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Politik Kämpfer für Europa: Jürgen Habermas wird 90
Mehr Welt Politik Kämpfer für Europa: Jürgen Habermas wird 90
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10:00 15.06.2019
Jürgen Habermas ist keiner, der mit der Machete antritt. Er bevorzugt das Florett – und setzt auf den Diskurs der aufgeklärten Bürger. Quelle: Martin Gerten/dpa
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Hannover

Er kann es nicht lassen – selbst im hochbetagten Alter. Zwei dicke Bände mit insgesamt 1700 Seiten sind von Jürgen Habermas für September beim Suhrkamp Verlag angekündigt. Eine Geschichte der Philosophie. Am kommenden Dienstag wird Deutschlands weltweit bekanntester lebender Philosoph 90 Jahre alt.

„Auch eine Geschichte der Philosophie“ lautet der auf den ersten Blick recht bescheiden daherkommende Titel. Doch zu erwarten ist ein Werk über das Verhältnis von Glauben und Wissen in der Geschichte des Abendlandes – also eine systematische Darstellung, wie sich schrittweise eine Vorstellung von Vernunft und Freiheit entwickelte, die das Leben in den modernen Gesellschaften von heute prägt.

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Wir werden also einen neuen Anlauf in dem weitgefächerten Werk des sich immer als politisch verstehenden Philosophen lesen können, in dem er uns wieder einmal zeigen wird, warum es gute Gründe gibt, auf die Vernunft zu vertrauen und auf eine bessere Welt zu hoffen.

Habermas hat es nie allein im akademischen Elfenbeinturm ausgehalten

Ein fast schon vermessen wirkendes Unterfangen angesichts des aktuellen Zustandes der Welt, in der Politiker ungeniert Fakten wie die Klimakrise leugnen, nationalistische Ressentiments wieder hochkochen und internationale Einrichtungen zur Friedenssicherung wie die Uno an Einfluss verlieren. Und selbst Habermas’ Herzensprojekt – die Europäische Union – läuft Gefahr, sich selbst zu zerlegen.

Habermas lässt sich davon nicht beirren. Der bedeutendste lebende Vertreter der sogenannten Kritischen Theorie der Frankfurter Schule hat schon immer auf die Vernunft gesetzt. Und schon deshalb konnte es der Wissenschaftler Habermas im akademischen Elfenbeinturm allein nicht aushalten. Wie kaum ein anderer Intellektueller der westdeutschen Nachkriegsgeneration hat er sich in öffentliche Debatten eingemischt.

Der Denker, der sich jenseits des akademischen Alltags und der politischen Öffentlichkeit als frivoler Zeitgenosse mit einem warmen schallenden Lachen zeigt, ist in den vergangenen Jahrzehnten kaum einer politischen Auseinandersetzung ausgewichen. Bis heute schaltet er sich regelmäßig in Debatten ein, sei es in der Wochenzeitung „Die Zeit“, sei es in der von ihm mitherausgegebenen Monatszeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“.

Florett statt Machete

Habermas ist dabei keiner, der mit der Machete antritt. Der in Düsseldorf geborene und heute in Starnberg bei München lebende Gesellschaftstheoretiker bevorzugt das Florett. Seine Argumentationsketten sind komplex, seine Urteile differenziert, und doch geht es ihm meist um Grundsätzliches.

Den revoltierenden Studenten von 1968 warf er trotz aller Sympathie für die antiautoritäre Bewegung wegen ihres blinden Vertrauens in die marxsche Theorie und die Macht der Massen „linken Faschismus“ vor und hielt ihnen die humanistischen Werte der westlichen Welt entgegen.

Genau auf diese Werte bezog er sich auch rund 30 Jahre später, als er den USA wegen des Irak-Krieges Missachtung des Völkerrechtes vorwarf. „Die normative Autorität der USA liegt in Trümmern“, diagnostizierte Habermas damals.

Jürgen Habermas, Sozialphilosoph und Soziologe der "Frankfurter Schule", aufgenommen im August 1981 in seinem Haus in Starnberg. Vor aktuellen Fragen hat sich Habermas nie gedrückt. Quelle: Roland Witschel/dpa

Habermas hat einen klaren moralischen Kompass, wenn er sich zu Gentechnologie oder Asylrecht äußert. Er pocht auf die Dringlichkeit eines historischen Bewusstseins, wenn er – wie in den Achtzigerjahren im berühmten Historikerstreit – auf der Einzigartigkeit von Auschwitz und der daraus resultierenden besonderen politische Verantwortung der Deutschen beharrt.

Er appelliert an die politische Vernunft, wenn er sich zum Zustand der deutschen Einheit oder zur Euro-Krise äußert. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund: Angesichts eines erstarkten Rechtspopulismus in Europa warf er Linken und Sozialdemokraten im vergangenen Jahr vor, sie würden „ihre Wähler normativ unterfordern“.

Dass Habermas sich immer wieder so selbstbewusst ins Handgemenge der politischen Debatten stürzte, hat freilich mit der wissenschaftlichen Seite seines Denkerdaseins zu tun. Seit seiner berühmten Habilitation über den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ kreiste sein Denken um die Logik öffentlicher Debatten. Der Kerngedanke: Es gibt einen „seltsam zwanglosen Zwang“ des besseren Argumentes.

Die Vernunft ist in die Sprache eingebaut

Warum das so ist, hat Habermas Anfang der Achtzigerjahre in seinem philosophischen Hauptwerk „Theorie des kommunikativen Handelns“ zu belegen versucht. In einer Auseinandersetzung mit den neomarxistischen Ansätzen seiner Lehrer Max Horkheimer und Theodor W. Adorno und sprachphilosophischen Positionen aus Großbritannien und den USA entwickelte er eine Theorie, die darauf fußt, dass die Sprache selbst von vornherein auf vernünftige Verständigung hin angelegt ist.

Argumentieren heißt demnach Gründe anzuführen, die in einem diskursiven Verfahren infrage gestellt und verworfen oder bestätigt werden können. Dies gilt für Tatsachenbehauptungen wie für ethische Bewertungen. Kurz: Die Vernunft ist in die Sprache eingebaut.

Habermas setzt auf den Diskurs der aufgeklärten Bürger

Auf dieser Einsicht, an der heute kein konkurrierender philosophischer Ansatz vorbeikommt, basiert Habermas’ Gesellschaftskritik, die sich gegen die Zumutungen einer bürokratischen, kapitalistischen Welt richtet. So ist es nur konsequent, wenn er etwa die bis heute nicht ausgestandene Euro-Krise – das hoch verschuldete Italien lässt grüßen – als eine nicht allein ökonomische, sondern vor allem moralische Krise deutet, die nur durch ein Mehr an Demokratie überwunden werden könne.

Nur die demokratische Mitwirkung werde den Bürgern zu einer europäischen Identität verhelfen, hofft Habermas. Angesichts des derzeitigen Zustandes der EU sind Zweifel angebracht, ob es jemals so weit kommen wird, oder ob nicht die unterschiedlichen nationalen Egoismen das ganze Unternehmen früher oder später in die Luft jagen.

Vertraut man allerdings auf Habermas, wird sich die Vernunft früher oder später durchsetzen. Er setzt auf den Diskurs der aufgeklärten Bürger. Hoffen wir, dass er recht behält – und dass er noch lange dafür streiten kann.

Von Mathias Richter

Der Artikel "Kämpfer für Europa: Jürgen Habermas wird 90" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.