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Politik Keine Schläge und Tritte für Naveed B.
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16:06 30.12.2016
Der falsche Mann: Dem „Guardian“ berichtete Naveed B. von seinen vorgeblichen Erfahrungen mit den deutschen Behörden. Quelle: Guardian/Screenshot
Berlin

Die Bilder sind noch gut im Gedächtnis – der Verdächtige, der im schummrigen Licht der Straßenlaternen mit einem Sack über dem Kopf auf der Rückbank eines Polizeiwagens sitzt. Als schnellen Fahndungserfolg hatten sie Naveed B. am 19. Dezember präsentiert – als den Mann, der mit einem LKW über einen Berliner Weihnachtsmarkt fuhr und dabei 12 Menschen tötete und etliche verletzte – im Auftrag des IS.

Es war ein kurzer Moment des Triumphs, denn nur wenige Stunden später stand fest, sie hatten den Falschen. Nach seiner Freilassung sprach kaum einer mehr über den in Pakistan geborenen Flüchtling, der bis zu diesem Vorfall in einer Flüchtlingsunterkunft am Berliner Flughafen Tempelhof lebte. Seit dem Zwischenfall am Rande des Berliner Weihnachtsmarkt-Anschlags lebt Naveed B. an einem unbekannten Ort – zu seinem Schutz. Gegenüber dem „Guardian“ hat der 24-Jährige seine ganze Geschichte der Nacht auf den 20. Dezember erzählt.

Schläge für den falschen Mann

Die Beamten hätten zunächst seine Ausweispapiere kontrolliert, er sei gerade von einem Freund gekommen und habe eine Straße in Berlins Zentrum überquert. Danach hätten sie ihn laufen lassen, aber nur für ein paar Sekunden, dann habe er sich auf dem Rücksitz eines Streifenwagens wiedergefunden. Mit Blaulicht und in rasender Fahrt ging es durch die Straßen Berlins. Die Hände habe man ihm auf dem Rücken fixiert, später auch seine Augen verbunden, als man ihn von einer Polizeistation an einen etwa zehn Minuten entfernten Ort gebracht habe. Zwei Beamte hätten ihm ihre Schuhabsätze in die Füße gebohrt, ein anderer großen Druck mit einer Hand auf seinen Hals ausgeübt.

Und nicht nur das: Er habe sich ausziehen müssen und dann hätten sie Fotos von ihm gemacht. Als er sich dagegen wehren wollte, hätten ihn die Beamten geschlagen. Der Name Naveed B., ein 24-jähriger Pakistani und Hauptverdächtiger des Berliner Weihnachtsmarkt-Anschlags, war kurz darauf in aller Munde. Der Polizei, dem Innenminister und einem offenbar etwas übereifrigen Zeugen, der B. angeblich verfolgt und als Attentäter ausgemacht hatte, sei Dank.

Polizei dementiert entschieden und glaubwürdig

Doch an den Schilderungen B.s gibt es substanzielle Zweifel. Entschieden weist die Berliner Polizei die Vorwürfe zurück. „Das hat nicht den Hauch von Substanz“, sagte der Sprecher der Berliner Polizei, Winfrid Wenzel, am Freitag. „Der Mann ist definitiv von keinem Mitarbeiter misshandelt worden.“ Die Polizei sehe sich in ihrer Arbeit diskreditiert. „Das tut uns richtig weh.“

Der Pakistaner war kurz nach dem Anschlag am 19. Dezember auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche festgenommen worden. Er kam schnell wieder frei, weil er der falsche Verdächtige war. Der mutmaßliche Attentäter Anis Amri wurde später in Italien erschossen.

Die britische Zeitung „The Guardian“, die nach eigenen Angaben mit dem 24-Jährigen gesprochen hatte, hatte über angebliche Schläge gegen den Festgenommenen berichtet.

B. betonte gegenüber der Polizei, nicht misshandelt worden zu sein

Laut Sprecher Wenzel hat die Polizei nach Veröffentlichung des Interviews am Freitag mit dem Pakistaner – mit Hilfe eines fachkundigen Dolmetschers – zu dem Fall gesprochen. Der Mann habe selbst betont, dass er weder geschlagen, misshandelt oder verletzt worden sei.

Vielmehr habe sich der Mann dankbar für die Unterstützung gezeigt. So seien eine neue Unterkunft und Kleidung organisiert worden. Zudem könne er jederzeit anrufen, wenn er sich bedroht sehen sollte. Zudem gebe es seit Tagen einen „sehr guten, wechselseitigen Kontakt“. Zuvor hatte auch der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, gegenüber dem RND ausgeschlossen, dass B. geschlagen worden sein könnte.

Von RND/caro

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