte das Verhalten des Nordens „eine unmittelbare Bedrohung des Friedens und der Stabilität in der Region und auf der ganzen Welt“.

Ähnliche Erklärungen wurden auch schon nach den früheren nordkoreanischen Atom- und Raketentests abgegeben. Genützt haben sie offensichtlich nichts. Nach dem ersten Atomtest 2006 hatten die Vereinten Nationen Sanktionen gegen Nordkorea verhängt. Im April dieses Jahres startete Nordkorea eine Langstreckenrakete. Nach ihrer Verurteilung im UN-Sicherheitsrat kündigte die kommunistische Regierung die Wiederaufnahme ihres Atomprogramms und den Boykott der Sechs-Parteien-Gespräche mit Südkorea, Japan, China, Russland und den USA an.

Erst Anfang dieses Monats sprach das Regime in Pjöngjang von einem Ausbau seines Atomwaffenarsenals. Die feindliche Haltung der USA dauere weiter an, erklärte das Außenministerium damals. Der US-Sondergesandte für Nordkorea, Stephen Bosworth, hatte dem Land daraufhin mit „Konsequenzen“ gedroht, sollte es zu einem neuen Atomwaffentest kommen.

Statt abzurüsten, brüstet sich Nordkorea mit seinen Fortschritten auf dem Gebiet der Nukleartechnik. Das Experiment vom Montag sei auf einer neuen und höheren Ebene erfolgt als der letzte unterirdische Kernwaffentest im Oktober 2006 – sowohl was das technische Potenzial als auch was die Sprengkraft betrifft.

Die Rolle des globalen Erpressers spielt Diktator Kim mit realpolitischer Bravour. Seit Jahrzehnten wiederholt er regelmäßig seine Ankündigungen, Nuklearwaffen bauen zu wollen. Denn wer aufrüstet, kann auch wieder abrüsten und sich dafür von der Weltgemeinschaft belohnen lassen – mit Öl, Hilfslieferungen und Devisen. Mit der Angst lassen sich gute Geschäfte machten.

Allerdings muss Kim jedes Mal ein wenig mehr von seinen Folterinstrumenten zeigen. 2006 testete er erstmals einen Sprengkopf und handelte hinterher im Rahmen der Pekinger Sechs-Parteien-Gespräche mit China, den USA, Südkorea, Japan und Russland eine Rekordentschädigung für das Versprechen aus, sich auf den Weg der Denuklearisierung zu begeben. Dass er diesen Pfad nicht weit gehen würde, war abzusehen, zumal Experten schnell erkannten, dass sein atomares Drohpotential eher psychologischer als militärischer Natur war. Denn der unterirdische Test entpuppte sich nur als Teilerfolg. Wahrscheinlich hatte die Zündung nicht richtig funktioniert. Damit war Nordkoreas Armee noch weit davon entfernt, eine Trägerrakete mit einem Sprengkopf einzusetzen.

Inwiefern Kim mit dem zweiten Test seinem Ziel, eine ernstzunehmende Nuklearmacht mit jederzeit einsetzbarem Zerstörungspotential zu werden, näher gekommen ist, werden Spezialisten in den kommenden Tagen zu ermitteln versuchen. Weil auf ihre Erkenntnisse allerdings nur begrenzt Verlass ist, muss die Welt wohl den schlimmstmöglichen Fall annehmen. Dieser besteht nicht einmal darin, dass Kim tatsächlich die Einsatzbereitschaft seiner Bombe erreicht. Weitaus dramatischer wäre Experten zufolge die Gefahr, wenn Nordkorea seine Atomwaffen an andere Länder weitergeben würde. Dass Kontakte zu Terrorkreisen bereits existieren, gilt als gesichert.

Der Spielraum der Weltgemeinschaft ist begrenzt. Viele Experten meinen, den großen Mächten wird nichts anderes übrig bleiben, als wieder einmal auf Kims Forderungen einzugehen und ihm damit unfreiwillig zu helfen, seine Herrschaft zu sichern. Zwar wird der UN-Sicherheitsrat, der noch am späten Abend getagt hat, erneut mit Sanktionen drohen und vielleicht sogar einige Zwangsmaßnahmen beschließen. Doch über symbolische Akte wird das Engagement nicht hinausgehen. Denn nicht nur für Nordkoreas Schutzmacht China, sondern auch für Südkorea, die USA und Russland ist der Status quo noch das kleinste Übel.

An einem Regionalkonflikt hat niemand ein Interesse. So hat Kim gelernt, seine Atomwaffen als Lebensversicherung für sein Regime einzusetzen. Sie schützen ihn vor militärischen Angriffen von außen und versorgen ihn mit den notwendigen Ressourcen, um die Eliten bei Laune zu halten. Kein Wunder, dass Kim seine Bombe liebt.

von Bernhard Bartsch