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Politik „Jetzt reißt es uns wieder alles weg“: Die Salzburger Corona-Katastrophe
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11:41 19.11.2021
Salzburg: Menschen stehen in einer Warteschlange vor einem Impfbus.
Salzburg: Menschen stehen in einer Warteschlange vor einem Impfbus. Quelle: Barbara Gindl/APA/dpa
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Salzburg

„Bis in den Oktober war es richtig nett“, sagt Harald Kratzer, „aber jetzt reißt es uns wieder alles weg.“ Der Geschäftsführer des Salzburger Traditionsrestaurants Sternbräu sitzt am Mittag in der fast leeren Lounge seines Hauses. 58 Weihnachtsfeiern waren gebucht, 53 davon sind bislang wieder storniert worden. Kratzer wünscht sich für Salzburg das, was einen Tag später verkündet wird: „Wir brauchen jetzt einen kompletten Lockdown.“ Nur so könnten die Corona-Infektionen gebremst werden, die in Teilen Österreichs derzeit durch alle Decken knallen. Nur so wäre ein „irgendwie normaleres Weihnachten denkbar“, wie Kratzer es ausdrückt.

Tatsächlich: Am Donnerstag kündigen die Bundesländer Salzburg und Oberösterreich einen Lockdown für alle an. Dieser soll am Montag beginnen. Er werde „mehrere Wochen“ andauern, sagte der oberösterreichische Landeshauptmann – das ist der Ministerpräsident – Thomas Stelzer. Er und sein Salzburger Kollege Wilfried Haslauer hatten sich lange dagegen gesperrt, ebenso wie Österreichs neuer Bundeskanzler Alexander Schallenberg (alle ÖVP). Laut Haslauer wird der Lockdown für die gesamte Bevölkerung und alle Bereiche gelten. Am Freitag verkündete Bundeskanzler Schallenberg dann doch den Lockdown für das ganze Land – unabhängig ob geimpft oder ungeimpft.

Für maximal 20 Tage wird das öffentliche Leben in Österreich wieder massiv eingeschränkt. Die Bürgerinnen und Bürger dürfen das Haus nur noch verlassen, wenn es notwendig ist. Dazu zählen dringende Einkäufe und Erledigungen sowie der Weg zur Arbeit. Lokale und die meisten Geschäfte müssen schließen. Die Schulen bleiben zwar geöffnet, aber Eltern werden dazu aufgerufen ihre Kinder zu Hause zu lassen. Bis zum 12. Dezember sollen diese Maßnahmen laut Schallenberg gelten. Danach gelten die Beschränkungen wieder nur für den ungeimpften Teil der Bevölkerung.

Um diesen zu verringern, hat sich die Regierung für eine Maßnahme entschieden, die es so noch nicht gegeben hat: Ab dem 1. Februar 2022 gilt eine allgemeine Impfpflicht. „Das ist der langfristige Wellenbrecher“, erklärt Schallenberg diesen Schritt.

Der Salzburger Gastronom Harald Kratzer. Quelle: Patrick Guyton

Es ging offenkundig nicht mehr anders. In Salzburg ist die Sieben-Tages-Inzidenz der Infizierten pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche von knapp 1094 auf 1719 am Donnerstag in die Höhe geschnellt. Die Kliniken sind am absoluten Limit. Schon zu Beginn der Woche hatte Österreich neue Beschränkungen beschlossen: Die 2G-Regel – geimpft oder genesen – gilt in weiten Teilen des öffentlichen Lebens, ausgenommen sind nur Lebensmittelläden, Apotheken und Ähnliches. Und für Ungeimpfte gilt eine Ausgangssperre – sie dürfen die Wohnung nur für den Weg zur Arbeit, zum Lebensmitteleinkauf und für die „körperliche Erholung“ verlassen, wie es vom Gesundheitsministerium heißt.

Wir geben nicht auf.

Karl Schupfer,; Pressesprecher Stadt Salzburg

„Die Leute können keine Kleidung kaufen, nicht ins Kino, nicht ins Café, das ist schon hart“, beschreibt Karl Schupfer, der Pressesprecher der Stadt Salzburg, die Lage. Er empfängt in seinem Büro im Schloss Mirabell, einem Barockbau, in dem schon Leopold Mozart mit seinen Kindern Wolfgang und Nannerl musiziert hatte. Heute ist der Marmorsaal ein beliebter Ort für Trauungen. Schupfer hätte gerne einen Mitarbeiter des städtischen Corona-Teams für ein Gespräch organisiert. „Aber die können nicht, die arbeiten wirklich sieben Tage in der Woche fast rund um die Uhr.“ Deshalb müsse man mit ihm vorliebnehmen.

Bundesheer unterstützt bei Kontaktverfolgung

Schupfer sagt immer wieder einen Satz, fast flehend: „Wir geben nicht auf.“ Das Team aus 80 Mitarbeitern verfolgt die Kontakte der Infizierten nach, „da sind wir jetzt zwei Tage hinterher“. Das Bundesheer hat zusätzliche Helfer zur Verfügung gestellt. Sie kontrollieren die „Abgesonderten“, wie in Österreich Menschen in Quarantäne heißen. Sie klingeln immer wieder an den Türen und schauen, ob die Menschen noch drin sind. „Fast alle halten sich daran“, meint er.

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In welchem Zustand befindet sich die Gesellschaft in Salzburg derzeit? „Der Stresspegel der Leute ist hoch“, sagt der Sprecher. „Viele reagieren auf Kleinigkeiten im Alltag übertrieben, sie werden immer aggressiver.“ Die nächsten zwei bis drei Wochen seien für die Entwicklung der Pandemie entscheidend. Die Politik müsse handeln, irgendwie. Aber: „Vermeintliche Gewissheiten sind plötzlich keine mehr.“ Und Schupfer sieht auch „die Angst, falsche Entscheidungen zu treffen“.

Das alles weist doch auch sehr auf Deutschland und an das, was bevorstehen könnte. Ist Österreich der Bundesrepublik zwei, drei Wochen voraus? Die Impfquoten liegen bei deutlich unter 70 Prozent ähnlich niedrig, die Anzahl der hartnäckigen Impfgegner dürfte in etwa gleich sein, deren Begründungen für ihre Realitätsverweigerung unterscheiden sich nicht. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und andere Pandemiebekämpfer schwurbeln gerade viel rum mit immer neuen Klein-klein-Regeln, die in Gänze kaum einer mehr versteht. Einschränkungen für Geimpfte und Genesene seien unverhältnismäßig, wird immer wieder betont. Genau so besprach die österreichische Politik das Thema auch bis vor Kurzem. Welches Verfallsdatum gibt es in Deutschland?

In Salzburg wird Triage vorbereitet

„Die Planungen zur Triage in den Spitälern schockieren die Leute richtig“, beobachtet Harald Kratzer vom Sternwirt. Die Menschen in Salzburg und Umgebung würden nur mehr wenig rausgehen. Triage – das ist die medizinische Katastrophe. Es ist die Entscheidung darüber, welche Intensivpatienten bei Knappheit ein benötigtes Bett bekommen und welche nicht. Oftmals ist es eine Entscheidung über Leben und Tod. Die Kliniken im Land Salzburg haben nun ein sechsköpfiges Team benannt, das dies bestimmt, wenn es notwendig ist. So etwas gab es noch nie. Paul Sungler, Geschäftsführer der Salzburger Landeskliniken, spricht von einer „Notstandsversorgung“.

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Mit dem Problem der Triage befasst sich die Intensivmedizinerin Barbara Friesenecker aus Innsbruck schon lange. Entscheidend sei: „Wer hat die höchste Überlebenschance?“ Der bekommt das Bett, die anderen müssen auf die normale Station „und sterben dort häufig“. Es geht nicht um Dinge wie: Welcher Corona-Patient ist geimpft und welcher nicht? Und was macht man mit anderen Erkrankten etwa nach Herzinfarkten oder Schlaganfällen? Ein Impfgegner könnte also den Vorrang erhalten, auch wenn Friesenecker feststellt: „Die Ungeimpften belasten das System derzeit maximal.“ Von 22 Covid-Fällen in ihrer Klinik haben sich 18 keine Spritze geben lassen.

In den Straßen und Gassen der Salzburger Altstadt ist es schon jetzt ungewöhnlich leer. Von den Menschen, die unterwegs sind, tragen viele FFP2-Maske, auch wenn das keine Pflicht ist. In der Getreidegasse sind glitzernde Weihnachtsmänner und Engel in allen Größen und Designs ausgestellt, doch niemand ist in den Läden. Vor Mozarts Geburtshaus steht fast immer eine Schlange, jetzt ist keiner bei dem bekannten gelben Altstadthaus. „Es sind ja praktisch keine Touristen mehr da“, sagt der junge Mann, der am Eingang Tickets verkauft und die Besucher auf 2G kontrolliert.

Die Stadt erscheint im Halbschlaf. Der Kapitelplatz beim Dom ist menschenleer, auf dem Universitätsplatz stehen ein paar Marktstände aufgebaut. Und auf dem Residenzplatz mit dem marmornen Brunnen ist ein Christkindlmarkt zur Hälfte aufgebaut, von dem niemand sagen kann, ob dort in diesem Jahr je ein Punsch oder eine Bratwurst verkauft werden.

Wer 2G-Regeln missachtet, muss zahlen

Hallein, ein Städtchen 20 Kilometer südlich von Salzburg: Julian Engel ist beim Land Salzburg für die öffentliche Gesundheit zuständig und hat am späten Nachmittag zwei Polizistinnen und zwei Polizisten um sich gesammelt. Ihr Auftrag: Kontrolle der Corona-2G-Regeln, vor allem in Friseursalons und Gaststätten. „Ein Kunde muss bis zu 500 Euro Strafe zahlen, wenn er nicht geimpft oder genesen ist“, berichtet Engel, „und ein Betreiber bis zu 30.000.“

In Österreich gilt seit Montag ein Lockdown für Ungeimpfte. Polizisten kontrollieren auch auf Christkindlmärkten. Wie hier in Innsbruck. Quelle: Zeitungsfoto.At/Daniel Liebl/APA

Die Fünfergruppe macht einen entschlossenen Eindruck. Als Erstes ist ein Friseursalon dran, alle gehen in den Laden und lassen sich von den Kunden die Impfnachweise am Handy oder im Impfbuch zeigen. „Okay, passt, dankschön“, sagt Engel. Beim nächsten Friseur lassen sich zwei Männer die Haare schneiden. Der eine sagt, er sei im Juli infiziert und in Quarantäne gewesen. Eine Bescheinigung hat er aber nicht. Der andere meint, er sei geimpft, das Handy liege daheim. Engel hält eine etwas strenge Ansprache mit der Aufforderung, die Dokumente an die Polizei zu schicken. Schlechter sieht es für die Friseurmeisterin aus, die den Salon betreibt. Ihr teilt Engel mit, dass sie eine Anzeige erhalten werde – und guten Abend.

„Wir sind freundlich, wollen aber zeigen, dass es ernst ist“, sagt der Kontrolleur. Bei den weiteren Kneipen und Lokalen an diesem Abend gibt es keine Beanstandungen. Eine größere Runde sitzt in einem italienischen Restaurant vor Pizza und Scampi-Platten. „Super, dass ihr das macht, dass ihr danach schaut“, werden Engel und die Polizisten gelobt. Ab Montag ist die Gastronomie wieder zu, und in Hallein wird es am Abend noch dunkler sein als jetzt schon.

Von Patrick Guyton/RND

Der Artikel "„Jetzt reißt es uns wieder alles weg“: Die Salzburger Corona-Katastrophe " stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.