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18:32 18.11.2014
Foto: Jörg Ziercke
 verlässt das BKA und setzt seine Energie nun für den Weißen Ring ein.
Jörg Ziercke
 verlässt das BKA und setzt seine Energie nun für den Weißen Ring ein. Quelle: dpa
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Berlin

Ziercke gilt als ein Kriminalist mit Leib und Seele. Seine Leidenschaft für den Polizeiberuf hat der 67-Jährige auch nach 47 Dienstjahren nicht verloren. Eigentlich sollte er schon vor zwei Jahren ausscheiden. Doch der damalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) mochte auf Zierckes Energie, Souveränität und Erfahrung nicht verzichten, obwohl der ein SPD-Parteibuch hat. Vom Sozialdemokraten Otto Schily an die Spitze des BKA geholt, hat der scheidende Präsident genauso loyal unter drei Christdemokraten seinen Job gemacht. Sein Interesse galt nur der Polizeiarbeit.

Und so forderte Ziercke auch zum Abschied noch einmal mehr Befugnisse für die Fahnder. Er sieht eine Schieflage, weil der Datenschutz zu stark sei und den Kampf gegen den Terrorismus zu sehr einenge. Statt über möglichen Datenmissbrauch bei Vorratsdatenspeicherung oder Online-Durchsuchung zu diskutieren, wünsche er sich eine intensive Debatte über wirklich wirksame Kontrollinstrumente. Bei seinem Amtsantritt im Februar 2004 war das Bundeskriminalamt in Aufruhr.

Innenminister Otto Schily überrumpelte die Behörde mit Hauptsitz in Wiesbaden mit Umzugsplänen. Das BKA sollte von Wiesbaden und Meckenheim nach Berlin umziehen. Die Mitarbeiter gingen auf die Barrikaden, Zierckes Vorgänger Ulrich Kersten protestierte mit. Der musste schließlich gehen – und Schily brauchte einen Nachfolger, der das aufgescheuchte BKA wieder beruhigen konnte.

Seine Wahl fiel auf den damaligen Leiter der Polizeiabteilung im schleswig-holsteinischen Innenministerium. Ziercke hatte sich dort mit einer Reform der Landespolizei und dem Ausbau der Kriminalprävention profiliert. Nach dem Abitur in seiner Heimatstadt Lübeck war er mit 20 Jahren zur Polizei gegangen, wurde Kripo-Chef in Neumünster, studierte, leitete die Landespolizeischule in Eutin, wechselte ins Kieler Innenministerium. Er galt als unideologisch, entschlossen und leistungsstark – ein Mann nach Schilys Geschmack.

Als Erfolg kann Ziercke verbuchen, dass Deutschland in seiner Amtszeit vom islamistischen Terror weitgehend verschont blieb. Dass für die jahrelange Mordserie an türkischen Mitbürgern eine rechtsextreme Terrorzelle verantwortlich war, dieser Verdacht kam auch dem Bundeskriminalamt nicht. Das NSU-Killerkommando blieb zehn Jahre lang unerkannt.

Künftig wird 53-jährige Holger Münch, bisher Vize, das BKA leiten. Ziercke engagiert sich für den Weißen Ring – und zieht zurück nach Schleswig-Holstein.     

Von Arnold Petersen

18.11.2014
18.11.2014