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06:35 17.10.2014
Von Thorsten Fuchs
Dirigierte er Titos Killerkommandos? Josip Perkovic.
Dirigierte er Titos Killerkommandos? Josip Perkovic. Quelle: dpa
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Hannover

Die Anrufe kamen nachts. Meist hörte Petar Hinic am anderen Ende nur Atmen. Selten, dass jemand etwas sagte. Wenn, dann waren es Sätze wie diese: „Wir kriegen dich.“ Oder: „Du bist der Nächste.“ Der Nächste, den wir töten, sollte das heißen. Psychoterror, Drohungen, Anschläge, das war der Alltag für Petar Hinic in den siebziger und achtziger Jahren. „Ich war ein Ziel der Spione“, sagt er.

Petar Hinic ist ein weißhaariger Herr von 76 Jahren. Er spricht Deutsch mit kroatischem Akzent und schwäbischem Einschlag. Ein betont seriöser Herr, oft trägt er Anzug. Sein politisches Engagement konzentriert sich heute auf den Beirat seines Wohnorts Stuttgart-Zuffenhausen. Damals, nach seiner Flucht in die Bundesrepublik 1961, stritt er zusammen mit vielen anderen Exilkroaten von Deutschland aus gegen Menschenrechtsverletzungen in seiner alten Heimat – und geriet so in das Visier des jugoslawischen Geheimdienstes Udba.

Dass dessen Agenten die Drohungen ernst meinten, daran hatte Hinic keine Zweifel. Einmal zündeten sie eines jener Jeansgeschäfte an, die der Kaufmann in Stuttgart betrieb. „Die Polizei fand keinen Täter, aber die Handschrift war eindeutig“, sagt Hinic. Die Udba schreckte auch vor Mord nicht zurück. Im Frühjahr 1983 ruft Hinic seinen Freund Stjepan Durekovic an, einen bekannten oppositionellen Exilkroaten in Deutschland. Er glaubt, dass Durekovic in Gefahr ist, er wird in jugoslawischen Zeitschriften scharf kritisiert.

„Die haben es auf dich abgesehen“, sagt Hinic. Aber er kann seinen Freund nicht retten. Am 28. Juli 1983 wird Stjepan Durekovic vor seiner Garage im Münchener Vorort Wolfratshausen erschossen. In der Garage stehen Druckmaschinen, auf denen er seine antikommunistischen Broschüren herstellte.

31 Jahre später beschäftigt der Mord an Stjepan Durekovic jetzt  die deutsche Justiz. Heute beginnt vor dem Oberlandesgericht München der Prozess gegen Josip Perkovic und Zdravko Mustac, zwei frühere Geheimdienstoffiziere, die die Generalbundesanwaltschaft wegen Beihilfe zum Mord an Hinic’ Freund Durekovic angeklagt hat. Eine Verurteilung wäre ein Schlussstrich unter diesen Fall – aber nicht unter die wohl längste unaufgeklärte Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Tatsächlich ist der Fall Durekovic nur ein Ausschnitt aus einer mehr als zwei Jahrzehnte währenden Reihe regelrechter Hinrichtungen führender kroatischer Oppositioneller in Deutschland. Es begann 1967 auf einem Feldweg nahe Stuttgart mit mehreren Schüssen auf einen kroatischen Gastwirt aus Schwenningen. Bis 1989 folgten rund 30 Morde an kroatischen Dissidenten. Es gab einige wenige Urteile deutscher Gerichte, die Auftraggeber und wahren Verantwortlichen blieben jedoch stets unbehelligt. Dabei hat die deutsche Justiz schon seit Längerem keine Zweifel, wer hinter den Morden steckte. Bis zu seinem Tod 1980 habe der jugoslawische Staatspräsident Josip Broz Tito „allein entsprechende Verfügungen“ getroffen, urteilte das Oberlandesgericht München in einem Urteil gegen einen Komplizen im Fall Durekovic schon 2008. Auch danach habe die jugoslawische Führung weiter ihre Killerkommandos Richtung BRD geschickt.

Ihre Ziele waren selbst keine Engel der Gewaltlosigkeit. Das Opfer sei ein führendes Mitglied einer kroatischen Emigrantenorganisation gewesen, „die den bewaffneten Aufstand gegen die jugoslawische Regierung vorbereitet und in großem Umfang illegale Waffeneinkäufe getätigt hat“, erklärte das Schwurgericht Karlsruhe in einem Fall 1975. Auf deutschem Boden glaubten sich die Regimegegner sicher – zu Unrecht.

Mit Waffen habe er nichts zu tun gehabt, beteuert Hinic. „Ich habe nur mit Worten gekämpft.“ Gefährdet war er dennoch. Einmal, er war auf einem Kongress, rief jemand seine Frau an und erklärte, ihr Mann sei ums Leben gekommen – Einschüchterung der gröberen Art. Warum er dennoch gegen die Herrscher seiner alten Heimat weiterkämpfte, trotz der Drohungen, der Angst?

„Wenn man sich einmal entschlossen hat, etwas zu tun, von dem man überzeugt ist, dann kann man damit nicht mehr aufhören“, antwortet Hinic. Er war überzeugt, dass das jugoslawische Regime genauso verbrecherisch war wie die übrigen Ostblockstaaten.

Damit standen er und seine Mitstreiter allerdings im Gegensatz zur deutschen Außenpolitik. Der sozialliberalen Koalition galt Titos Jugoslawien als geschätzter Vermittler im Osten. 1974 verlieh Bundespräsident Gustav Heinemann Tito den höchsten deutschen Orden, die Sonderstufe des Großkreuzes. Killerkommandos im Auftrag Titos – das passte nicht ins Bild des gern gesehenen Gastes. Zögerte Deutschland deshalb so lange mit der juristischen Aufarbeitung? Weil – wie viele Nachkommen der Opfer noch heute vermuten – nicht sein konnte, was nicht sein durfte?

In den vergangenen Jahren war es allerdings Kroatien, das den Prozess verzögerte. Der 69-jährige Perkovic, verantwortlich für vermutlich zwei Mordanschläge in Deutschland, lebte bis vor Kurzem unbehelligt als Rentner in Zagreb. Die Fahnder kannten seine Adresse – konnten aber nichts tun, weil Kroatien bis zum EU-Beitritt im vergangenen Jahr jede Hilfe verweigerte. Selbst danach zögerte die Regierung in Zagreb noch – was einen besonderen Grund haben könnte: Der Sohn von Perkovic ist Sicherheitsberater des kroatischen Präsidenten. Dies könnte auch den 72-jährigen Mustac, der früher den jugoslawischen Geheimdienst leitete, geschützt haben.

Beide leugnen, etwas mit den Morden zu tun zu haben. Die Bundesanwaltschaft ist jedoch überzeugt, aufgrund der Aussagen eines früheren jugoslawischen Agenten genug Material zu haben – und künftig auch weitere Verantwortliche für die Mordserie hinter Gitter bringen zu können. Mijo Maric vom Kroatischen Weltkongress in Deutschland hofft nun auf eine Aufarbeitung aller Mordfälle: „Wir wollen, dass das wahre Gesicht dieser mörderischen jugoslawischen Diktatur auch in Deutschland deutlich wird.“

Seine neue Heimat, meint Petar Hinic, habe dies lange Zeit nicht wahrhaben wollen. „Die Deutschen“, sagt er, „waren einfach verblendet.“

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