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Politik Islamabad: Hauptstadt der Festungen
Mehr Welt Politik Islamabad: Hauptstadt der Festungen
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09:54 03.01.2010
Demonstration für den Frieden in Pakistan Quelle: ap (Archiv)
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Selbstmordanschläge, geschlossene Schulen, gesperrte Straßen: Gewalt und Terror haben die einst eher verschlafene pakistanische Hauptstadt Islamabad in eine belagerte Stadt verwandelt. Taliban und Al-Kaida-geführte Aufständische haben den Krieg von der afghanischen Grenze in das politische Zentrum des Landes gebracht. So versuchen sie die Regierung zu zwingen, eine Militäroffensive in ihren Hochburgen zu stoppen.

„Die Dinge sind entsetzlich ausgeartet“, sagt der Anwalt Javeed Akhtar. Der Anschlag auf die Universität im Oktober habe „jeden erschauern lassen“, und es sei inzwischen klar, dass alles als Anschlagsziel infrage komme, erklärt er.

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Lange galt Islamabad als sicher vor der militanten Gewalt, die in anderen Städten Pakistans zum Alltag gehört. Besucher waren angetan davon, wie ruhig, geordnet und wohlhabend die Hautpstadt im Vergleich zu anderen südasiatischen Städten war. Mitte 2007 änderte sich das, als die Streitkräfte die von Aufständischen besetzte Rote Moschee Islamabads stürmten. Schüsse und Explosionen waren tagelang auch in den besten Stadtteilen zu hören, etwa 100 Menschen wurden getötet.

Die Rebellen in der von Stämmen kontrollierten Region an der afghanischen Grenze schworen daraufhin Rache und begannen eine Kampagne gegen alle Ziele, die mit der Regierung, den Sicherheitskräften oder westlichen Interessen in Verbindung gebracht werden können. Als auch Islamabad immer wieder getroffen wurde, waren die meisten der 900.000 Einwohner nach wie vor der Meinung, dass die Hauptstadt mit dem Krieg nichtszu tun habe. Doch der Bombenanschlag vor rund einem Jahr auf das Marriott-Hotel zeigte, dass Islamabad sehr wohl im Fadenkreuz der Islamisten steht.

„Das Leben muss weitergehen“

„Wenn wir morgens das Haus verlassen, beten wir und bitten unsere Familienmitglieder zu beten, dass wir wieder heil und gesund zurückkommen“, sagt Mohammad Rahim, der ein Elektrogeschäft im Stadtzentrum betreibt. Viele Pakistani bleiben inzwischen aus Angst zu Hause. Restaurantbesitzer haben eigenen Angaben zufolge zwei Wochen nach Beginn der jüngsten Regierungsoffensive gegen die Extremisten einen Umsatzrückgang von 50 Prozent verzeichnen müssen. Nach dem Anschlag auf die Universität bleiben viele Schulen geschlossen. Rektoren bemühen sich, die Gebäude so gut wie möglich gegen potenzielle Angriffe zu sichern. Arbeiter errichten Barrieren, die Selbstmordattentäter im Auto aufhalten sollen.

„Sobald es eine Explosion gibt, stehen die Dinge für ein oder zwei Tage still. Doch das Leben muss weiter gehen“, sagt Najmi Rizvi. Sie leitet eine Vorschule, in der nur noch die Hälfte der Kinder anwesend ist. „Wir müssen mit dieser Situation leben“, sagt sie, während draußen kostümierte Kinder ausgelassen über den Hof stürmen.

Bewaffnete Sicherheitskräfte im Einsatz

Angesichts des öffentlichen Ärgers über den von den USA geführten Krieg im benachbarten Afghanistan und dem freundschaftlichen Verhältnis der pakistanischen Regierung zu Washington sind besonders die in Islamabad lebenden Ausländer gefährdet. Die wichtigste Enklave der ansässigen Diplomaten ist von der restlichen Stadt abgezäunt. Inzwischen gleicht sie einem Viertel aus Festungen. Das Gelände liegt abgeschottet hinter konzentrischen Ringen aus Stacheldraht, Betonmauern und Stahltoren. Bewaffnete Sicherheitskräfte der Regierung und eine Armee privater Wächter sind allgegenwärtig.

Trotz der Anschläge sind Politik und Militär entschlossen, gegen die Aufständischen in deren Hochburg in Süd-Waziristan vorzugehen. Die Unbeliebtheit der Regierung und der Glaube, ein Abzug der US-Truppen aus Afghanistan würde die Gewalt beenden, verhindern allerdings eine uneingeschränkte Unterstützung.

Verschwörungstheorien sehen das benachbarte Indien oder die Vereinigten Staaten in die Anschläge in Pakistan verstrickt. „Wir wollen ein normales Leben führen. Darum hört endlich, was die Rebellen sagen. Sie sind gegen amerikanische Soldaten in Afghanistan“, sagt beispielsweise Imran Ali, ein 32-jähriger Teppichhändler. „Was Amerika macht ist illegal und genau das ist die Wurzel allen Übels.“

ap