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Politik Johanna Wanka ist hungrig auf spannende Aufgaben
Mehr Welt Politik Johanna Wanka ist hungrig auf spannende Aufgaben
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00:15 12.02.2013
Von Klaus Wallbaum
Johanna Wanka wird neue Bildungsministerin. Quelle: dpa
Hannover

Aufhören mit der Politik? Sich in den Ruhestand zurückziehen? Das kommt für Johanna Wanka nicht in Frage. Die knappe Niederlage der CDU bei der niedersächsischen Landtagswahl am 20. Januar war für sie deshalb auch ein Ärgernis. Sie suchte anschließend schon nach einer neuen Beschäftigung, nach einer neuen Aufgabe – vielleicht etwas fern der Politik? Wohl nicht, denn nun kommt überraschend das Angebot für die 61-Jährige, neue Bundesbildungsministerin und Nachfolgerin von Annette Schavan zu werden.

Fachlich ist sie dafür wohl bestens geeignet. Denn Wanka, die Anfang der neunziger Jahre Mathematik-Professorin im sachsen-anhaltinischen Merseburg wurde, als Hochschulrektorin arbeitete und dann Ministerin in Brandenburg wie auch in Niedersachsen war, genießt in Wissenschaftskreisen eine hohe Autorität. Außerdem beherrscht sie das politische Geschäft. Das charmante, offenherzige Auftreten paart sich mit Zähigkeit und Durchsetzungskraft in Verhandlungen. Wanka hat Mathematik studiert, sie kann mit Zahlen umgehen und versteht etwas von Haushaltsplänen – ein großer Vorteil in Etatgesprächen mit dem Finanzminister. Auch ihre Integrationskraft hat sie bewiesen. 2008 übernahm sie die Führung des völlig zerrütteten CDU-Landesverbandes Brandenburg. Die Professorin überstand die Aufgabe ohne Blessuren, war sogar als Vorsitzende von den Flügeln akzeptiert – bis dann bald nach der Wahlniederlage in Potsdam der Wechsel nach Niedersachsen kam.

Wanka ist bislang die einzige Ostdeutsche, die in einem westdeutschen Kabinett tätig war. Christian Wulff hatte sie im März 2010 nach Hannover geholt. Es wurde für die CDU ein Glücksgriff. Einen Zukunftsvertrag mit den Hochschulen, der diesen dauerhaft hohe Zuschüsse garantiert, konnte sie ebenso in die Wege leiten wie viele Investitionen in den Kulturbetrieb. Auf Bundesebene wurde ihre Erfahrung geschätzt. Noch nach der Niederlage von Schwarz-Gelb bei der Landtagswahl vor wenigen Wochen war sie weiter aktiv, führte Gespräche im Kreis der CDU-geführten Bildungsressorts der Länder über die Frage, wie der Bund künftig bei der Bildungsfinanzierung stärker eingebunden werden kann. Oder bereitete letzte Personalentscheidungen vor, beispielsweise die Leitung der „Offenen Hochschule“, die demnächst besetzt wird. Einfach die Hände in den Schoß legen – das will sie nicht.

Mit Angela Merkel hat Johanna Wanka manches gemein: Beide sind in der DDR aufgewachsen und geprägt worden, schlugen eine naturwissenschaftliche Laufbahn ein. Wie Merkel ist auch Wanka mit einem Naturwissenschaftler verheiratet: Gert Wanka ist Professor für Mathematik in Chemnitz. Die Wankas haben eine Wohnung in Potsdam, aber Johanna Wanka lebt seit ihrer Ministerzeit auch in Braunschweig. Als die CDU Anfang Januar die heiße Phase des Landtagswahlkampfs einläutete, hatte Merkel in ihrer Rede für zwei niedersächsische CDU-Politiker lobende Worte übrig – außer für McAllister, den herausgehobenen Spitzenkandidaten der Partei, auch für Wanka. Waren das schon Vorboten für den Aufstieg?

Die Politikerin kann als eine der wenigen, die als Ostdeutsche in der CDU Rang und Namen haben, auf eine vorbildlich Biographie verweisen. Der Blockpartei CDU hatte sie nie angehört, sie war in der DDR parteilos geblieben. Auf einem Bauernhof nahe Torgau im Sachsen ist sie groß geworden. Der Weg zum Abitur war ihr erst versperrt, nur wenige Kinder aus SED-treuem Elternhaus wurden dafür zugelassen. Ihre Mutter, eine resolute Frau, protestierte – bis hinauf zum DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck. Es nützte erst nichts. Dann aber war ein örtlicher Parteisekretär der Familie zu einer Gegenleistung verpflichtet – und es klappte doch noch. Johanna Wanka musste nur vorher der FDJ beitreten, ein Schritt, der ihr große Überwindung kostete.

Nach dem Abitur und schlug sie zunächst den Beruf der Agrotechnikerin ein, sattelte dann auf auf Mathematik um, da ihr logisches Denken schon immer leicht gefallen ist. Der Weg führte sie bis zur Hochschule in Merseburg. Ihr Mann und sie waren konnten als Nicht-SED-Mitglieder in der DDR keine Professoren werden. Als Assistenten wirkten sie an der Hochschule, doch die Wankas galten nicht als stromlinienförmig. Als sie Mitte der achtziger Jahre, zu Zeiten von Gorbatschows „Glasnost“, Kritik am DDR-Wehrkundeunterricht anklingen ließen, kam ein Disziplinarverfahren. Das endete mit einem Verweis, und danach wurden die Wankas in Merseburg fast wie Aussätzige behandelt. „Ich erlebte dann, wie einige SED-Funktionäre, von denen wir es nie erwartet hatte, doch zu uns standen. Seither halte ich von schlichten Schwarz-Weiß-Malereien nichts“, sagt sie.

Der SED-Staat verlangte Wanka viele Anpassungen ab, manchmal musste sie Ärger herunterschlucken. Dass sie ihren beiden Kindern, heute sind sie erwachsen, ein Schweigegelübde für die Schule auferlegen musste. Dass der Sohn nicht zur Volksarmee wollte, deshalb fast seine berufliche Zukunft verbaut hätte. Dass der Mann ihrer besten Freundin, selbst Wissenschaftler, von der Stasi unter Druck gesetzt und in den Wahnsinn getrieben wurde. Er verschwand plötzlich von der Bildfläche, bis seine Frau eines Tages die Nachricht bekam, er sei in seiner Verzweifelung von einer Autobahnbrücke gesprungen. Die Witwe hat bis heute nicht die Kraft gefunden, Einsicht in die Stasi-Akten zu nehmen und den Fall aufzuhellen. Damals bekam Wanka es mit der Angst zu tun – was geschieht mit ihr, was mit ihren Kindern, wenn sie in die Fänge der Stasi gerät?

Leute in ihrem Umfeld meinen, der eigentliche Antrieb für ihre Arbeit komme aus der Wendezeit – damals entdeckte sie für sich die Chance, gestalten zu können – frei von Angst, frei von äußerem Druck. Erst in der Hochschule, dann in der Politik. Diese Aufbruchstimmung spürt man bei ihr heute noch, mehr als 20 Jahre nach der Revolution in der DDR. Wanka, die morgens um fünf Uhr aufsteht und ständig aktiv ist, braucht Aufgaben und Ziele, freut sich über ständig neue Herausforderungen.

Was hätte sie schon alles werden können: Wissenschaftsministerin im rot-grünen, von der PDS tolerierten Sachsen-Anhalt 1994 etwa. Der damalige Ministerpräsident Reinhard Höppner (SPD) fragte die damals noch parteilose Wanka, doch sie lehnte ab. Auch in Hamburg, zu schwarz-grünen Zeiten, hätte sie ein Amt annehmen können. Damals war die Aufgabe in Brandenburg näher dran. Nun kommt, als nächster Höhepunkt der politischen Laufbahn, nach drei Jahren Niedersachsen noch die Bundesebene hinzu.

Die Verwurzelung in ihre Heimat, dem 120-Einwohner-Nest Rosenfeld in Sachsen, bleibt bis heute. Ihre Mutter, heute 89, wohnt dort noch. Beide telefonieren regelmäßig. Als in Brandenburg die Große Koalition beendet war und Ministerpräsident Matthias Platzeck über negativ über die CDU und Wanka redete, wollte das ganze Dorf einen Beschwerdebrief schreiben und an die Staatskanzlei in Potsdam schicken. „Soweit kam es dann nicht, aber die Geste ist rührend“, sagt Wanka.

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