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Politik Intensivmediziner sehen noch keine Entspannung: Patienten gar nicht oder nicht vollständig geimpft
Mehr Welt Politik Intensivmediziner sehen noch keine Entspannung: Patienten gar nicht oder nicht vollständig geimpft
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09:50 13.10.2021
Mitarbeiter der Pflege behandeln einen Patienten mit Corona-Infektion auf der Intensivstation des Universitätsklinikums Essen.
Mitarbeiter der Pflege behandeln einen Patienten mit Corona-Infektion auf der Intensivstation des Universitätsklinikums Essen. Quelle: Fabian Strauch/dpa
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Berlin

Wer am gesellschaftlichen Leben teilhaben will, muss sich impfen lassen – oder zahlen. Das gilt seit Montag. Denn Corona-Tests sind seitdem nur noch in Ausnahmefällen kostenlos. Ein Blick auf die ersten Zahlen zeigt: Die Regelung könnte der Impfkampagne tatsächlich noch einmal den erhofften Schub geben.

Dem Robert Koch-Institut wurden am Montag 26.587 Erstimpfungen gemeldet. Es ist zu erwarten, dass diese Zahl durch Nachmeldungen nach oben korrigiert werden muss. Im Vergleich zum Montag der Vorwoche (31.629 Erstimpfungen) bahnt sich eine Stagnation an, die dem sinkenden Trend der vergangenen Wochen entgegensteht. Die Tendenz bestätigt sich mit Blick auf die Gesamtzahl der Impfungen: In den vergangenen sieben Tagen wurden 903.657 Impfungen gemeldet, in der Vorwoche 980.248. Nachmeldungen werden die Lücke noch verkleinern.

„Gleichgültige erreichen wir über den Preis“

Der Bundesverband der Kassenärzte wollte sich am Dienstag nicht zu den Auswirkungen der Neuregelung äußern, für eine Beurteilung des Impffortschritts sei es noch zu früh. Ein Sprecher verwies auf die Ferienzeit, in der grundsätzlich eher weniger Impfungen durchgeführt werden. Offenbar rechnen die Kassenärzte nach dem Ende der Ferien mit einem Anstieg.

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„Wir haben den Eindruck, dass das die Impfbereitschaft deutlich beflügelt“, sagt hingegen Jürgen Zastrow, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung in Köln. Lange sei man davon ausgegangen, dass es sich bei den Impfverweigerern um „Fundamentalisten“ handle, so Zastrow. „Tatsächlich haben wir es aber vor allem mit Gleichgültigen zu tun, die wir jetzt über den Preis erreichen.“

Nach Informationen des RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) wurden am Montag im Kölner Gesundheitsamt mehr als 400 Menschen geimpft – etwa dreimal so viel wie an vergleichbaren Tagen.

Fast nur Ungeimpfte auf den Covid-Intensivstationen

Die Intensivmediziner hoffen mit Blick auf die Belastung ihrer Stationen auf einen deutlichen Anstieg der Impfbereitschaft. „Die allermeisten Patienten, die wir behandeln – das wissen wir aus den Gesprächen mit vielen Kollegen großer deutscher Intensivstationen – sind gar nicht oder nicht vollständig geimpft“, sagte Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), dem RND. Die geimpfte Minderheit auf den Intensivstationen bestehe zu großen Teilen aus älteren Patienten, deren zweite Impfung schon weit zurückliege. „Diese Menschen leiden in aller Regel zudem unter schweren chronischen Krankheiten“, sagte Marx.

Die politische Entscheidung, Corona-Tests kostenpflichtig zu machen, „will ich in keine Richtung kommentieren“, sagte Marx. „Klar ist aber: Wir haben mit der Impfung eine kostenlose und sehr effektive Möglichkeit, uns zu schützen“, so Marx weiter. „Es ist mir ein Anliegen, die Menschen, die noch nicht geimpft sind, zu bitten: Denkt noch einmal drüber nach. Das Virus hat einen saisonalen Effekt, ein Anstieg in den Wintermonaten ist überhaupt nicht auszuschließen. Es kann ohne Impfschutz tödlich sein“, sagte Marx. Die Risiko-Nutzen-Abwägung falle „glasklar“ zugunsten der Impfung aus.

Die Kapazitäten für freie Betten auf den Intensivstationen seien aktuell relativ stabil. „Im Moment sind wir in einer Plateauphase, wir stagnieren bei etwa 1300 Covid-Intensivpatienten. Die Lage ist unter Kontrolle“, sagte Marx. „Wir sind inzwischen handlungsfähig und haben im Schnitt zwei freie Intensivbetten pro Standort“, so Marx weiter. Von einer Entspannung sei aber keineswegs zu sprechen.

Die Wintermonate „sind ohnehin geprägt von einer hohen Belastung, das liegt auch an den Grippepatienten“. Weiterhin sei Covid-19 für die Intensivmedizin eine „große Belastung“, die Lage auf den Intensivstationen werde inzwischen aber „nicht mehr immer und zuallererst von Corona bestimmt“, so Marx weiter. „Wir sind in einer sehr offenen Situation, Prognosen für die kommenden Monate sind kaum möglich.“

Eine große Herausforderung sieht der Mediziner darin, die Kolleginnen und Kollegen „auch durch diesen schwierigen Winter motiviert zu halten“, sagte Marx. „Wer die vergangenen anderthalb Jahre auf einer Intensivstation gearbeitet hat, ist derzeit vor allem eines: erschöpft. Und überstanden ist die Pandemie ja noch nicht.“

Von Paul Gross/RND

Der Artikel "Intensivmediziner sehen noch keine Entspannung: Patienten gar nicht oder nicht vollständig geimpft" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.